Es gibt nur einen Weg, Corona zu besiegen: Mit einer Impfpflicht", fordert Kerstin Herrnkind in einem Kommentar für den Stern Anfang August 2021. Aus einer Frau, die gegen die Impfpflicht war, ist eine Impfpflicht-Befürworterin geworden. Wie kam dieser krasse Meinungswandel? Herrnkind beschreibt es selbst in ihrem Kommentar. Im Zuge einer Recherche habe sie sich mit der Geschichte der Impfpflicht beschäftigt und festgestellt: "Der Impfzwang ist eine Erfolgsgeschichte."

Unsere Redaktion hat mit Medizinhistorikern darüber gesprochen, wie sie diese Forderung einschätzen. "Corona besiegen", das sei eine martialische Wortwahl, sagt Doktor Alexander Pyrges vom Institut für Geschichte der Medizin in Würzburg. Zwei Dinge müssten scharf getrennt werden. "Die Impfung und die Impfpflicht. Nicht alle, die Impfungen für sinnvoll erachten, sind für eine Impfpflicht", erklärt er.

Professor Karl-Heinz Leven ist Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Friedrich-Alexander Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg. Er sagt: "Mit einer freiwilligen Impfung sind wir in der Geschichte besser gefahren."

Pest, Lepra, Syphilis und Co.

Werfen wir einen Blick zurück: Aus historischer Perspektive ist das Auftreten neuer Krankheiten eher der Normalfall als die Ausnahme. Das fühlte sich im März 2020 zwar für die meisten Menschen nicht so an, aber seit Jahrtausenden erschüttern Pandemien von Infektionskrankheiten die Menschen.

Die Liste ist lang - Pest, Lepra, Syphilis, Spanische Grippe, Fleckfieber, Pocken, Cholera, Typhus, Ebola - und ließe sich ohne Schwierigkeiten fortsetzen. Aber lässt sich Corona damit vergleichen? "Die Bekämpfungsmaßnahmen gegen Corona sind einmalig", sagt Leven. Und: "Das hat es bei anderen Krankheiten früher weltweit so nicht gegeben." Ein Grund sei der Organisations- und Informationsgrad der globalen Gesundheitsüberwachung. Das könne man als Fortschritt sehen.

Eine andere Folge sei der Alarmismus, der entstünde. "Das ist der Preis, den man zahlt", meint er. In den Fernsehnachrichten sehe man erschreckende Bilder aus Brasilien und Indien. Dort sei früher auch viel passiert, nur mitbekommen, habe man es nicht.

Sehr schnelle Impfstoffentwicklung

In der politischen Öffentlichkeit herrscht seiner Meinung nach zu viel Alarmismus. Leven fordert: "Man will die Menschen kontrollieren, anstatt darauf zu verweisen, was schon geschafft wurde. Man muss das Positive stärker herausstellen." Nicht jeder Impfskeptiker sei ein "asozialer unmoralischer Mensch". Er fühle sich durch so manche "Hetzkampagne", bei der "Gut gegen Böse" stehe, an "vormoderne Zeiten, ein Denken wie im 16. Jahrhundert" erinnert. "Das wird nicht lange gut gehen."

Das Positive? Im Vergleich zu früher gebe es einen "kontinuierlich sich beschleunigenden Fortschritt in der Wahrnehmung", der sich auch auf die rasante Entwicklung eines Impfstoffes niederschlage. Nicht nur bei Corona, auch gegen Ebola habe man schnell einen Impfstoff gefunden. "Das ist schon enorm", betont Leven.

Die Erfindung der Impfung

Die Möglichkeit, sich durch Impfung gegen eine Krankheit zu schützen, kennt die Menschheit erst seit etwas mehr als 200 Jahren. Der englische Landarzt Edward Jenner ging mit einem Impfexperiment in die Geschichte ein. Jenner beobachtete, dass Menschen, die sich vorher mit harmlosen Kuhpocken infiziert hatten, von den oft tödlichen Menschenpocken verschont blieben. Er infizierte 1796 einen achtjährigen Jungen absichtlich mit Kuhpocken-Sekret.

"Die Impfung wirkte vortrefflich", sagt Leven. Jenner wurde zum Star. "Wenn es den Nobelpeis schon gegeben hätte, hätte er gleich drei Stück auf einmal bekommen", sagt der Medizinhistoriker. Erfunden hat er die Impfung nicht, sondern dies tat ein Wundarzt rund fünfzehn Jahre früher. Dieser veröffentlichte seine Ergebnisse nicht, Jenner jedoch schon. Die neue Methode verhalf ihm weltweit zu Anerkennung.

Beim Blick auf die Geschichte der Impfung, führt kein Weg an den Pocken vorbei: "Pocken waren eine außerordentlich gefährliche Krankheit, das war eine Killerepidemie für Kinder", sagt Leven. Fast alle Kinder im 18. Jahrhundert hätten Pocken bekommen, jedes vierte Kind sei daran gestorben. "Kein Vergleich zu Corona", findet er.

Die Krankheit war im Alltag präsent, sagt Pyrges von der Uni Würzburg. "Selbst, wenn man keinen Fall in der eigenen Familie hatte, es waren früher viele verschiedene Krankheitszeichen im Straßenbild sichtbar, unter anderem Pockennarben, Lähmungen und gebremstes Längenwachstum durch Polio." Heute seien solche Krankheitszeichen weitgehend verschwunden.

Impfgegner damals, Impfgegner heute - Experten lehnen eine Pflicht ab

Anders als bei Corona heute hätten die Gegner einer Impfung die Gefahr durch die Krankheit damals nicht klein geredet, sagt Alexander Pyrges, Medizinhistoriker bei der Universität Würzburg. Er erklärt: "Man war sich einig, dass man was machen muss." Heutzutage hingegen sei das Spektrum sehr breit, wie die Menschen die Gefährlichkeit von Corona einschätzen. Das ginge von "es handelt sich nur um eine Grippe oder einen Schnupfen bis zu apokalyptischen Äußerungen".

Mit der Möglichkeit der Impfung entstand auch die Diskussion um eine Impfpflicht. Auch damals hätte es Impfskeptiker gegeben, aber das sei eine kleine Gruppe gewesen. "Die Wirksamkeit der Impfung sprach für sich", sagt der Erlanger Medizinhistoriker, Professor Karl-Heinz Leven. Schwere Nebenwirkungen seien bei der Pockenimpfung eher selten gewesen, etwa bei einem Fall auf 10 000 Impfungen.

Impfgegner hätten sich an der Impfung gestört. Weniger an einer Impfpflicht. "Man bemängelte, dass die Impfung gefährlich sei. Man wollte den Körper von Krankheiten reinigen", sagt Pyrges. Die Impfung habe als eine Verschmutzung des Körpers mit Krankheitserregern gegolten. Zudem hätten Gegner angeführt, dass es sich bei der Pockenverbreitung um ein soziales Problem handle. Die Wohnsituation sei zu eng, man bräuchte fließendes Wasser und mehr Ärzte.

Früher wie heute lasse sich beobachten, dass schwelende gesellschaftliche Konflikte auf das Impfen projiziert würden, so Pyrges. Früher war es die soziale Frage, die Armut der Menschen und fehlende Lebensmittel, heute sei es etwa Bill Gates.

Bayern führte eine Impfpflicht ein

Die Pocken gelten bisher als einzige Krankheit, die durch eine medizinische Maßnahme ausgerottet wurde. Das gelang allerdings erst knapp 200 Jahre nach Erfindung der Impfung. Als weltweit erstes Land führte Bayern 1807 eine Impfpflicht gegen Pocken ein. Baden folgte ein paar Jahre später, Sachsen hingegen stellte es der Bevölkerung frei.

Zwischen 1871 und 1874 gab es erneut eine schwere Pockenepidemie. Mit ihr lebte die Diskussion um eine Impfung erneut auf - mit dem Ende, dass 1874 im gesamten Kaiserreich eine Impfpflicht eingeführt wurde. Ein Erfolg. "Die Pockenschutzimpfpflicht hatte über 100 Jahre bestand", erzählt Pyrges. Im Kaiserreich, in der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus und in der BRD sei sie aber unterschiedlich intensiv umgesetzt worden. In der DDR waren mehrere Impfungen Pflicht, anders als im Westen, wo nur die Pockenimpfung verpflichtend war.

Anfang des 20. Jahrhunderts hat es auf dem europäischen Kontinent nur noch wenige Pocken-Fälle gegeben, berichtet Leven. Und heute? "Die Pocken gibt es nur noch im Labor", sagt Pyrges. Auch andere Krankheiten wie die Kinderlähmung (Polio) und die Masern wurden weltweit durch Impfungen auf ein Minimum reduziert.

Corona wohl nicht auszurotten

Bleibt die Frage: Könnten wir Corona wie die Pocken durch eine Impfpflicht ausrotten? Durch die Impfung könne man die Krankheit kontrollieren, ausrotten könne man sie nicht, schätzt Leven. Sein Argument: "Weil es eine Krankheit ist, die ein Tierreservoir hat." Das bedeutet, dass Corona eben nicht nur von Mensch zu Mensch übertragen werden kann, sondern auch zwischen Mensch und Tier. Deshalb lasse sich die Krankheit nicht ausrotten.

Eine Impfpflicht gibt es derzeit nur gegen Masern. 2019 entschied sich der Bundestag dafür. Ohne ausreichenden Masernschutz dürfen auch Kinder nicht in Kitas aufgenommen werden.

Eine Pflicht schüre Vorbehalte, kritisiert Pyrges. Etwa 97 Prozent der Eltern hätten ihr Kind auch ohne Impfpflicht gegen Masern geimpft. Nur drei Prozent seien knallharte Impfgegner. Entscheide die Politik sich für eine Impfpflicht, würde schnell kritisiert, da stimme etwas nicht oder die anderen nicht-verpflichtenden Impfungen seien weniger wichtig.

Leven sagt, er habe sich gegen Corona impfen lassen. Er setze auf Freiwilligkeit und Aufklärung. Man müsse die Vorteile und Risiken der Impfung klar benennen. Die Impfaktion "Deutschland sucht den Impfpass" gegen die Masern nennt er als positives Beispiel.

"Wenn man eine Lektion aus den historischen Debatten um die Impfpflicht mitnehmen kann, dann ist es die, dass es nie sinnvoll ist, Lagerbildung zu betreiben", sagt Pyrges. "Das verhärtet nur die Fronten."

Chronologie der Impfstoff-Einführungen

Die Pocken-Impfung war die weltweit erste Impfung, die verabreicht wurde. In den letzten 200 Jahren entwickelten Mediziner und Wissenschaftler viele weitere Impfstoffe gegen gefährliche Krankheiten, die inzwischen dadurch massiv eingedämmt wurden:

  • Pocken 1796
  • Tollwut 1885
  • Typhus 1896
  • Cholera 1896
  • Pest 1897
  • Diphterie 1923
  • Keuchhusten 1926
  • Tuberkulose 1927
  • Tetanus 1927
  • Grippe 1936
  • Gelbfieber 1937
  • Fleckfieber 1938
  • Kinderlähmung 1955
  • Mumps 1967
  • Masern 1968
  • Röteln 1969
  • FSME 1973
  • Windpocken 1974
  • Lungenentzündung 1977
  • Hepatitis B 1981
  • Meningitis 1982
  • Influenza Typ B 1985
  • Hepatitis A 1992
  • Schwerer Durchfall (Rotaviren) 1998
  • Gebärmutterhalskrebs 2006
  • Jap. Enzephalitis 2009
  • Meningokokken (Typ B) 2013
  • Covid-19 2020