Die beiden jungen Damen sind schon ganz aufgeregt, laufen hin und her, springen ins Wasser und wieder zurück. Sie warten auf einen stattlichen Mann. Es ist gleich 15 Uhr: Zeit fürs verspätete Mittagessen. Der Mann heißt Arno Schlereth (44), arbeitet seit fast 20 Jahren im Wildpark Klaushof und seit 2004 als Tierpfleger. Die beiden Damen heißen Frieda und Flitzer, stammen aus Leverkusen, sind beide drei Jahre alt und gehören in die Familie der Fischotter.
Schon bald nach ihrer Geburt kamen die beiden Schwestern in das 2008 im Wildpark Klaushof eröffnete, etwa 2000 Quadratmeter große Otter-Gehege, das zu zwei Dritteln aus einem bis zu einem Meter tiefen Weiher besteht. Sie sind die beiden einzigen Fischotter im Landkreis Bad Kissingen und der Rhön. Ihre Vorgänger im Klaushof waren bei einem außerordentlichen Sturm mit nachfolgendem Hochwasser im Dezember 2012 entflohen.
"Im Gewässersystem der Rhön sind die Fischotter seit vielen Jahrzehnten verschwunden", weiß Axel Maunz (58), der als Stadtförster auch den Wildpark leitet. Ein Grund für deren Ausrottung waren die vor Jahren vom Menschen ausgeführten Flussbegradigungen, durch die nach Wegfall der verwachsenen Uferböschungen den Ottern jeglicher Schutz zur Aufzucht ihres Nachwuchses genommen wurde. Ein anderer Grund war die zunehmende Wasserverschmutzung. Maunz: "Fischotter sind Sichtjäger, die im klaren Wasser nach Fischen und Kriechtieren jagen."
Nach der Zerstörung ihres natürlichen Lebensraumes verlegten sich manche Otter notgedrungen auf die Nahrungssuche in Zuchtteichen, womit sie selbst ihre endgültige Ausrottung einleiteten. Der Mensch jagte die letzten Exemplare, zumal schon immer das mit 60 000 feinen Haaren pro Quadratzentimeter besetzte, seidig glänzende Fell der Tiere sehr begehrt war.
Doch mit deren Aussterben schadete der Mensch sich selbst am meisten: "Der Fischotter ist die Gesundheitspolizei unter Wasser", erklärt Maunz. Ein gesunder Fisch entkommt dem Jäger in freier Natur. Gefressen werden meistens nur die kranken.
"Der Otter ist ein Bio-Indikator für saubere Gewässer", erklärt Maunz während der Schaufütterung am Gehege die Bedeutung des "außerordentlich attraktiven und eleganten Schwimmers". Frieda und Flitzer scheinen sich derweil an den etwa 50 neugierigen Besuchern nicht zu stören. Selbst in Gefangenschaft bleiben Fischotter sehr wehrhafte Raubtiere, die sich nicht zum Schmusen eignen, warnt der Wildpark-Leiter, während Tierpfleger Schlereth wieder ein paar Fleischbrocken in den Weiher wirft. Flitzer steht unterhalb der Futterquelle auf ihren Hinterbeinen und wartet gierig auf den nächsten Leckerbissen. Frieda hält sich lieber in sicherer Entfernung auf und gleitet geschmeidig ins klare Wasser, um sich dort ihren Happen zu sichern. Bis zu einem Kilo Fisch und Fleisch fressen Otter täglich während ihres 15-jährigen Lebens. "Alles, was greifbar ist, wie in der Natur." Bis zu 120 Zentimeter lang und zehn Kilogramm schwer können sie werden.
Die tägliche Schaufütterung ist weniger für die Tiere als eher für die Schaulustigen gedacht. "Unsere Besucher sollen eine emotionale Bindung zum Otter aufbauen", nennt Axel Maunz als Grund. "Nur dann werden sie sich künftig für den Schutz dieser Tiere einsetzen." Deshalb liegt dem Wildpark-Leiter auch die Zusammenarbeit mit der Universität Würzburg am Herzen: Pädagogik-Studenten am Lehrstuhl Biologie-Didaktik arbeiten während ihrer Lehramtsausbildung eng mit dem Klaushof zusammen und setzen dort ihre wissenschaftlichen Projektarbeiten in die Praxis um. So entstand auch 2010 der Fischotter-Lehrpfad, an dem das Wissen über den Otter vor allem an Kinder an mehreren Stationen abschnittsweise vermittelt wird. Gerade versucht die zehnjährige Johanna aus Bad Kissingen, mit Schwimmflossen-Modellen an den Händen wie ein Fischotter im Wasserbecken zu paddeln.
Maunz: "Uns geht es um die Kombination von gefühlsmäßiger Bindung zum Tier und sachlichem Wissen darüber." Ist ein Kind von der Schaufütterung und dem geschmeidigen Verhalten der Tiere emotional berührt, findet es wie die kleine Johanna auch leichteren Zugang zum Wissen und unterstützt als Erwachsene hoffentlich den Tier- und Naturschutz. Maunz: "Erst nach Revitalisierung unserer Gewässer und Feuchtgebiete wird der Fischotter in die Rhön zurückkommen."