"Alten- und Pflegeheime sind von gestern", steht für Albrecht G. Walther (72) aus Bad Neustadt fest. Der Verein "Generationen-Netz Bad Kissingen" hatte den erfahrenen Architekten als Referenten seiner Impuls-Veranstaltung über Mehrgenerationen-Wohnen und alternative Wohnformen für Senioren eingeladen.
Auch im Alter will der moderne Mensch selbstbestimmt und eigenverantwortlich leben.
Als "Leuchtturmprojekt für Bad Kissingen" sieht Bernhard Bundscherer als stellvertretender Vorsitzender des Generationen-Netzes deshalb das Vorhaben seines Vereins, mit einer Projektgruppe aus Interessenten ein erstes zukunftsfähiges Projekt für Senioren in der Kurstadt zu verwirklichen.

Bundesweit schon 200 Anlagen

Seit 30 Jahren werden in Deutschland die verschiedensten Ideen entwickelt, berichtete Walther seine 80 Zuhörern aus Bauwirtschaft, Politik und überwiegend älteren Kissingern. Über 200 private Wohnanlagen seien in der Bundesrepublik bereits gebaut. "Nur in Bad Kissingen gibt es noch keine", obwohl doch 30 Prozent der Stadtbevölkerung über 65 Jahre alt sind.
Die Unsicherheit über die künftige Renten- und Pflegesituation gibt Senioren Grund genug, über alternatives Wohnen nachzudenken, meinte Walther. "Passt die derzeitige Wohnsituation noch zu mir?" Ein nach dem Auszug der Kinder zu groß gewordenes Eigenheim oder die Einsamkeit nach dem Tod des Lebenspartners sollten Anlass sein, frühzeitig über das Wohnen in den verbleibenden Jahren nachzudenken, meinte der 72-Jährige. "Doch erst muss man wissen, was man will", begann der Architekt, der selbst seit einigen Jahren mit einer Projektgruppe eine Mehrgenerationen-Wohnanlage in Bad Neustadt entwickelt, seine Präsentation verschiedener Modelle.
Das betreute Wohnen im eigenen Haus erlaubt zwar den Verbleib in gewohnter Umgebung, erspart aber nicht Einsamkeit sowie die beschwerliche Pflege und den finanziellen Unterhalt des oft zu großen Hauses und Grundstücks. Besser sei da schon die eigene Wohnung in einer Hausgemeinschaft mit Gemeinschaftsräumen und Nachbarschaftshilfe. Für pflegebedürftige Senioren bietet sich nach Walthers Darstellung die ambulant betreute Wohngemeinschaft an, wie es sie in Bad Kissingen bereits gibt.
Eine neue Wohnform kann das Mehrgenerationen-Wohnhaus sein, das als größere Immobilie oder, wie in Bad Neustadt als zweites Projekt geplant, aus mehreren kleinen Häusern als ländliche Hofanlage gebaut werden kann. In kleinen Gemeinden und Dörfern wäre ein solches Mehrgenerationen-Wohnhaus als zentrale Einrichtung zur Wiederbelebung des Ortskerns vorstellbar, wies Walther auf einen willkommenen Nebeneffekt hin. Zusätzlich könne der Umbau leerstehender Immobilien im Ortskern die kostenintensive Erschließung von Neubaugebieten durch die Gemeinde unnötig werden lassen, da junge Familien die nach dem Bau eines solchen Mehrgenerationen-Wohnhauses frei gewordenen Eigenheime der Senioren beziehen könnten.
Deutlicher Zweifel kam bei den Zuhörern allerdings in der anschließenden Diskussion auf, ob junge Familien tatsächlich mit Senioren unter einem Dach zusammenleben wollen. "Die Vorteile für die Jungen müssen deutlicher herausgestellt werden", wurde gefordert. So könnten Senioren im Mehrgenerationen-Wohnhaus kleine Kinder beschäftigen, bis deren berufstätige Eltern heimkommen. "Es geht nicht um die Pflege der Alten", warnte ein Zuhörer vor möglichen Ängsten Jüngerer.
Rentner Norbert Klodwig berichtete von gescheiterten Plänen in Bad Kissingen. Mehrere Gleichgesinnte hätten sich demnach für gemeinsames Wohnen entschieden. "Doch als es ins Eingemachte ging, gaben einige auf."

Größte Hürde Finanzierung

Größte Hürde sei die Finanzierung, wusste auch Architekt Walther. Doch dürfe diese Frage nicht am Anfang stehen, warnte der Fachmann. Zunächst müsse das gemeinsam erarbeitete Wohnprojekt in sich stimmig sein und die Zustimmung aller Beteiligten haben, erst dann dürfe man über die Finanzierung sprechen: "Es gibt sehr viele Fördertöpfe." Und: "In Zusammenarbeit mit professionellen Beratern, karitativen Organisationen oder Wohnungsbaugesellschaften kann man es schaffen." Notfalls müssten die Pläne später den Finanzierungsmöglichkeiten angepasst werden.
"Die Planung eines solchen Wohnprojekts ist vielschichtig, es gibt keine Rezepte", verschwieg Walther auch mögliche Schwierigkeiten im laufenden Entwicklungsprozess nicht. "Man braucht deshalb einen Moderator." Diese Aufgabe will die städtische Quartiersmanagerin Sina Bretscher übernehmen. "Der Impuls muss aber von ernsthaft Interessierten ausgehen."
Sie lud alle Kissinger, die an der Entwicklung eines solchen neuartigen Wohnprojekts mitwirken wollen, zu einem ersten Arbeitstreffen ein am Dienstag, 12. März, um 18.30 Uhr im Mehrgenerationenhaus, Von-Hessing-Straße 1. Anmeldung unter Tel.: 0971/699 33 81.