Cecilia Bartoli hatte ihren großen Auftritt beim Kissinger Sommer am Dienstag, als sie in ihrem Konzert im Großen Saal des Regentenbaus mit dem Ensemble "I Barocchisti" ihre neueste musikalische Ausgrabung vorstellte: Arien aus Opern von Agostino Steffani. Aber wer genau hinschaute, konnte sie schon am Sonntag Abend in der Fürstenloge entdecken, gut versteckt hinter dem breiten Rücken von Ministerpräsident Horst Seehofer. In einem Gespräch erklärte sie, warum sie sich quasi inkognito eingeschlichen hatte.

Ist der Große Saal im Regentenbau für sie tatsächlich etwas Besonderes?
Cecilia Bartoli: Ich kann mir manchmal überhaupt nicht vorstellen, dass der Saal schon 100 Jahre alt ist. Ich frage mich immer, wie die das damals gemacht haben, und alles doch in einer relativ kurzen Zeit. Und warum ist es so schwierig, das heute auch so zu machen. Eine Konzerthalle zu bauen benötigt heute Jahre über Jahre

Nicht jeder Konzertsaal, der heute gebaut wird, ist eine Elbphilharmonie.
Viele Säle, die heute gebaut werden, sind einfach nicht mehr so gut wie dieser Saal, der vor 100 Jahren eingeweiht wurde .

Die Kissinger akzeptieren das Kompliment gerne.
Auf jeden Fall ist es eine große Freude, hier zu sein und aufzutreten. Es ist eine wundervolle Kombination, denn in Bad Kissingen hast du als Sänger - und das ist ungemein wichtig - die Möglichkeit und Gelegenheit, wirklich durchzuatmen. Natürlich ist das für alle Menschen wichtig, aber für Sänger ganz besonders. Und dieses Atmen in der Natur und anschließend eine Vorstellung geben, das ist wirklich eine einmalige Situation.

Was bedeutet die Kissinger Sommer für Sie im Vergleich zu anderen Festivals?
Ich glaube, dieses Festival handelt von Liebe. Ja. Liebe, weil die Leute gerne hierher kommen, weil sie eine große Loyalität gegenüber dem Festival verspüren. Es sind nicht nur die Künstler, die immer wieder gerne zurückkommen, sondern auch das Publikum. Es gibt hier wirklich ein großes loyales, anhängliches Publikum. Sie lieben die Stadt, sie lieben es, hier zu sein. Und ich empfinde das Publikum hier auch als entspannter als in den großen Städten. Es herrscht eine freundliche Atmosphäre, wesentlich stressärmer als in den größeren Städten, wo der Druck ständig steigt.

Liegt das an anderen Gewichtungen als an vorrangig gesellschaftlichen?
Ja, das Publikum kommt wirklich hierher, um die Musik zu hören. Sie kümmern sich weniger um Kleiderordnungen - natürlich machen sie sich fein, aber sie kommen wegen der Musik, um sie zu hören und zu teilen. Es geht hier nicht um VIPs und ähnliches, sondern alles ist viel natürlicher.

Erinnern Sie sich daran, was Sie gedacht haben, als Sie das erste Mal hierher kamen - vor 13 Jahren?
Vor 13 Jahren???

Ja, vor 13 Jahren, und dann jedes Jahr. Hat Ihnen Bad Kissingen damals schon etwas gesagt?
Der Name Bad Kissingen war mir bekannt über Rossini. Ich wusste, dass er hier war, und zu dieser Zeit war mir nicht nur Rossinis Musik so wichtig, sondern auch seine Biographie, wie er lebte, wohin er reiste. Und ein Ort war Bad Kissingen. Das war für mich natürlich eine gute Gelegenheit, den Ort kennen zu lernen, als ich eine Einladung bekam, hier zu singen. Das war phantastisch, als ich dann realisierte: O, auch Rossini war hier, wo ich jetzt bin.

Sie wären auch ohne Einladung gekommen?
Ja, ja, als Teil der "Rossini-Tour." Aber ich hatte natürlich auch schon vom Kissinger Sommer gehört. Aber es ist etwas anderes, davon zu hören oder hier zu sein und die Atmosphäre zu spüren.

Die Akustik des Großen Saales ist ja wirklich berühmt. Ich habe den Eindruck, dass Sie gerne mit ihr spielen, dass sie manchmal versuchen, so leise wie möglich zu singen.

Ja, das stimmt. Das ist in dem Saal möglich. Ganz allgemein glaube ich, dass wir Sänger Maler sind. Wir malen mit der Musik und wir versuchen, alle Farben zu gestalten, alle Schattierungen, alle Nuancen zu kreieren. Und wir bemühen uns, auch die unterschiedlichsten Farben einzusetzen. Diese Gelegenheit haben wir nicht überall. In dem Saal kann man in das leiseste Pianissimo und das lauteste Fortissimo gehen. Das ist phantastisch, denn das zu tun heißt frei sein zum Malen, zum sich selbst Ausdrücken, zur musikalischen Äußerung.

Sicher auch eine Frage der Raumgröße und -form.
Das ist natürlich auch der Größe des Saales geschuldet. Mit 1100 Plätzen ist das eine Größe, in der man wirklich Musik machen kann auf ganz hohem Niveau.

Wie entscheiden Sie, welche Orchester Sie begleiten? Haben Sie da Favoriten?
Favoriten? Nein, in dem Sinn nicht. Meine Favoriten sind die Orchester, mit denen ich gerade arbeite, mit denen ich gerne Musik mache und die das auch gerne mit mir tun. Ich liebe es, Musik zu machen. Musik ist wirklich meine Leidenschaft, nicht nur mein Beruf. Und ich mache gerne Musik mit den Leuten, die das auch so sehen; mit denen teile ich gerne.

Für das aktuelle Projekt mit der Musik von Agostino Steffani habe ich mit "I Barocchisti" und Diego Fasolis das ideale Ensemble. Sie lieben diese Musik, sie spielen sie gerne, und sie gestalten gerne alle diese Farben, die sie bietet. Und einen Komponisten wie Steffani zu entdecken ist ein großes Vergnügen, ist ein großer Schatz für alle von uns.

Wie würden Sie Steffani einordnen?
Für mich ist Steffani eine Art Großvater von Händel. Er wuchs auf in Deutschland, in München, ging nach Hannover. Er war Diplomat, Komponist...

Ein diplomatischer Komponist?
Ein diplomatischer Mann und ein freier komponierender Geist. Er hörte nur leider sehr früh wieder mit dem Komponieren auf, weil er so viele diplomatische Verpflichtungen hatte - vor allem als Abgesandter des Vatikan im protestantischen Norddeutschland.

Wie lässt sich seine Musik beschreiben?
Seine Musik ist hypnotisch und ausgesprochen kraftvoll, vor allem in den langsamen Sätzen. Steffanis langsame Musik ist unglaublich schön. Und seit ich auch ein bisschen über Händels Musik weiß, staune ich, wie sehr er von Steffani geprägt war. In Händels "Ariodante" könne sie Musik von Steffani finden am Beginn des zweiten Aktes. Und Sie finden Musik von Steffani in "Teodora". Das war nur 30 Jahre später.

Wenn Sie neue Partien einstudieren, haben Sie dann eine Art Coach oder üben Sie vor dem Spiegel oder am Klavier?
Nicht vor einem Spiegel und schon gar nicht am Morgen. Höchstens am Nachmittag. Zu Beginn meiner Karriere habe ich das noch gemacht wie viele Studenten. Aber besser als ein Spiegel ist eigentlich das Üben vor einer brennenden Kerze. Das ist wichtig für die Kontrolle der Atemtechnik. Wenn die Kerze heftig flackert oder erlischt, hat man zu stark ausgeatmet. Das ist ein gutes Mittel, um den Atem zu kontrollieren.

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass sich Ihr Repertoire von der Renaissance und dem Barock immer mehr erweitert in Richtung 19., frühes 20. Jahrhundert. Wo sind da die Grenzen?
Ja, wo sind die Grenzen? Was ich nie singen würde, ist Musik, die nicht zu mir spricht, die mir nichts zu sagen hat. Musik muss zu deiner Seele sprechen. Das ist die einzige Art, in der du Musik machen kannst. Ich muss mich von der Musik angerührt fühlen, weil sie meine Emotionen übersetzt. Aber wenn ich Musik höre, die mich nicht berührt, dann singe ich sie auch nicht.

Das hängt nicht von der Entstehungszeit ab?
Nein, das hängt überhaupt nicht von der Entstehungszeit ab.

Denken Sie manchmal daran, Wagner zu singen?
Nein. Mit Wagner ist das so eine interessante Sache. Bevor ich das erste Mal in Bayreuth war, habe ich in New York an der Met die "Walküre" gehört mit James Levine. Alles war riesig und laut, war wie ein Krieg. Als ich dann nach Bayreuth kam, das erste Mal in meinem Leben, da habe ich geglaubt, hier muss alles noch größer und prächtiger sein. Aber als ich dann im Festspielhaus saß, war ich geradezu schockiert. Das war das genaue Gegenteil von New York, schon weil es hier nur 1000 Sitzplätze gibt. Das Orchester ist verdeckt, der Klang ist gemäßigt, ausgeglichen. Und ich merkte. New York ist genau das, was Wagner nicht wollte. In Bayreuth ist alles so gut ausbalanciert in diesem geradezu intimen Theater. Das ist phantastisch. aber das ist leider nicht die Art, wie wir Wagner heute meistens aufführen.

Oder nehmen sie Bellinis "Norma". Das ist romantische Oper, Bellini war ja ein Zeitgenosse von Schubert. Seine Musik muss mit allen Nuancen aufgeführt werden, die die Partitur hergibt. Ich habe das mit Giovanni Antonini und Thomas Hengelbrock in Dortmund und Salzburg mit Originalinstrumenten gemacht. Das waren völlig neue Sichten auf den Komponisten.

Gibt es ein Lied, das Sie nie außerhalb der Badewanne singen werden?
In modernen Badezimmern hat man schon genug damit zu kämpfen, nicht hinzufallen, weil die Böden immer schlüpfriger werden. Da denke ich definitiv nicht ans Singen.

Manche Leute, nicht nur in Bad Kissingen glauben oder wünschen sich, dass die Künstler anreisen, natürlich um abends aufzutreten. Aber tagsüber gehen sie einkaufen oder lassen sich in Eisdielen erkennen und bewundern. Aber eigentlich haben Sie doch alles, was sie brauchen. Wie sieht Ihr Tag in Bad Kissingen aus?
Ja, das stimmt. Normalerweise habe ich alles dabei, was ich brauche. Um ganz konkret zu werden: Ich bin beispielsweise gestern Nachmittag hier angekommen. Dann war ich an der einen Quelle, an der weiter vorne, wo das Steigenberger war. Ich liebe dieses Wasser, vor allem das streng schmeckende. Es ist salzig und man schmeckt, dass es voller Energie steckt. Ich weiß nicht genau, wie ich das erklären soll.

Das ist immer das Erste, was ich mache: dieses Wasser trinken. Und dann laufe ich viel in dem wunderschönen Kurpark. Das ist großartig, wenn es nicht so regnet wie gerade jetzt. Gestern Abend war ich im Konzert und habe zugehört. Das ist auch für mich eine gute Gelegenheit, etwas anderes zu hören. Das mache ich immer gerne, wenn ich bei einem Festival Zeit habe.

Die 5. Sinfonie von Tschaikowsky haben verpasst.
Ja, ich wollte noch ein bisschen meine Stimme pflegen. Das sind Situationen, in denen man Disziplin aufbringen muss, auch wenn es schwer fällt. Aber ich habe gehört, dass die Sinfonie großartig war.

Die Fragen stellte Thomas Ahnert.