Einen Bart hat Georg Sittler eigentlich schon. Einmal im Jahr reicht der aber nicht mehr aus. Die Gefahr, erkannt zu werden, ist viel zu groß, seine Mission viel zu geheimnisvoll. Vorsichtig stülpt er sich einen viel längeren, viel weißeren Rauschebart über sein Gesicht. Zur Probe. Heute und morgen muss er sitzen, muss er Kinderaugen zum Glänzen bringen. Gewaschen und gebügelt hängt auch der Rest des Kostüms über einen Bügel, die Mitra und der Stab griffbereit daneben. Es kann losgehen, alles ist präpariert.



Seit 50 Jahren spielt Sittler den Nikolaus. Doch der 64-Jährige spielt ihn nicht nur, er lebt ihn, Jahr für Jahr. Mit 14 Jahren zog er das erste Mal von Haus zu Haus - damals noch in einer Gruppe von mehreren Jugendlichen. "Ich habe nie die Lust verloren, das ist meine Leidenschaft.
So lange ich gesund bin, mache ich das", sagt Sittler.
Viele Eltern in Ebenhausen haben sich bei ihm angemeldet, haben ihn für heute und morgen Abend zu sich bestellt. Sie geben Sittler einen kurzen Steckbrief ihres Kindes, schreiben ihm auf, was der Nachwuchs in diesem Jahr so alles angestellt hat: Nicht pünktlich ins Bett gegangen, mit den Geschwistern oder anderen Kindern gezankt, Spielsachen nicht aufgeräumt oder neuerdings zu viel Zeit vor dem Computer verbracht. Aber auch die guten Eigenschaften kommen zur Sprache: "Ich möchte nicht nur mahnen, sondern vor allem loben", sagt Sittler. Und das ist es auch, was ihn antreibt, die Erwartungen der Kinder: "Sie sind gespannt, was sie gut und schlecht gemacht haben und ob der Nikolaus sie schimpft."

Inzwischen besucht der ehemalige Angestellte der Polizei Schweinfurt bereits die Enkel der Kinder, zu denen er vor Jahrzehnten als Nikolaus gekommen war. In seinem großen Sack, den er sich über die Schulter wirft, ist heute aber ein anderer Inhalt als vor 50 Jahren. Gab es damals lediglich Nüsse, Äpfel und Mandarinen, fallen die Geschenke heute deutlich üppiger aus: "Das ist Wahnsinn, was die Kinder alles bekommen." Die Kinder selbst haben sich in all den Jahren seiner Meinung nach dagegen nicht verändert: "Sie sind nicht besser oder schlechter als früher."

Viele tragen ihm Gedichte vor, singen oder spielen etwas vor. "Mitunter sind sie schon aufgeregt, manche weinen sogar. Die meisten haben einfach Respekt - vor allem die, die noch an den Nikolaus glauben." Häufig fallen dann vor allem solche Fragen wie: "Kommst du vom Himmel?" oder "Hast du einen Schlitten dabei?" Mit den Kindern beten möchte Sittler nicht. Nur wenn es von den Eltern gewünscht ist, spricht er mit ihnen das "Vater unser" oder das "Nachtgebet".

Goldenes Fußball-Buch
Gedichte über den Nikolaus hat er dagegen immer in petto. "Die kann ich alle auswendig", sagt er und gibt prompt eine Kostprobe. Mit ganz tiefer Stimme, versteht sich. Und auch sein goldenes Buch darf niemals fehlen. Dass sich dahinter ein Sammelband zur achten Fußball-Weltmeisterschaft verbirgt, ahnt natürlich keines der Kinder. "Das benutze ich von Anfang an. Es war einfach das größte und schwerste Buch, das ich hatte."

Das "Nikolaus-Gen" scheint in seiner Familie zu liegen. Als Sittler selbst noch Kind war, spielte sein Onkel den Nikolaus, und auch seine Mutter schlüpfte hin und wieder ins Nikolaus-Kostüm - sogar im August. "Wenn ich nicht gespurt habe, dann kam der Nikolaus und hat mich ermahnt", erzählt er und muss lachen.