Der erste Notruf war Routine für die Einsatzkräfte. Wasser im Keller. Die Feuerwehrleute rückten mit ihren Pumpen an. Doch schnell war klar: Damit allein schaffen sie diesen Einsatz nicht. Sie vermuteten gefährliche Stoffe im Untergeschoss. Die Ahnung bestätigte sich. Bei einem großangelegten Spezialeinsatz stellten Sondereinsatzkräfte gestern in der Theresienstraße in Bad Kissingen giftige Chemikalien sicher. Wohnhäuser wurden evakuiert, die Straße abgeriegelt. Wegen einer Überflutung mischte sich der unkalkulierbarer Cocktail im Keller des Hauses. Der Auslöser: ein defekter Toiletten-Spülkasten. Gegen den Mieter wird jetzt ermittelt.

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag waren 200 Kräfte in der Theresienstraße im Einsatz.Die anliegenden Wohnhäuser wurden evakuiert, 24 Menschen durften die Nacht nicht in ihrer Wohnung verbringen. Verletzt wurde niemand. Der großangelegte Gefahrguteinsatz im Bad Kissinger Zentrum dauerte die ganze Nacht und sollte am folgenden Tag weitergehen.

Um 13 Uhr wurde die Theresienstraße für einen Spezialeinsatz gesperrt. Drei Stunden später hatten zwei Spezialkräfte der Technischen Sondergruppe (TSG) des Landeskriminalamts die explosiven Stoffe geborgen. Wie Polizei und Landratsamt mitteilen, handelt es sich um diverse Chemikalien aus dem Bestand eines ehemaligen medizinischen Labors, darunter auch Stoffe, die mit Wasser reagieren können. Sicherheitshalber wurde der Keller verschlossen.


Säuren und Laugen

Zum Vorschein kamen Ampullen und Apothekerfläschchen, die in einem Cocktail aus Chemikalien, Wasser und Schmutz in dem Keller herumschwammen. Die Fläschchen waren mit verschiedenen Stoffen gefüllt. Genau seien die Inhalte der Flaschen nicht festzustellen, weil sich die Etiketten im Wasser von den Behältnissen lösten. Am Nachmittag stellte sich heraus, dass einige mit Säuren und Laugen befüllt waren.

Bisher wurden geringe Mengen von Pikrinsäure identifiziert. Der Stoff gilt als giftig und explosiv. Gefährlich wird er, wenn er falsch gelagert wird, was hier laut Polizei und Landratsamt nicht der Fall war.

Noch bis zum Abend war eine Spezialfirma zusammen mit der Feuerwehr damit beschäftigt, den Keller komplett auszuräumen. "Man kennt das vom Hochwasser", sagt Sebastian Höckele, Angestellter der eingesetzten Firma "Remondis". Für die Entsorgung wird das Unternehmen "gsb - Sonderabfall-Entsorgung Bayern" sorgen.


Ständig kontrolliert

Spezialkräfte der Feuerwehr und ein Gefahrguttrupp der Verkehrspolizei sind noch dabei, die anderen unbekannten Substanzen zu prüfen. Das restliche Wasser wurde abgepumpt. Die Abfälle werden sicherheitshalber größtenteils als Sondermüll entsorgt. Das Trinkwassersystem wurde regelmäßig vom Landratsamt überprüft und überwacht. Die Werte lagen alle im Normbereich, teilt das Amt mit. Wie lange das Wasser schon im Keller stand, ist nicht bekannt.

Eine Explosionsgefahr bestand nie, versichern Polizei und Feuerwehr. "Wir wollten vorsichtig sein", sagt Stefan Haschke, Chef der Bad Kissinger Polizei. Dennoch: Von dem Chemikalien-Cocktail ging eine erhöhte Gefahr aus. Polizei und Feuerwehr sind sich inzwischen einig: Sie schreiben den Auslöser des Wassereinbruchs einem defekten Spülkasten einer Toilette zu. Der habe den Keller wohl unter Wasser gesetzt.

Am Mittwochabend standen die alarmierten Einsatzkräfte hüfthoch im Wasser in dem 100 Quadratmeter großen Kellerabteil. Nachdem sie auf erhöhte Kohlenmonoxidwerte und die Chemikalien aufmerksam wurden, brachen sie die Abpump-Aktion sofort ab.

Das Wasser, das in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag bereits abgepumpt wurde, wurde vom Bad Kissinger Institut Dr. Nuss untersucht. Es bestehe keine Belastung, die Werte seien unbedenklich. Das Wasser ist in die Kläranlage geleitet worden. Polizeisprecher Fabian Hench bestätigt die Entwarnung. Die Wasserproben seien unauffällig.

Der Kohlenmonoxidgehalt in dem Kellerraum war zwischenzeitlich erhöht. Mithilfe eines Lüfters wurde die Luft angesaugt, verwirbelt und nach draußen geblasen. An Messstellen am Rosengarten und auf dem Marktplatz wurden die Werte ständig kontrolliert. Die Kohlenmonoxidbelastung war nach Aussage von Fachleuten unbedenklich.

"Von dieser Dimension habe ich noch keinen Einsatz in Bad Kissingen erlebt. Hier wird großes Besteck aufgefahren", sagte Oberbürgermeister Kay Blankenburg, als er sich am Mittag ein Bild von der Lage verschaffte.


Ermittlung: Falsch gelagert?

Der Mieter des Kellers war ständig vor Ort. Er gab den Kräften bei ihren Einsatzbesprechungen alle Infos, die sie brauchten. Gegen ihn ermittelt die Polizei nun wegen unsachgemäßer Lagerung chemischer Substanzen. Im Zuge der Ermittlungen wurde das Gewerbeaufsichtsamt eingeschaltet.

Die ersten Spezialkräfte des Landeskriminalamtes in München waren seit Donnerstagmittag im Einsatz. Sie untersuchen in Zusammenarbeit mit dem Landratsamt und der örtlichen Feuerwehr die Ursache für die Kohlenmonoxidkonzentration und versuchen die Gefahrstoffe zu beseitigen.


Nächtlicher Einsatz

120 Feuerwehrleute der Wehren Bad Kissingen, Garitz, Hausen, Kleinbrach, Reiterswiesen und Weichtungen waren im Einsatz, dazu kommen 70 Rettungskräfte des Roten Kreuzes, Notärzte, der Katastrophenschutz, Gefahrgut-Einsatzkräfte aus dem Raum Rhön-Grabfeld, die Wasserwacht, Sondereinsatzkräfte, Mitarbeiter des Bauhofs und des Wasserwirtschaftsamts. Die umliegenden Häuser wurden für den nächtlichen Einsatz evakuiert. Einige der 24 Bewohner haben die Nacht auf Feldbetten verbracht.

In den späten Mittwochabendstunden wurde die Feuerwehr Bad Kissingen zum Auspumpen eines Kellers in der Theresienstraße alarmiert. Offenbar war es auf Grund der starken Regenfälle der letzten Tage zu einem Rückstau gekommen, der die circa 100 Quadratmeter großen Räume unter Wasser setzte, wie Polizei und Landratsamt mitteilten. Im Laufe der Abpumparbeiten wurden die Einsatzkräfte der Feuerwehr auf diverse Behältnisse in einem der Kellerräume aufmerksam, die mit Chemikalien gefüllt waren. Auffällig war auch eine erhöhte Kohlenmonoxidkonzentration. Die Feuerwehr unterbrach darauf sofort die weiteren Abpumpmaßnahmen.

Da die Gaskonzentration im Einsatzverlauf weiter anstieg, wurden neben dem Wohnhaus auch die umliegenden Gebäude evakuiert. Hierzu kamen weitere Feuerwehren des Landkreises und Einsatzkräfte des Roten Kreuzes zum Einsatz. Gegen 5 Uhr am Donnerstagmorgen konnten die Anwohner in ihre Häuser zurückkehren.

Wir halten Sie hier auf dem Laufenden.