Die Membran, die sich zwischen "heute" und "damals" in Stefan Glasauer gebildet hat, ist noch nicht gefestigt. Als sich der 53-Jährige an den November 2020 erinnert und daran, dass er durch Corona in Lebensgefahr geschwebt hat, schießen dem gestandenen Mannsbild und Metzger die Tränen in die Augen. Knapp zwei Monate später erlaubt er einen Einblick in das Leben der Familie, in der gleich drei Mitglieder infiziert waren - und blickt zurück auf eine Zeit, in der auch acht seiner 15 Angestellten der Metzgerei Glasauer in Münnerstadt die Diagnose "Covid" erhalten haben.

Münnerstadt: Plötzlich fiel das Virus in die Stadt ein

Der November wird vielen Münnerstädtern deshalb in Erinnerung bleiben, weil das damals noch so fern gefühlte Virus plötzlich mit Wucht in die Stadt einfiel. Es erwischte Stadtratsmitglieder und den Bürgermeister, die Feuerwehr war wegen der Erkrankung ausgedünnt. "Und plötzlich war ein Mitarbeiter positiv", erinnert sich Heike Glasauer, Stefans Frau.

Nachdem am nächsten Tag drei weitere Mitarbeiter Symptome zeigten, machte die Metzgerei Glasauer - im Volksmund wegen der guten Stimmung vor und hinter der Theke nur "Metzgerei Boggensagg" genannt - dicht. Nach einem Test des Gesundheitsamts zeigte sich später, dass sich acht von 15 Mitarbeitern infiziert hatten.

Wer gesund war, half, den Laden auszuräumen, wer krank war, ging in Quarantäne. Den Kontakt zu den Mitarbeitern hielt Sohn Dominik Glasauer - ebenfalls infiziert, aber mit leichten Symptomen in Quarantäne. Stefan Glasauer machte das Licht aus. "Da hatten meine Frau und ich schon Symptome", sagt er. Während die Viren bei Heike Symptome einer schweren Grippe hervorriefen, ging es Stefan Glasauer wesentlich schlechter. "Schon am nächsten Tage habe ich mich gefühlt wie ein Fisch auf dem Trockenen - ich habe einfach keine Luft mehr bekommen." Am Abend des 20. November riefen die Glasauers den Notarzt.

Doppelseitige Lungenentzündung

Um die Treppe nach unten zu bewältigen, musste der Mann, der bis dato Schweinehälften schulterte, ständig anhalten. Seine Lunge transportierte den lebenswichtigen Sauerstoff nicht mehr in der nötigen Menge. Seine Sauerstoffsättigung lag nur noch bei 60 Prozent, ein gesunder Mensch hat eine Sättigung von 98, 99 Prozent. Er wurde in den Campus nach Bad Neustadt transportiert. Dort wurde eine doppelseitige Lungenentzündung festgestellt.

Die Angst der Ehefrau: Kommt er wieder?

Für seine Frau war der schlimmste Moment, ihn gehen lassen zu müssen - und nicht zu wissen: "Kommt er wieder? War es das jetzt für uns?" Das, sagt sie, sei ihre Angsthölle gewesen, in der sie tagelang gefangen war. Telefonieren konnte sie mit ihrem Mann nicht, wenn er es körperlich schaffte, tippte er kurze Whatsapp.

Die Angst des Ehemanns: "Komme ich hier wieder raus?"

Für Stefan Glasauer war die Angsthölle die neue Realität, in der er sich jetzt befand: "Ich habe mich gefragt: Komme ich hier überhaupt wieder raus?" Alles, was ihm blieb, war die lebensrettende Maske, die Sauerstoff in seinen Körper trieb, und der Blick an die Decke und auf die Monitore. "Wäre die Sauerstoffsättigung noch weiter gesunken, hätten mich die Ärzte in ein künstliches Koma verlegt und beatmet." Für Stefan Glasauer die schrecklichste Vorstellung. "Das Gefühl, nichts mehr unter Kontrolle zu haben - das war unerträglich."

Die Erinnerung ist noch belastend

Fünf Tage lang schwebte er in einem Zustand der "totalen Angst". Die Erinnerungen daran treiben dem Baum von Mann die Tränen in die Augen. Um zu verdeutlichen, wie stark die Einschränkungen für seinen Körper waren, erzählt er dieses Detail: "Zur Toilette waren es drei Schritte. Ich nahm die Maske ab - und wäre in der Toilette fast erstickt." Danach habe er sich gefühlt, als hätte er einen Marathon hinter sich.

Nach fünf Tagen besserten sich seine Werte, "ich konnte immer länger ohne Maske atmen". Nach einer Woche durfte er das Krankenhaus verlassen und blieb zuhause liegen. "Meine Muskeln waren nach 14 Tagen zurückgegangen, bei der geringsten Anstrengung war ich komplett fertig." Er möchte nicht sagen, dass er ein Trauma erlebt habe - "aber es berührt mich noch immer innen, wenn ich daran denke".

"Jetzt bin ich auch mal egoistisch"

Anschlussuntersuchungen zeigten, dass Stefan Glasauer wie so viele unter Zivilisationskrankheiten leidet, deren Heilung er jetzt in Angriff nimmt. "Da hat sich für mich schon etwas geändert. Ich, der alte Arbeits-Junkie bleibe jetzt beispielsweise eine Woche nach einem Eingriff zuhause. Das hätte es früher nicht gegeben, da wäre ich sofort wieder in den Laden gegangen." Der Gedanke, der früher herrschte: Ohne mich geht es nicht - der ist vorbei. "Jetzt bin ich auch mal egoistisch, damit ich in der Zukunft noch ein Leben habe."

Große Wertschätzung von Kunden und Freunden

Heike Glasauer steht die Erleichterung im Gesicht, als Stefan Glasauer diesen Satz sagt. Dankbar ist sie für die Unterstützung, die sie während ihrer Quarantäne erhalten hat. "Meine Freundin Petra arbeitet im Medizinsektor. Sie hat nicht nur für mich eingekauft und sich um unsere Hunde gekümmert. Sie hat mir auch geholfen, das Fach-Chinesisch aus der Klinik zu übersetzen."

Nach drei Wochen öffnete das Paar wieder. "So viele Kunden sagten: Schön, dass ihr wieder hier seid. Das hat für uns jetzt eine ganz andere Bedeutung", sagen beide. "Und die vielen Genesungswünsche, die lieben Briefe und Karten, die Wertschätzung, die uns entgegengebracht wurde - das war wunderschön". Durch die Schließung haben sie große Einbußen erfahren. "Es ist niemand von uns gestorben. Das ist das Wichtigste." Stefan Glasauer fügt an: "Wichtig ist noch etwas: Haltet euch an die Regeln, auch wenn manche Entscheidungen der Politik heftig sind. Corona ist schlimm."