Heftige Kritik übt ein Seniorenpaar aus Schondra an der Altersverteilung der bisherigen Erstimpfungen. In einem offenen Brief werfen die Eheleute Uwe (79) und Elisabeth Brüns (74) dem Bad Kissinger Landrat Thomas Bold (CSU) vor, in der Impfreihenfolge die gefährdete Altersgruppe der über 70-Jährigen zu vernachlässigen. Anlass ihrer Kritik war eine entsprechende Grafik in einem Bericht dieser Zeitung am 22. März.

Empörte Eheleute aus dem Landkreis schreiben offenen Brief

"Mit steigender Fassungslosigkeit verfolgt man in den Medien das Versagen der Politik in Zeiten der Pandemie", beginnt Uwe Brüns seinen offenen Brief auch im Namen seiner Frau und kritisiert, dass bis zum 21. März etwa genau so viele Impfwillige unter 70 Jahren (4823) eine Erstimpfung erhalten hätten wie über 70-Jährige (5698 Impfungen). Die das Paar vor allem betreffende Priorisierungsgruppe 2 der 70- bis 79-Jährigen habe mit nur 514 Erstimpfungen fast den niedrigsten Anteil - nach den 20- bis 29-Jährigen (463).

Verfasser des Briefs pocht auf Impfung

Brüns: "Das ist eine katastrophale Schieflage! Als direkt Betroffene müssen wir unserem Ärger Luft machen", ärgert sich der 79-Jährige, der wie seine Ehefrau wegen mehrerer Vorerkrankungen auf baldige Impfung pocht. "Wir sind beide als Risikopatienten registriert und haben entsprechende ärztliche Atteste." Es werde im Landkreis offensichtlich nach Kriterien geimpft, die mit der Bedürftigkeit nichts zu tun haben. In den Impflisten seien die meisten der unter 70-Jährigen sicher nicht bedürftig im Sinne der Gefahr einer schweren Covid-19-Erkrankung. "Wer wägt eigentlich die Verantwortung für jeden schwer Erkrankten beziehungsweise Toten ab, ...., weil der schon knappe Impfstoff nicht ausschließlich an Risikogruppen verimpft wird?", fragt der erboste Senior.

Landratsamt äußert sich zur Kritik der Eheleute

"Wir können nicht beeinflussen, wer wann eine Einladung zum Impfen erhält", antwortet Landrat Bold auf Nachfrage dieser Zeitung. "Die Termine vergibt das Registrierungsportal, das nach einem bestimmten Algorithmus funktioniert. Die Software wird uns zentral vom Bayerischen Gesundheitsministerium zur Verfügung gestellt und muss verpflichtend eingesetzt werden." Seine Kreisverwaltungsbehörde habe keinerlei Einfluss auf die Software und damit auch nicht auf die Terminvergabe, weist der Landrat ausdrücklich jeden Vorwurf zurück.

Die Vielzahl der jüngeren Erstgeimpften erklärt er einerseits mit den zusätzlich in die erste Priorisierungsgruppe aufgenommenen Berufsgruppen, andererseits mit der Verimpfung von AstraZeneca: "Als wir anfangs mit AstraZeneca versorgt wurden, durften wir diese Dosen nur an unter 65-Jährige verimpfen." Deshalb wurden Mitarbeiter in medizinischen Einrichtungen mit engem Kontakt zu vulnerablen Gruppen damit geimpft, die, obwohl deutlich jünger, als Berufsgruppe ebenfalls der Priorisierungsgruppe 1 zugeordnet sind, sowie einige Personen aus der nachfolgenden Gruppe.

Landratsamt hat keinen Einfluss auf die Menge des Impfstoffes

Bis Anfang April hofft der Landrat, "allen Registrierten der Priorisierungsgruppe 1 ein Impfangebot gemacht zu haben". Über 80-jährige Impfwillige, die noch nicht registriert sind, verweist er auf die Hotline des Landratsamt (0971) 801-1000. "Nur wer registriert ist, dem können wir auch ein Impfangebot machen." Anschließend werde man mit der Impfung von Personen der Kategorie 2 fortfahren. "Wie schnell das geht, hängt davon ab, wie viel Impfstoff wir zur Verfügung gestellt bekommen. Auch hierauf haben wir keinen Einfluss." Schon jetzt in der Übergangsphase würden Impfwillige der Kategorie 2 zur Impfung eingeladen, "wenn Termine von Personen der Kategorie 1 nicht wahrgenommen werden".

Sollten am Abend eines Impftages noch Impfdosen nicht verimpft sein, weil Gemeldete ihren Termin nicht wahrgenommen haben, werde immer versucht, andere Impfwillige anzurufen und kurzfristig einzuladen. "Auch dabei halten wir uns an die gesetzlichen Vorgaben", betont der Landrat. Es werde nichts willkürlich an Privatpersonen verimpft, widerspricht er solchen Gerüchten.

"Ich verstehe durchaus, dass medizinisches Personal und Pflegepersonal auch geimpft werden sollte", erwidert Briefschreiber Uwe Brüns auf Nachfrage unserer Zeitung. "Aber bitte doch nicht dadurch, dass die Menschen in den höchsten Risikogruppen immer weiter nach hinten gedrängt werden." Er sorgt sich vor allem um seine Ehefrau, "die mit 74 Jahren trotz ihrer Vorerkrankung kaum eine Chance hat, in absehbarer Zeit einen Impftermin zu bekommen". Sein Ärger mag sich inzwischen etwas gelegt haben: Nur einen Tag nach seinem offenen Brief an den Landrat wurde dem 79-Jährigen ein Impftermin genannt. Seine fünf Jahre jüngere Ehefrau muss allerdings noch weiter warten.