Sein wissenschaftlicher Vortrag skizziert das umfangreiche Werk, zeichnet schicksalhafte Begegnungen mit großen Künstlern der Zeit nach, schildert aber auch das bittere Leben einer Hochbegabten. Else Lasker-Schüler, die 1869 in Elberfeld geborene herausragende Vertreterin des Expressionismus in der Literatur des 20. Jahrhundert, passt deshalb als Thema in das anspruchsvolle Programm der Jüdischen Kulturtage, weil sich die Spuren ihrer Vorfahren in die Kurstadt bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Die Mutter der Deutsch-Jüdin, Jeannette Schüler, stammte aus einer Familie, die den Namen Kissing angenommen hatte.

Wer sich mit Leben und Werk von Else Lasker Schüler auseinandersetzt, hat Mühe, sich dieses intensive abenteuerliche Leben, dieses Wellental voll lichter Höhen und unglaublicher Tiefen, zu fassen. Daran muss einfach jeder Gymnasiast im Deutschunterricht der höheren Klassen scheitern. Studenten haben die Dichterin gar schon als Germanistenschreck bezeichnet. Dabei hat sie so unglaublich schöne Sprachbilder gefunden.

Hans-Jürgen Beck hat den gut zwei Dutzend Literaturfreunden im Sitzungssaal des Rathauses einen tiefgründigen Einblick in Leben und Schaffen der Künstlerin gegeben und lässt nichts aus. Zitiert aus Biographien, hat zu jedem der dutzendfachen Bekanntschaften, Liebschaften, Affären der Künstlerin die passenden Bilder, er schildert die Freundschaft mit Gottfried Benn ausführlich, zu den Dutzenden von Liebesbriefen zitiert er das passende Gedicht, das die Besucher mitlesen können.


Charismatische Erscheinung

Den poetischen Dialog zwischen Lasker-Schüler und Franz Marc, der später zu einer Kunstrichtung wurde, bezeichnet Beck als eine von Lasker-Schüler lebenslang verwendete Umformung der Wirklichkeit. In ihren Briefen war sie "Prinz Jussuf von Theben" und nannte ihren Geliebten "Mein liebevoller blauer Reiter". Karl Kraus nannte sie "Dalai Lama", und ihren ersten Mentor und Geliebten Peter Hille taufte sie "Den schwarzen Schwan Israels". Der Selbstinszenierung blieb die Künstlerin auch in späteren Jahren treu. Mit ausgefallener Kleidung, über und über mit Schmuck behängt, sorgte sie stets für Aufsehen. Mit ihrer charismatischen Erscheinung zog sie jeden in ihren Bann. Zwei Ehen scheitern, ihr über alles geliebter Sohn stirbt. Später hatte sie nie mehr eine eigene Wohnung. Beck schildert ihr Leben nun als Dauerkrise.

Zeichnungen aus der Zeit mit Max Liebermann sind zu sehen, von der Freundschaft mit Klaus und Heinrich Mann wird erzählt, und die Zuhörer leiden mit Georg Trakls Selbstmord, dem Lasker-Schüler nachtrauert, und dem sie einige Zeilen widmet. Vor den Nazis flieht sie nach Zürich und nach Alexandria, darf später nicht mehr in die Schweiz zurück. Sie verarmt völlig, und doch zeichnet sie eine nicht zu zähmende Lebensenergie aus. Am 22. Januar1975 stirbt sie und wird auf dem Ölberg in Jerusalem begraben.

Die Zuhörer sind beeindruckt von der außergewöhnlichen Fülle fundiert wissenschaftlicher Informationen über die große Künstlerin. Freunde ihrer Lyrik fanden es schade, dass die großartigen Gedichte in der Fülle der Informationen ein wenig untergingen. CD, mit Lutz Görner oder Elke Heidenreich können da helfen.