Am Ende geriet die Sache zum Kraftakt. Wegen der Feiertage und zusätzlicher Corona-Belastungen hatte die Hammelburger Verwaltung wenig Kapazitäten, ihre Stellungnahme rechtzeitig einzureichen. Doch Bürgermeister Armin Warmuth (CSU) kann sagen: "Wir haben die Dinge hingebracht, die wesentlichen Argumente benannt."

Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet möchte das Genehmigungsverfahren für die P43 (auch Fulda-Main-Leitung) von Mecklar in Hessen über Dipperz bei Fulda nach Bergrheinfeld voranbringen. Bis 2023 soll ein konkreter Korridor gefunden werden, durch den die Hochspannungsleitung führt. Nach jetzigem Stand wäre davon der westliche Landkreis Bad Kissingen betroffen.

In diesem Prozess muss die Öffentlichkeit her beteiligt werden. "Jetzt geht es um Hinweise, die relevant für die Verschiebung und Änderung der vorgeschlagenen Trassenkorridore sind. Und zwar vor allem die, die nicht in bestehenden Karten oder Flächennutzungsplänen stehen", sagt Cindy Schemmel, Referentin für Bürgerbeteiligung bei Tennet.

Als nicht bekannte Hinweise gelten zum Beispiel geplante Gewerbegebiete und Wohnbebauung, informiert Schemmel. "Dadurch können so große Raumwiderstände entstehen, dass man mit einem Korridor nicht mehr durchkommt." Allerdings macht die Referentin klar, dass nicht zwangsläufig der Korridor mit dem geringsten Raumwiderstand ausgewählt wird; das sei Abwägungssache.

Wenig überraschend wenden sich die Hammelburger gegen die P43. Bürgermeister Warmuth zeigt sich erschüttert über den Verlauf eines der vorgeschlagenen Korridore zwischen Windheim und Diebach, dann hinüber nach Untererthal, Feuerthal und schließlich zur A7.

Gerade die Anstrengungen in Sachen Naturschutz und Tourismus der vergangenen Jahre sieht er "erheblich beeinträchtigt". Dazu zählen das Biosphärenreservat, das Naturschutzgebiet Sodenberg das geplante Naturerlebniszentrum im Kellereischloss, aber auch das Weinbergshütten-Konzept. Warmuth befürchtet einen "massiven Zerschnitt des Stadtgebietes", einen Verlust an Lebensqualität, Wertverlust der Grundstücke. Er spricht auch als Vorsitzender der Allianz Fränkisches Saaletal.

Stellungnahme fristgerecht eingereicht

"Die Gemeinde Wartmannsroth hat fristgerecht zu ihrem Bereich und der P43 insgesamt ihre Stellungnahme eingereicht", sagt Bürgermeister Florian Atzmüller (CSU/FWGDR). Man habe vor allem auf das Schondratal als "wunderbares Naturschutzgebiet" aufmerksam gemacht. Aber auch darauf, dass die Stromtrasse durch ein dichtes Waldgebiet führen würde und für eine 70 Meter breite Schneide viele Hektar Wald fallen müssten. Schließlich verweist Atzmüller auf eine Anfrage für eine Photovoltaikanlage und den geplanten Mobilfunkmast bei Völkersleier.

Die Stadt Bad Brückenau hat ihre Stellungnahme am 7. Januar eingereicht - einen Tag vor Ablauf der Frist. Die Argumente gegen die P43 ähneln denen der anderen Kommunen. Als Hinderungsgrund führt Bürgermeister Jochen Vogel (CSU) zusätzlich den einengenden Truppenübungsplatz Wildflecken, das gleich angrenzende Wasserschutzgebiet der Stadt östlich von Römershag sowie ausgewiesene Baugebiete, die wegen der Trasse nicht mehr beplant werden könnten, ins Feld. Das Staatsbad mit seinen Kliniken liege plötzlich mitten in einem Vorschlagskorridor.

Die Stadt fürchtet durch die Leitung auch gesundheitliche Schäden bei Schülern und Lehrern des örtlichen Sport- und Schulzentrums. Auch der Titel als Heilbad sei in Gefahr. "Die Schutzgebiete für die städtischen Heilquellen Siebener-Sprudel und Georgi-Sprudel liegen voll im Gebiet der Stromtrasse."

Was passiert nun mit den Einwendungen?

Cindy Schemmel zufolge ging eine Vielzahl von Einwendungen ein. "Sie werden sortiert und gesichtet. Unsere Planer werten sie aus und nehmen sie mit auf." Wenn es keine schwerwiegenden Änderungen in den Plänen gebe, werde die Planung Ende März bei der Bundesnetzagentur eingereicht - und das Ergebnis veröffentlicht. Dann soll es auch die nächste Inforunde für die Betroffenen geben.

Es ist nicht die letzte Möglichkeit, Einwendungen zu erheben - das macht Schemmel auf Nachfrage klar. Das sei auch in der Planfeststellung möglich. In diesem Verfahren wird ab circa 2023 der konkrete Verlauf einer Stromtrasse in einem festgelegten Korridor gesucht. Ähnliches geschieht gerade beim Südlink-Gleichstromprojekt im östlichen Landkreis.

Damit tritt die Tennet-Frau den Aussagen von Elke Müller aus Rupboden entgegen. Das Mitglied der Bürgerinitiative Pro Sinntal hatte behauptet, Eingaben seien nur bis 8. Januar möglich. "Laut meiner Information möchte Tennet die Bürger ausschalten und erst wenn der Leitungsverlauf feststeht, die Bürger informieren, man möchte nicht noch einmal das erleben wie beim Südlink", schreibt Müller.

Die Bürgermeister von Hammelburg und Wartmannsroth wollen indes ihre Einwohner über die Einwendungen und die nächsten Schritte informieren - zum Beispiel über die Mitteilungsblätter. Armin Warmuth: "Es gilt, die Bevölkerung mitzunehmen. Ich habe den Eindruck, dass die P43 noch nicht so wahrgenommen wird."

Hintergrund:

Alternative Die Bundesregierung hat Tennet den Auftrag erteilt, die Höchstspannungsstrecke P43 - auch Fulda-Main-Leitung genannt - zu planen. Sie soll Wechselstrom über 130 Kilometer Luftlinie zwischen Mecklar (Hessen) und Bergrheinfeld-West im Landkreis Schweinfurt transportieren. Nach Angaben von Bürgerreferentin Cindy Schemmel existiert nur eine Leitung, die diesen Strom von Norden und Nordosten her aus Hessen nach Bayern bringt - und zwar von Mecklar nach Großkrotzenburg bei Frankfurt und dann Richtung Osten zurück nach Bergrheinfeld. "Wenn diese große Leitung ausfällt, wird es dunkel." Die P43 von Mecklar über Dipperznach Bergrheinfeld würde diese Strecke entlasten, eine Lücke im weitmaschigen Wechselstromnetz schließen. Sie wäre auch der direktere Weg. Würde man die Leitung nach Großkrotzenburg aufdimensionieren (sogenannte P43 mod), würde eine weitere Trasse von Thüringen in den Kreis Schweinfurt nötig, so Schemmel.

Zeitplan Voraussichtlich im April wird die Bundesbedarfsplanung in Bundestag und Bundesrat beraten und in Gesetzesform gegossen. Darin stehen die notwendigen Maßnahmen zum Ausbau des deutschen Stromnetzes. Das Werk wird alle vier Jahre aktualisiert. Laut Schemmel soll die P43-Streckenführung über Dipperz nach Bergrheinfeld überhaupt erst dort festgeschrieben werden. Nur dann könne der Genehmigungsprozess für die P43 anlaufen. Bisher stehe nur eine Streckenführung ohne Dipperz drin. Außerdem solle das Projekt Pilotcharakter erhalten. Demnach könnten Wechselstromkabel unterirdisch verlegt werden, auch wenn es sehr aufwendig wäre.