"Dinge, die ich sicher weiß" ist der Titel eines Theaterstücks, das am 17. Januar 2022 im Bad Kissinger Kurtheater aufgeführt wird - und das mit mindestens einem Bühnen- und TV-Schwergewicht aufwarten kann: Nina Petri (58), begnadete Darstellerin von Rollen, die oft ein wenig abseits von der Mitte spielen. "Lola rennt", "Die tödliche Maria" - beides Filme von Regisseur Tom Tykwer - , viele Rollen im Tatort oder Fernsehspielen - für ihre Kunst hat sie den bayerischen Kulturpreis und auch den Deutschen Filmpreis gewonnen. "Vor die Kamera wollte ich eigentlich nie, meine Welt war und ist die Bühne", erzählt sie im Interview und wie es ihr dabei geht, wenn Schauspielerinnen jenseits der 50 in Deutschland schnell das Muttchen-Image auferlegt wird.

Frau Petri, "Dinge, die ich sicher weiß", beschreibt eine Familie - Vater, Mutter, vier erwachsene Kinder - ein Jahr lang. Mit allem, was dazugehört. Höhen, Untiefen, Konflikte, Erwartungen, Enttäuschungen. Wie real ist dieses Theaterstück?

Nina Petri: Es ist sehr nah an der Realität, es ist witzig, aber es geht auch unter die Haut - es ist definitiv nicht "Unsere kleine Farm". Und ich habe mich gefragt: Kennt der Autor mich?

Warum?

Weil ich mich - ich spiele die 40-jährige Tochter - darin selbst erlebe. Wie ich als Tochter mich noch immer von meiner Mutter getriggert fühle. Und ich auch weiß, dass ich als Mutter mit einem Augenbrauenzucken meine Töchter zur Weißglut bringen kann.

Ich habe Fotos von der Premiere gesehen. Tatsächlich klappt es: Sie überzeugen in der Rolle der 40-Jährigen, obwohl Sie 18 Jahre älter sind.

Ja, ich nehme mir das auch selbst ab.

Sie gehen selbst sehr offen mit Ihrer Familiengeschichte um. Sie wuchsen als Tochter eines manisch-depressiven Vaters auf, der oft nicht präsent war, weil er in Kliniken behandelt werden musste.

Richtig. Heute sagt man bipolar. Und ich empfinde es extrem wichtig, Depressionen raus aus der dunklen Scham-Ecke zu ziehen - sie gehen zu viele Menschen an, sie sind oft tödlich, sie belasten zu viele Betroffene, Freunde und Familien, als dass wir es uns leisten könnten, darüber zu schweigen.

Deshalb gehen Sie auch bei Ihrer Tochter in die Offensive.

Ja, ich habe Zwillinge, die Mädchen wurden 1994 geboren. Moema hat die gleiche Diagnose wie mein Vater.

Das muss für Sie furchtbar gewesen sein. Schließlich wussten Sie, was es heißt, mit einem biopolaren Menschen zu leben - und Sie wussten auch, dass die Disposition dazu unter ungünstigen Umständen vererbbar sein kann.

Ich habe gebetet, dass das meine Töchter nicht betrifft. Und jetzt ist es eben so.

Wie geht es ihr aktuell?

Sie wechselt gerade ein Medikament und es ist unfassbar lang, bis so ein Wechsel zu ihren Gunsten anschlägt. Es ist ein auf und ab und es ist noch lange nicht so, dass sie in der Lage ist, ein normales Leben zu meistern. Bitten verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe eine tolle, kluge, kreative Tochter. Aber sie kann zum Beispiel jetzt ihr Studium nicht abschließen, sie kann sich nicht auf die Lerninhalte konzentrieren. Und selbst wenn es ihr durch die neuen Medikamente besser gehen sollte, befindet sie sich dann in einer Situation, dass sie dem neuen Lebensgefühl dann kaum trauen wird. Ich bin nur unheimlich froh, dass sie so stark ist und dass sie gut mit sich umgeht. Und das tut auch ihr Partner, mit dem sie in Süddeutschland lebt. Und auch die Schwester ist in der Nähe.

Für eine Mutter ist es schlimm.

Klar. Aber man wächst auch rein. Und man muss viel Geduld aufbringen - gerade die ist aber überhaupt nicht meine Stärke. Es fällt mir sehr schwer, dem Zustand gleichmütig gegenüber zu sein. Sehen Sie, hätte mein Kind ein gebrochenes Bein, dann könnte ich ihren Haushalt schmeißen, könnte ihr die Krücken reichen - aber hier kann ich nichts tun. Das Gefühl der Hilflosigkeit ist schwer auszuhalten. Aber ich kann ihr das Gefühl geben, dass sie es gut macht mit ihrer Erkrankung und ich kann ihr Mut zusprechen. Den Rest halte ich aus und ertrage es - und denke mir gleichzeitig: Nein. Nicht ich ertrage - sie muss das alles ertragen. Wenn ich einen Zauberstab hätte, würde ich es wegzaubern.

Und Corona gleich mit?

Ja, aber zuerst würde ich die Querdenker und Aluhüte wegzaubern, dann den Virus. Ich will ganz sicher gehen, dass ich mit denen nicht mehr in Berührung komme. Ich musste mich schon in meinem engeren Kreis von einigen Menschen distanzieren, die eine Haltung an den Tag legten, die nicht mit meiner und meinem Bildungsstand zu vereinbaren war.

Corona und Kunst...

....bitte nicht.

Was meinen Sie?

Bitte fragen Sie nicht, ob ich meine, ob wir einen neuen Lockdown bekommen. Ob die Theater dann wieder geschlossen werden.

Okay, ich frage Sie nicht.

Es wäre so furchtbar, es darf einfach nicht mehr passieren. Und wenn das Publikum mit 2Gplus und Maske im Zuschauerraum sitzen muss. Dass es geht, habe ich kürzlich in Hamburg erfahren dürfen. Ich hoffe sehr, dass die derzeitige Entwicklung nicht dazu führt, dass ich Bad Kissingen nicht kennenlernen darf. Dazu kommt ja auch: Das ist mein Job. Und ich brauche das Geld, um zu leben, wie jeder andere auch. Auch deshalb will ich unbedingt bei Ihnen auf der Bühne stehen - Geld verdienen und Menschen unterhalten. Kurios ist ja, dass wir eigentlich gar nicht dieses Stück spielen wollten.

Wie das?

Wir hatten bereits ein anderes Stück eingeprobt, in dem ich die Hauptrolle hatte. Und dann kam heraus, dass der Verfasser ein Rassist und Antisemit ist. Das ging gar nicht. Aber wir wollten als Gruppe zusammenbleiben - so haben wir uns dann dieses Stück ausgesucht. Die Hauptrolle - die der Mutter - ging dann leider an meine Kollegin Maria Hartmann, sie ist älter als ich. Ich neide ihr das nicht, sie ist eine tolle Schauspielerin...

...und hat für die Rolle 2020 auch den Hamburger Theaterpreis Rolf Mares erhalten...

...genau. Dennoch: Hauptrollen sind schon schön.

Und selten, wenn man als Frau ein bestimmtes Alter überschritten hat?

Leider ja. Als ich die Maria in "Die tödliche Maria" spielte, war ich 29 - der Film war der Durchbruch für mich und Tom Tykwer. Wir wurden damit beide berühmt - und ich bekam fünf Jahre lang keine Angebote mehr.

Wer dann?

Es war die Zeit der deutschen Komödien. Und die wurden mit Katja Riemann besetzt. Es war nicht die Zeit eines Films a la "Toni Erdmann", das wäre undenkbar gewesen. Damals - und leider - wie heute wurde und wird auf erfolgsversprechende Gesichter gesetzt. Was zur Folge hat, dass sich das Geschäft um eine kleine Gruppe Menschen dreht.

In Amerika scheint das anders zu sein. Wenn man sieht, welche Traumrollen Frances McDormand ergattert...

...ja! "Three Billboards outside Ebbing, Missouri", "Nomadland", "Fargo" - wo sind solche Rollen in Deutschland? Ich will sie haben! Corinna Harfouch bekommt die - immer, wenn zwischen uns beiden entschieden werden muss, dann kriegt sie Corinna. Corinna ist ja auch grandios! Ich gönne es ihr von Herzen, trotzdem wünschte ich mir natürlich dass ich mal drankomme. Die Bühne ist meine Heimat. Es ist faszinierend, vor Publikum zu stehen, zu spielen, ich liebe Sprache, sie ist in meinem Mund wie gutes Essen.

Apropos: Sie lesen Hörbücher ein, veranstalten Lesungen, Sie singen.

Ja, da habe ich die Möglichkeit, die Hauptfigur darzustellen. Da stellt sich nie die Frage: Und wer macht das jetzt? Das mache ich. So wie Ende Februar im Theater Neubrandenburg. Da singe auch auch Knef-Chansons - und bin die Hauptdarstellerin.