Das kommt beim Verwaltungsgericht so gut wie nie vor, dass ein Kläger, wenn scheinbar alles gesagt wurde und das Gericht sich zur Urteilsberatung zurückzieht, sagt: "Der liebe Gott sei mit Ihnen." Und in dem Fall ging es dem Kläger aus der Asylbewerberunterkunft in Hammelburg nicht nur um sein Anliegen, sondern das vieler verfolgter Landsleute aus Biafra im afrikanischen Nigeria. Er bete darum, dass Deutschland geflüchteten christlichen Igbo aus seiner Heimat Schutz gewähre und dafür Segen von oben erfahre.

Vater bei Gedenkfeier erschossen

Das war erkennbar keine prozessuale "Masche", genauso wie die vielen Tränen und Pausen, weil der Kläger keine Worte mehr rausbrachte. Nach einer Verhandlung von dreieinhalb Stunden hat man es Solomon Chibuike (23) auch abgenommen, als er auf die Frage der Richterin Clara Emmerich, wie es ihm derzeit geht, über den Dolmetscher sagte: "Ich fühl mich wie bereits gestorben." Und sein Kopf sei "kaputt".

Ausführlich schilderte Solomon Chibuike, wie sein Vater 2016 bei einer jährlichen Gedenkfeier für die Helden des Biafra-Krieges erschossen wurde, dass das Militär den Leichnam und hunderte andere aufgeladen hat, sodass er sich nicht einmal verabschieden konnte. Immer noch könne er nachts nicht schlafen, nur mit Medikamenten, und dann auch höchstens eine Stunde. Da kämen dann die Bilder von dem Massaker, einzeln, Ausschnitte oder in Serie, dazu unmenschliche Erlebnisse auf der Flucht, durch Libyen, auch im EU- Land Italien.

Der junge Mann aus Nigeria klagt bereits zum zweiten mal vor dem Verwaltungsgericht. Sein erster Asylantrag wurde mit Bescheid des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge abgelehnt, die folgende Klage beim Verwaltungsgericht Würzburg mit rechtskräftigem Urteil vom 5. März 2021 abgewiesen. Daraufhin stellte der Kläger einen sogenannten Asylfolgeantrag, der mit Bescheid des Bundesamtes vom 12. August 2021 als unzulässig abgelehnt wurde. Zugleich wurde festgestellt, dass "zielstaatsbezogene Abschiebungsverbote" nicht bestehen. Gemeint: Keine Gefahr bei der Rückkehr nach Nigeria. Dieser Bescheid ist Gegenstand des aktuellen gerichtlichen Verfahrens.

Bestätigung durch Psychiater

Und was sind die Argumente des Klägers in der zweiten Prozessrunde? Er macht psychische Probleme geltend, welche er in Folge der gewaltsamen Auflösung der Feierlichkeiten zum Biafra-Tag im Jahr 2016, als sein Vater vor seinen Augen getötet und er festgenommen wurde, aber in den Busch flüchten konnte, entwickelt habe. Er leide, formulieren Anwälte und Helfer für ihn, an einer posttraumatischen Belastungsstörung sowie wiederholt auftretenden depressiven Episoden. Aufgrund dessen bestehe bei einer Rückkehr nach Nigeria eine erhebliche Gefahr für Leib und Leben. Eine Abschiebung würde auf ihn "retraumatisierend" wirken. Darüber hinaus drohe ihm bei Abbruch seiner Behandlung und struktureller Veränderung seines Bezugssystems eine völlige Struktur- und Hilflosigkeit. Es sei mit suizidalen Handlungen zu rechnen.

Psychiater Dr. Martin Flesch, Facharzt unter anderem für forensische Psychiatrie, kennt Asylbewerber aus seiner regelmäßigen Sprechstunde zusammen mit der Missionsärztlichen Klinik in der Gemeinschaftsunterkunft in Würzburg. Wenn Solomon Chibuike von "sich umbringen" spreche - und das tue er oft, sei das nicht fordernde Absicht sondern echt, nicht geschauspielert. Bei einer Abschiebung nach Nigeria seien die Chancen des jungen Mannes, zu überleben, gering, Ängste, Panik, hoher Verzweiflungsgrad, bestenfalls würde er weggesperrt.

Wichtige Rolle des Helferkreises

Alles, was der Kläger berichtet an schlimmen Erlebnissen, so der Gutachter, habe sich mit seinem psychischen Krankheitsbild abstimmen lassen. Vor allem die Nächte seien schlimm, wenn man ohnehin nicht schlafen kann und die Bilder des Erlebten sich im Kopf wie ein Karussell drehen. Tagsüber kann Arbeiten noch ablenken, aber nachts hole ihn die Vergangenheit ein. Die suizidale Gefährdung sei ernst zu nehmen, sagte Dr. Flesch, ohne den Helferkreis aus der evangelischen Auferstehungskirche in Schweinfurt hätte es den zweiten Prozess am Verwaltungsgericht vermutlich gar nicht gegeben. Mindestens zwei Jahre seien zunächst einmal noch nötig, um den Kläger zu stabilisieren. Das Gutachten hat, meinten Zuhörer zuversichtlich, die Weichen für ein Urteil gegen die Abschiebung gestellt

Es war eine sogenannte Einzelrichter-Sitzung, das heißt Richterin Emmerich war voll gefordert: Kein Kollege an der Seite, den man mal in Überlegungen einbeziehen konnte, keine Protokollführerin, alles selbst ins Diktiergerät rein formulieren. Deswegen ist der Urteilstenor, ob Abschiebung oder nicht, frühestens gegen Ende der Woche zu erwarten, die ausführlichen Urteilsgründe folgen später. Bemerkenswert war bei der Verhandlung nicht nur, dass der Kläger zu Beginn über den Dolmetscher den lieben Gott ins Gespräch brachte. Ebenso ungewöhnlich waren für ein Asylverfahren die zahlreichen Zuhörer, Freunde aus der Schweinfurter Auferstehungskirche. Die waren nach Würzburg gefahren, überzeugt davon, dass es für Solomon "um Leben und Tod" geht. Auf Nachfrage will sich der Unterstützerkreis aktuell nicht äußern, die 13 Besucher der Verhandlung seien zu aufgewühlt.