Die Bilder gehen um die Welt. 640 Menschen in einem Frachtraum. Menschen, die sich an Flugzeuge klammern. Grund dafür ist ihre panische Angst vor den Taliban. Mittlerweile haben die Terroristen das Land unter ihrer Kontrolle. Für die dortigen einheimischen Helfer der Bundeswehr herrscht Lebensgefahr. Mittlerweile fliegt die Luftwaffe die Ortskräfte aus der brisanten Situation aus. Zu solch dramatischen Szenen hätte es nicht kommen müssen, sagen Kritiker. Denn: Bereits im Juni beriet der Bundestag über eine geordnete Rettung der Helfer. Angeregt von den Grünen - doch da wollten die anderen Parteien nicht mitstimmen.

Der Antrag der Grünen wurde abgelehnt. Unter anderem von CDU/CSU. Roderich Kiesewetter, Ex-Generalstabsoffizier und Bundestagsmitglied für CDU, sagte via Twitter: "Es war ein großer und gravierender Fehler, den Antrag der Grünen - aus Prinzip - abzulehnen. Punkt." Dorothee Bär, die hiesige Bundestagsabgeordnete der CSU, sieht das anders: "Die Einschätzung zur Lage in Afghanistan fiel im Juni noch sehr anders aus. Mit den Kenntnissen von heute würde man sicher anders entscheiden."

"Es ist ein scheiß Gefühl."

Ein Satz, der Manuela Rottmann, Bundestagsmitglied bei den Grünen, umtreibt. "Es war absehbar. Wir waren nicht die einzigen, die es haben kommen sehen." Als Hammelburgerin hat sie viel Kontakt zu den dort stationierten Soldaten, darunter auch militärisches Personal, das in Afghanistan eingesetzt war. "Sie haben es mir seit Monaten erzählt", dass es zu derartigen Zuständen kommen werde. Rottmann kontaktierte daraufhin das Verteidigungsministerium. "Es gab immer vertröstende Antworten. Das tut richtig weh." Auf die Frage, wie es sich anfühlt, Recht gehabt zu sagen, sagt sie: "Es ist ein scheiß Gefühl. Ich bin richtig verzweifelt."

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Dass niemand Verantwortung übernehmen möchte, stört sie. "Jeder schiebt es auf einen anderen. Es ist eine Regierung, die auch als eine Regierung handeln und Verantwortung übernehmen muss." Die Grünen-Politikerin meint: "Das heißt auf der einen Seite braucht es Lösungen, und auf der anderen Seite darf niemandem Sand in die Augen gestreut werden, dass es angeblich nicht anders machbar gewesen wäre." Denn: "Auch diejenigen, die in Afghanistan gekämpft haben, haben den Anspruch auf Ehrlichkeit."

Flüchtlingswohnungen reaktivieren

Wie es jetzt weitergehen muss ist für sie klar. "Die Landkreise haben 2015 enorm viel geleistet. Wir müssen die dezentral angemieteten Wohnungen von damals reaktivieren." Außerdem müssten für Afghanen, die bereits hier leben, Perspektiven geschaffen werden. "Da geht es um die Menschen, die momentan in Deutschland geduldet sind. Sie werden auf absehbare Zeit nicht nach Afghanistan zurückkommen. Die müssen raus aus dem Duldungsstatus, die Leute wollen arbeiten - das sollte man ihnen ermöglichen."

Sabine Dittmar (SPD) sieht ebenfalls Handlungsbedarf: "Wir haben insbesondere eine Verantwortung für Menschen, die mit ihrer Tätigkeit für deutsche Organisationen jetzt einer besonderen Gefahr ausgesetzt sind", sagt sie. Heiko Maas habe sich seit Monaten für eine schnelle und unbürokratische Ausreise der Ortskräfte eingesetzt, sagt sie. Das sieht Jürgen Trittin (Grüne) anders. Er warf dem Außenminister in der jetzigen Situation vor, eine Rettung und unbürokratische Aufnahme in Deutschland zu blockieren. Laut Sabine Dittmar sind mittlerweile (Stand 17.8.2021) rund 2000 ehemalige Helfer und deren Familien in Deutschland eingereist.

Notlage verhindern

"Viele Afghaninnen und Afghanen suchen jetzt vor allem in den Nachbarländern Schutz vor den Taliban. Es ist wichtig, eine humanitäre Notlage frühzeitig zu verhindern", sagt die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD. Es gelte , die afghanischen Anrainerstaaten bei der Aufnahme und Versorgung afghanischer Flüchtlinge zügig zu unterstützen.

Hilfe für Frauen und Mädchen

Auf Unterstützung der Anrainerstaaten pocht auch Dorothee Bär. Außerdem brauche es einen internationalen Sofortplan für Afghanistan. "Für Frauen und Mädchen, gerade für diejenigen, die offen für ihre Rechte eingetreten sind und sich in die Öffentlichkeit gewagt haben, ist die Lage akut lebensbedrohlich. Ihr Schicksal trifft mich besonders, sie benötigen sofort Hilfe aus Deutschland", kommentiert die Staatsministerin die Situation

Erst seit einigen Tagen gibt es trotz der dramatischen Lage einen Abschiebe-Stopp aus Deutschland nach Afghanistan. Schneller sei das nicht möglich gewesen, so Bär, und weiter: "Die Ereignisse haben sich in den letzten Tagen in einem enormen Tempo überschlagen. Auch andere Alliierte wie die USA wurden von der Geschwindigkeit des Vorstoßes der Taliban überrascht. Dementsprechend rasch und kurzfristig musste reagiert werden, was die Bundesregierung auch getan hat."

Flucht per Luftbrücke

Die CDU und CSU möchten Hilfe vor Ort leisten. "Die Bundesregierung ist bereits dabei, deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger sowie die afghanischen Ortskräfte, die Deutschland in den letzten Jahren tatkräftig unterstützt haben, aus Afghanistan heraus in Sicherheit zu bringen." Das gelinge beispielsweise über die angelaufene Luftbrücke.