Irgendwann hat Jason Bourke aufgehört zu zählen. Nach 15 oder 16 Operationen, mit denen Ärzte versuchten, seine zertrümmerte Ferse im linken und die gebrochenen Mittelfußknochen im rechten Fuß zu reparieren. "Ich saß ein Dreivierteljahr im Rollstuhl, und nochmal ein Dreivierteljahr ging ich an Krücken", erzählt Bourke. Zehn Jahre ist das inzwischen her, noch heute hat er mitunter starke Schmerzen, kann keine weiten Strecken laufen und dabei keine schweren Lasten tragen.

Der 33-jährige Unterfranke ist Hauptfeldwebel bei der Bundeswehr, arbeitet im Stabsdienst an der Infanterieschule in Hammelburg. Seine Verletzungen rühren aus einem Einsatz in Afghanistan. Wenn aktuell berichtet wird, dass sich die Nato und damit auch die Bundeswehr von dort zurückziehen, liest sich das nüchtern, dahinter stecken aber tausende einzelner Lebenswege von Soldaten, die vor Ort dienten, im Einsatz ums Leben oder verwundet zurück in die Heimat kamen beziehungsweise aktuell noch in Kundus sind.

Bei Einsatz in Afghanistan auf Sprengfalle geraten

Für Bourke war es der 18. März 2011, der seiner Karriere bei der Bundeswehr und seinem Leben eine radikale Wende gab: Es ist sein erster Auslandseinsatz. Anfang Januar kommt er im Lager der Bundeswehr in Afghanistan an. Dann, an jenem Tag im März, ist er - selbst zur Hälfte Amerikaner - als Verbindungssoldat zu den Deutschen an Bord eines Militärfahrzeugs der US-Armee.

Sie sind unterwegs, um sogenannte IEDs von den Straßen zu räumen. IED steht im Englischen für Improvised Explosive Device. "Das sind Bomben, die die Taliban aus alten Granaten oder Hülsen bauen", erläutert Bourke.

Er erzählt von einer Familie, die eine Woche zuvor auf eine der IEDs geriet. Frau, Kind: tot. "Den Terroristen ist egal, wer verletzt wird, die wollen nur Unruhe stiften", berichtet er. "Dabei treffen sie sehr oft auch die eigene Bevölkerung. Das, was wir vor Ort tun, war für mich etwas Positives. Wir haben die Bomben geräumt und so auch der Bevölkerung geholfen."

Zwei Tage später im Bundeswehrkrankenhaus in Ulm aufgewacht

Bei dem Einsatz im März geraten Bourke und sein Trupp selbst auf eine der Sprengfallen. Diese wird per Fernzünder aktiviert und detoniert unter dem Wagen. "Ein Captain der Amerikaner, ein Deutscher und ein afghanischer Übersetzer. Die haben das Fahrzeug aus der Ferne beobachtet und gedacht, das muss ein Wichtiges sein", sagt Bourke.

"Das Letzte, an das ich mich erinnere, ist der afghanische Übersetzer, der mir gegenübersaß. Wie in Zeitlupe wurde er von der Sitzbank in die Luft gehoben. Dann bin ich zwei Tage später im Bundeswehrkrankenhaus in Ulm aufgewacht."

Was dazwischen passiert ist, weiß er nur aus Erzählungen. Demnach war Bourke zunächst noch ansprechbar. Das werde jetzt ewig dauern, soll er zu einem der Kameraden, die zur Rettung eilten, mit Blick auf die Sicherung der Anschlagsstelle gesagt haben. Und: ,Übrigens meine Füße tun weh.‘

Reanimation und künstliches Koma

Seine linke Ferse ist in hunderte Einzelteile zersprungen, wie sich später herausstellt. Im rechten Fuß sind die Mittelfußknochen gebrochen. Bourke erleidet eine Lungenembolie. Auf dem Flug nach Deutschland muss er reanimiert werden und wird in ein künstliches Koma versetzt.

"Als ich wieder aufwachte, hatte ich höllische Schmerzen in den Füßen. Und ich wusste im Prinzip nicht, wo hinten und wo vorne ist. Man hat mir dann erklärt, dass ich wieder in Deutschland bin."

Ob es ihm schwerfällt, seine Geschichte zu erzählen? "Nein", sagt Bourke. "Das macht mir eigentlich weniger aus." Auch eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), wie sie bei vielen anderen Kameraden diagnostiziert wird, hat er nicht davongetragen. "Aber jeder, der im Einsatz war, nimmt seelisch etwas mit", sagt er und nickt nachdrücklich. "Definitiv."

Die Entscheidung zur Bundeswehr zu gehen, würde Bourke dennoch wieder treffen, wie er nach kurzem Überlegen sagt. "Ich bin gerne Soldat. Soldat sein ist mehr, das ist wie bei Polizisten oder auch Feuerwehrleuten, eine bewusste Entscheidung."

Wie Jason Bourke zur Bundeswehr kam und mehr zu seinem Einsatz in Afghanistan

Bundeswehr: 2008 wird Jason Bourke von der Bundeswehr angeworben. Er entscheidet sich, nicht nur die Wehrpflicht zu absolvieren (die damals noch existiert), sondern verpflichtet sich zunächst für vier Jahre. "Ich war jung und wollte einfach ein bisschen Abenteuer erleben", erzählt er rückblickend. Die Fallschirmjäger sucht er sich als Einheit aus. Im oberbayerischen Altenstadt springt Bourke zum ersten Mal aus einem Flugzeug. "Das ist Wahnsinn, ein unglaubliches Freiheitsgefühl."

Auslandseinsatz: Bei seinem Einsatz in Afghanistan ist Bourke als Verbindungssoldat zur US-Armee und als Maschinengewehrschütze eingesetzt. Freiwillig hat er sich nicht gemeldet, er wird dorthin beordert. Aber: "Ich habe mich freiwillig bei der Bundeswehr gemeldet. Dabei ist klar, dass das auch Auslandseinsätze beinhalten kann." Wenn das Parlament beschließe, dass die Bundeswehr geschickt wird, dann sei das als Soldat so zu akzeptieren. "Die Kameradschaft ist sehr groß", berichtet Bourke. "Es war für mich keine Frage, nicht zu gehen. Ich wollte meine Kameraden nicht im Stich lassen." Seine Familie und seine Freundin, jetzt Ehefrau, machten sich große Sorgen, dass etwas passieren könnte. Als er nach dem Sprengstoffanschlag nach Ulm ins Krankenhaus kommt, habe sich die Bundeswehr sehr gut um seine Familie gekümmert, sagt Bourke, und diese zum Beispiel jede Woche zu ihm in die Klinik gefahren.

Land und Leute: In Erinnerung geblieben ist Bourke zum einen die schöne Landschaft. "Die Bevölkerung habe ich als sehr freundlich erlebt", erzählt er weiter. "Sogar der Ärmste der Armen würde einem einen Tee oder ein Stück Gebäck anbieten, wenn er noch welches hat." Mit einigen afghanischen Jungs haben die Soldaten vor Ort in Kundus auch Fußball gespielt, wie der 33-Jährige berichtet. Es sei von Dorf zu Dorf unterschiedlich, wie auf die Soldaten reagiert wird. "Während im einen Dorf die Kinder auf einen zukommen und nach Süßigkeiten oder einem Fußball fragen, wird man im anderen Dorf mit Steinen beworfen, weil die Taliban die Leute mit ihrer Propaganda gegen uns aufgebracht haben."

Alltag: Wenn die Fahrzeuge gereinigt, die Waffen und das übrige Material auf Stand gebracht sind, bleibt im Camp der Bundeswehr auch Platz für Freizeit. "Wir hatten in einem Gemeinschaftsraum die Möglichkeit, Fernsehen zu gucken. Man konnte Musik hören oder ein Buch lesen. Oder Kartenspiele spielen. Schafkopf habe ich zum Beispiel erst in Afghanistan gelernt." Auch einen Kraftraum gab es und die Möglichkeit, auf dem Gelände der Kaserne joggen zu gehen, was Bourke jetzt durch seine Fußverletzung unmöglich ist.

Gefahr: "Als wir das Camp das erste Mal verlassen haben, hatte ich extrem Panik", sagt Bourke auf die Frage, wie er die ständige Gefahr bei seinem Einsatz in Afghanistan erlebt hat. "Ich habe ganz genau beobachtet und geguckt. Aber je öfter man rausfährt, umso mehr stumpft man ab. Man wird mit der Zeit lockerer. Die Angst kann kein Dauerzustand sein und man hat ja auch seine Aufgaben, auf die man sich konzentriert. Es ist ja nicht so, dass man einfach durch die Gegend fährt."

Truppenabzug: Seine Meinung zum Abzug der Truppen aus Afghanistan möchte Bourke nicht äußern. "Als Soldat muss man da einfach neutral bleiben." Für sich selbst könne er sagen, dass sein Einsatz vor Ort etwas bewirkt hat. "Durch das Wegräumen der IEDs konnte ich der Bevölkerung helfen und zivile Opfer verhindern."