Anita Helle und ihr Sohn waren die ersten, die in der Hammelburger Stadtbibliothek einen Leserausweis hatten. Und obwohl sie nicht mehr in Fuchsstadt wohnt, wo sie 1988 dann selbst eine Bücherei mit aufgebaut hat, kommt sie immer noch gerne nach Hammelburg. "Die Mitarbeiterinnen sind jederzeit freundlich und hilfsbereit und mit einem Lächeln auf den Lippen", lobt sie das Team. Die Bücherei sei sehr gut sortiert, vom Sachbuch für Erziehung bis hin zu Kinderbüchern, die die pensionierte Lehrerin inzwischen für ihre Enkel mitnimmt.

Sie kaufe nur noch spezielle Bücher selbst über Fachgebiete (oft auch spiritueller Art), "in denen ich dann was anstreichen kann oder es später noch mal aus dem Bücherschrank hole". Das sei nachhaltig, Platz- und Geldsparend, "denn Bücherschränke kommen in den Jahren auch an ihre Grenzen". Das Lesen habe sie ihr Leben lang begleitet, Bücher gehörten von klein auf dazu. Obwohl ihr Vater einen Bauernhof in Gelchsheim bei Aub gehabt habe, sei er ein belesener Mann gewesen und habe stets darauf geachtet, dass sie "was Gescheites" lernt. Das hat die heute 68-Jährige, die viele Jahre mit Herzblut Lehrerin für Steno und Schreibmaschine war, im Laufe der Jahre zu schätzen gelernt.

Die Stadtbibliothek biete eine sehr große Auswahl an aktuellen Bestsellern, Sachbücher aus den verschiedensten Bereichen und sehr gute Spiele, sagt Helle, die sieben Mal umgezogen ist und viele Büchereien kennt. Und sie betont den großen Beitrag der Bücherei auch im Hinblick auf die Lesekompetenz. Nach einer Phase, in der sie überwiegend Krimis von Inge Löhnig bis Mankell gelesen hat, hat sie selbst vor ein paar Jahren Familiensagas für sich entdeckt. Sagt's und packt zwei Bände von "Das Kaffeehaus" von Marie Lacrosse in ihren Korb. Bücher waren für die Alleinstehende, die jetzt in Bad Kissingen wohnt, wo sie natürlich auch einen Bücherei-Ausweis hat, in Zeiten von Corona wichtiger denn je.

Anders als gedacht: Vorfreude blieb aus

Natürlich bestimmte auch in der Bücherei Corona den Alltag. "Das Corona-Jahr 2021 hat uns und unseren Lesern einiges abverlangt", schreibt die Leiterin der Hammelburger Stadtbibliothek, Karin Wengerter in ihrem Jahresbericht. Das Jahr fing mit einem Lockdown an. Die gewohnte Vorfreude auf geplante Projekte und Veranstaltungen sei ausgeblieben, "die Jahresplanung gestaltete sich anders als gedacht". Da es bereits der zweite Lockdown war, habe man jedoch schnell und flexibel reagieren können. Bestell- und Lieferdienst wurden durch Click&Collect abgelöst. "Das positive Echo darauf war uns ein Antrieb, der Pandemie voller Motivation zu begegnen". Doch die Bibliotheken büßten in dieser Zeit ihre Qualität als Aufenthaltsort und Treffpunkt ein, in Zeiten von Corona will niemand länger verweilen.

Kunden freuten sich zwar nach der Wiedereröffnung im März, verhielten sich aber sehr vorsichtig. "Nach und nach haben sich die Kunden wieder zu uns getraut. Sie betonten, wie sehr ihnen die Bibliothek als Verweilort fehlt", berichtet Wengerter. Die Statistik-Zahlen bilden die Corona-Jahre gut ab: Obwohl 2020 weniger Stunden offen waren, kamen doch mehr Leser - und haben auch mehr ausgeliehen. Die Zugangsbeschränkungen 2021 wirkten dagegen abschreckend - mit dem Effekt weniger Besucher (21 309 statt 51955 in 2019) und weniger Ausleihen (73 498 statt 87 275 in 2019 und sogar etwas mehr in 2020).

E-Medien boomen

Wie bereits im Vorjahr verstärkte sich die Nutzung digitaler Medien. Durch die Pandemie haben viele die elektronischen Bücher für sich entdeckt. 18 Prozent aller Entleihungen sind E-Medien. Überrascht sei man vom Boom der neuen E-Audios gewesen: Die Ausleihe der Hörbücher, die sich der Kunde von daheim aus auf's Smartphone oder Tablet herunterladen kann, habe sich fast verdoppelt, berichtet Wengerter. Die traditionellen Hörbücher auf CD haben dadurch eine starke Einbuße erlitten. Das werde bei künftigen Anschaffungen berücksichtigt, sagt sie. 128 Leser nutzen ausschließlich E-Medien. Das sind 7,8 Prozent der aktiven Nutzer.

Das Kinderprogramm ist hoffnungsvoll gestartet, musste dann jedoch weitgehend abgesagt werden. Mehr Glück hatte das Büchereiteam mit den Ausstellungen, die allerdings mehr Besucher verdient hätten, und dem Ferienprogramm, dessen sieben Aktionen und Kurse alle stattfanden. Gut besucht waren auch die beiden Lesungen. Die E-Book-Sprechstunde wird gut angenommen, sie wird auch weiterhin angeboten.

Beim Sommerleseclub hatte die Bibliothek ein Rekordergebnis: 106 teilnehmende Schülerinnen und Schüler haben in den Sommerferien 912 Bücher gelesen. Das sind durchschnittlich fast neun Bücher pro Kind - ein beeindruckendes Ergebnis! Auch das neue Angebot "Fake Hunter" wurde bereits bei einer Klasse getestet: Mit Hilfe von Prüfwerkzeugen werden hierbei in Teamarbeit Online-Artikel auf ihre Glaubwürdigkeit untersucht.

Die Einführung der Selbstverbuchung ist bereits gelungen. Gescheitert sei jedoch der Plan, eine Bürgerumfrage zur Nutzung des Kaufhauses zu starten. Zwar habe man Flyer im ehemaligen Kaufhaus verteilen und eine Befragung zumindest im Kleinen starten wollen, alle Termine wurden jedoch coronabedingt abgesagt. Doch was nicht ist, kann ja noch werden. Die Bibliothekarin findet, es gibt viele Möglichkeiten, um das Bürgerhaus auch tatsächlich zu einem solchen zu machen, einem nichtkommerziellen Ort für Strick- oder Geschichtskreise, Ausstellungen von Hammelburger Künstlern oder anderen Sachen zum Ausprobieren. "Man muss eben herausfinden, was die Leute wollen", so Wengerter, dann könne man dies anstoßen und begleiten.

Projekt wird noch dieses Jahr umgesetzt

Dem Ziel, die Bibliothek als zentralen Veranstaltungsort zu etablieren, sei man aber ein kleines Stück näher gekommen: "Wir haben einen Zuschuss bekommen für die Einrichtung der Lernräume in Höhe von 90 Prozent. Mit dem Förderprogramm 'WissensWandel. Digitalprogramm für Bibliotheken und Archive innerhalb von Neustart Kultur' unterstützt uns der Deutsche Bibliotheksverband (dbv). Das Projekt wird 2022 umgesetzt", teilt Wengerter mit.

Die Bibliothekarin dankte den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die letztes Jahr 400 Arbeitsstunden geleistet haben. Für dieses Jahr sind drei Ausstellungen, der Sommerleseclub und kleine Veranstaltungen fest eingeplant. Ansonsten wird das "Bürgerhaus" viel Planungszeit auffressen, wo die Stadtbibliothek weniger Platz haben wird. Dort will Leiterin Karin Wengerter übrigens einen 3D-Drucker anschaffen.