Schon kurz nachdem im Winter die Ankündigung durchgesickert war, war keine Karte mehr zu bekommen. Und der Große Saal platzte so aus allen Nähten, dass der Grüne Saal und der Dunkle Gang auch noch bestuhlt werden mussten. Das schafft nur er.

Die Begeisterung für ihn ist nach wie vor ungebrochen. Und spannend wird's schon, bevor er das Podium überhaupt betritt.
Ein Barhocker neben dem Dirigentenpult, dazu ein großes weißes Tuch gegen das Schwitzen (Pavarotti lässt grüßen) und eine Wasserflasche gegen das plötzliche Dehydrieren - das lässt Großes erwarten.
Und dann kommt ER! So viel jubelnden Beifall bekommen andere nicht, wenn sie mit ihrer Musik fertig sind.

Aber es ist natürlich gut, dass David Garrett auch klassikferne Kreise in den Konzertsaal lockt. Auch dass er den Dresscode auf der Bühne knackt (auch wenn der durchaus seinen Sinn hat). Aber das ist nicht ganz so wirkungsvoll, weil man seinem Outfit schon von weitem ansieht, dass das perfekte Understatement verdammt viele Euro gekostet hat. Und die Löcher muss ein feinsinniger Designer in seine Jeans geschnitten haben. Denn dass man sich mit der Geige Löcher in die Hose üben kann, muss erst noch bewiesen werden.

Aber da war doch noch was zwischen Auftritt und Abgang? Ach ja, Musik! Das Violinkonzert von Johannes Brahms. Und um es gleich zu sagen. Man kann und muss David Garrett auf seinem Weg zurück in die Klassik, von der er ja einmal seine Wanderungen durch die Pop-Regionen gestartet hat, wieder ernst nehmen. Er hat in den zwei Jahren , seit er das letzte Mal mit dem Violinkonzert von Beethoven da war, viel an sich gearbeitet, ist lockerer geworden, ist technisch wieder auf der Höhe, hat einen entschiedenen, erzählenden Ton bekommen (was bei dieser wunderbaren Geige ja auch nicht so schwer ist). Und was genauso wichtig ist: Er betrachtet das Orchester nicht mehr als Gegner, sondern als Partner, zu dem er den engen Kontakt sucht.

Garrett ist nicht oder noch nicht ein konzeptioneller Neuerer; die ersten beiden Sätze waren solide musiziert im positivsten Sinn, technisch souverän, gründlich, aber ohne größere Überraschungen. Die kamen im dritten Satz, als Garrett den alten Brahms näher an sein Publikum heranbrachte, indem er seinen Solopart ein bisschen anrockte - vielleicht nicht einmal mit Absicht, aber wirkungsvoll im Sinne einer modernen Denkmalpflege.

Das Orchester, in diesem Fall das Orchestra Sinfonico di Milano Giuseppe Verdi, konnte da nicht ganz mithalten. Der Texaner John Axelrod am Pult hatte wohl eine ganze Menge Ideen, konnte aber die wenigsten seinem Orchester vermitteln. Das blieb in seiner Partnerrolle verschwommen. Man hätte David Garrett durchaus ein kammermusikalischer spielendes Orchester gewünscht.

Aber dafür war es auch unzeitgemäß zu groß - schon bei Beethovens 5. Sinfonie gab's deshalb Probleme. Es war zu laut, verschenkte dadurch Möglichkeiten des Gestaltens aus dem Leisen heraus. Wenn 70 Streicher ein Tremolo beschleunigen, dann kann es schnell mulmig werden. Aber auch die Bläser hätten manchmal etwas sensibler, geheimnisvoller spielen können - auch bei Brahms, wo sie wesentliche Funktionen haben. Und wenn dann auch noch die Hornisten gleichzeitig lostuten, dann kann auch die Schicksalssinfonie Spaß machen.

So richtig gut war das Orchester bei der Ouvertüre zu Verdis "La forza del destino". Das scheint so etwas wie die Haushymne der Mailänder zu sein. Das lief von ganz alleine, da passte sich Axelrod auch sehr schnell den Tempi des Orchesters an.