Ihre Ausbildung hat Sabine Müller (Name geändert, Anm. d. Red) im Nobelhotel Steigenberger absolviert. Sie verließ das Fünf-Sterne-Haus, kam aber bald wieder zurück. Im Service sorgte sie für rund 140 Gäste im Hauptrestaurant, auf der Terrasse sowie in den Tagungsräumen . 21 Jahre hat sie in Kissingens "Erstem Haus am Platz" gearbeitet. Sie könnte dort noch heute beschäftigt sein, wenn der Hotelkonzern und der Freistaat vor zehn Jahren nicht aus heiterem Himmel den Pachtvertrag gekündigt und das Kurhaushotel geschlossen hätten. "Für uns Mitarbeiter war das unfassbar", sagt sie.

Noch heute erinnert sie sich gern an das Arbeiten bei Steigenberger zurück. An das hohe fachliche Niveau, an die familiäre Stimmung unter den Mitarbeitern und an die enge Beziehung zu den Stammgästen, die sich nicht nur in dem Hotel, sondern auch in der Stadt wohl fühlten. "Es war schön. Die Mitarbeiter haben sich verantwortlich gefühlt auf Arbeit zu gehen und die Gäste, die haben einen gekannt und schon direkt nach der Anreise nach einem gefragt", erzählt Müller.

Der Schock

Am 12. Mai 2010 gaben der Freistaat und das Unternehmen Steigenberger jedoch das Aus für das Luxushotel bekannt. Siegfried Steinbach war zu dieser Zeit Vorsitzender des Betriebsrates in Bad Kissingen sowie stellvertretender Vorsitzender im deutschen Konzernbetriebsrat. Er wurde von der Steigenberger-Vorstandsetage telefonisch darüber informiert, dass das Hotel schließt. "Ich war fassungslos und entsetzt und habe das erst einmal verdauen müssen", sagt er.

In der Belegschaft, aber auch in der Stadt sah wohl niemand diesen Schritt kommen. Erst kurze Zeit vorher hatten der Freistaat und der Hotelbetreiber den Pachtvertrag bis 2025 verlängert. 2008 feierte Steigenberger groß den 50. Geburtstag des Hauses in Bad Kissingen. Auch sei immer wieder in Hotel und Gebäude investiert worden, berichtet Steinbach. Am Ende waren dann aber die Differenzen um Investitionen in den Brandschutz zu groß.

Lokal- und Landespolitiker setzten sich für den Erhalt des Hotels ein und die damals 67 Mitarbeiter gingen im Juli 2010 auf die Straße, als Ministerpräsident Horst Seehofer das Staatsbad besuchte. Geholfen hat das alles nichts mehr: Am 17. Oktober reiste bereits der letzte Gast ab, am 31. Oktober wurden zum letzten Mal die Schlüssel in der Eingangstüre herumgedreht. "Ich weiß noch, dass ich an diesem Tag als letzter aus dem Hotel heraus bin", erzählt der Betriebsrat.

Schwere Monate für Belegschaft

Die Wochen und Monate von Mai bis Oktober gerieten für die Steigenberger-Mitarbeiter zur Belastungsprobe. Ständig wurden sie von Gästen aber auch in der Stadt auf die Schließung angesprochen und mussten sich dazu erklären. "Das ging an die Psyche", sagt die ehemalige Mitarbeiterin. Sie berichtet, dass sie deshalb sogar für einen Kurs an die Steigenberger-Zentrale nach Frankfurt gefahren ist, auf der Angestellte geschult wurden, wie sie die Schließung kommunizieren.

Steinbach wiederum verhandelte erst intern mit der Konzernführung und dann mit dem Freistaat Bayern einen Sozialplan für die Mitarbeiter. "Wir haben wenigstens eine Entschädigung für die Mitarbeiter erzielt. Einen Arbeitsplatz kann das natürlich nicht ersetzen", sagt er. Mit zehn Jahren Abstand zur Schließung weiß Steinbach, dass in der Notlage das bestmögliche für die Mitarbeiter erreicht wurde. Dazu hat die Abfindung beigetragen, genauso wie der Umstand, dass bis auf Einzelfälle die meisten zügig wieder eine neue Arbeit gefunden hatten.

Für die Stadt war die Schließung des einstmals Königlichen Kurhaushotels ein einschneidender Schritt. Hier ging nicht einfach die Geschichte eines luxuriösen Beherbergungsbetriebs zu Ende, sondern es war das Aus für eine Institution, die die Weltbadzeit der Stadt symbolisierte. Während der Hochzeit der Kur residierten dort Kaiser, Könige und der Hochadel, und auch im 20 Jahrhundert drückten sich dort Stars und Prominente aus Politik, Kultur und Wirtschaft die Klinke in die Hand.

Wirtschaftlicher Schaden

"Das Hauptproblem war, dass Steigenberger ein gewisses Klientel angesprochen hat. Das waren Gäste die den Full-Service wollten und Fünf-Sterne-Standard gewohnt waren", sagt Ralf Ludewig, Vorsitzender der Werbegemeinschaft Pro Bad Kissingen und Bezirksvorsitzender des Handelsverbandes Bayern. Einen Teil dieser Gäste habe Bad Kissingen verloren, weil es in der Stadt kein Hotel der Fünf-Sterne-Kategorie gibt. "Ich habe damals einige Kunden verabschiedet, die gesagt haben, dass sie nicht mehr wieder kommen", berichtet Ludewig. Die Stadt biete zwar viele andere schöne und hochwertige Hotels, ein gewisser vornehmer Gästekreis lasse sich aber nicht mit Vier-Sternen zufriedenstellen.

Die zahlungskräftigen Gäste kauften nicht nur fleißig Eintrittskarten für den Kissinger Sommer, sondern waren auch für die Innenstadt wichtig. Ludewig: "Etwa im Bereich hochkarätiger Juweliere, Bekleidungsgeschäfte und Teppiche haben wir seit 2010 Angebote verloren."

"Wunde klafft bis heute"

Auch für die öffentliche Hand war die Schließung teuer. Der Freistaat zahlte eine Entschädigung an Steigenberger sowie den Sozialplan für die Mitarbeiter. Wie viel das gekostet hat, dazu macht das Finanzministerium noch immer keine Angaben und verweist auf geschützte Rechte der Steigenberger-Gruppe sowie der Angestellten. Die Kosten für den Abriss von Ende 2014 beziffert das Ministerium mit 2,35 Millionen Euro. Dazu fehlen seit 2010 jedes Jahr 40 000 Übernachtungen sowie rund 150 000 Euro Einnahmen an Kurtaxe.

Der Freistaat hat nach dem Abriss das Areal zum Verkauf für ein neues Luxus-Hotel ausgeschrieben. Nach jahrelanger, schwieriger Investorensuche kam dieses Jahr dann die Erfolgsmeldung: Das Grundstück ist verkauft, die Investoren planen dort ein Vier-Sterne-Superior Hotel mit 132 Zimmern sowie ein Gebäude mit 58 Wohneinheiten für betreutes Wohnen. Doch noch liegt das Areal brach.

"Natürlich war die Schließung ein großer Verlust und die Wunde klafft bis heute", bilanziert Landrat Thomas Bold (CSU). Fünf-Sterne-Häuser seien in der Fläche kaum zu finden. Im größeren Umkreis war das Steigenberger das einzige Haus auf diesem Niveau. "Das war ein Qualitätsmerkmal für Bad Kissingen", meint er.

Zwar habe die Region einen Teil der Gäste verloren, ein anderer Teil sei auf andere Häuser ausgewichen. Hotels wie der benachbarte Kaiserhof Viktoria, das Dorint in Bad Brückenau oder die Neumühle in Wartmannsroth hätten den Wegfall zum Teil kompensieren können. Die Forderung der Stadt und des Stadtrates, dass an der Stelle unbedingt wieder ein Hotel stehen müsse, sei richtig gewesen.

Die letzten Tage im Kurhaushotel

Nachdem der letzte Gast abgereist war, ging es für die Belegschaft ans Zusammenpacken. Inventar, das nicht weiter gebraucht wurde, wurde verkauft. "Wir haben die Tage abgesessen und Aufräumarbeiten gemacht", erzählt Betriebsrat Steinbach und Sabine Müller meint: "Es war ein ganz komisches Gefühl, in dem Hotel mit den leeren Betten." Inzwischen arbeitet sie zwar längst in einem anderen Hotel, auf das Steigenberger wird sie aber bis heute angesprochen: Es war für viele eben nicht nur ein Hotel, sondern ein Symbol.