Bad Kissingen soll die Vorreiterrolle einer bundesweiten Kampagne zur Abschaffung der Sommerzeit übernehmen. Zu diesem Zweck gründeten namhafte Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Medizin und Wissenschaftsjournalismus einen Arbeitskreis. Das Treffen kam auf Einladung des städtischen Wirtschaftsförderers Michael Wieden in der "Chronocity Bad Kissingen" zu Stande. Dem Arbeitskreis gehören auch Stadt und Staatsbad GmbH an. Ziel und Zweck ist die gegenseitige Information über Aktivitäten zur Abschaffung der Sommerzeit und der Austausch neuer Erkenntnisse aus der Wissenschaft.

Mit Gründung des Arbeitskreises folgt Wieden einem Beschluss des Wirtschaftsausschusses vom 29. April, bis September Möglichkeiten zu erarbeiten, wie Bad Kissingen eine Vorreiterrolle zur Abschaffung der Sommerzeit übernehmen kann. Oberbürgermeister Kay Blankenburg hatte damals angemerkt, es ginge nicht um eine Insellösung allein für die Kurstadt, sondern um die Führungsposition in einer entsprechenden Initiative, zumal "die bayerische Staatsregierung in eine ähnliche Richtung denkt".

"Sensationell, wie sich die Stadt um den Wegfall der Sommerzeit kümmert", begeisterte sich Herbert Reul (CDU), Vorsitzender der CDU/CSU-Gruppe im Europäischen Parlament, im anschließenden Pressegespräch. "Unser Arbeitskreis gibt dem Thema neuen Schub und fördert das Ansehen der Kurstadt." Die Mehrheit der Deutschen wünsche sich die Abschaffung der Sommerzeit, deren schädliche Auswirkung auf den menschlichen Organismus durch zahlreiche Studien belegt ist. Je konkreter die Forderung der Basis werde, umso stärker wachse der Druck auf die Politik. Das "Problem Sommerzeit" sei im EU-Parlament bekannt, es habe bereits in drei Ausschüssen Anhörungen zum Thema gegeben, so Reul, doch noch scheine Tierschutz wichtiger als Menschenschutz. "Man schafft Unruhe nur durch Aktionen und Fakten."

Kritik: Politiker sind unentschlossen

Für Unruhe sorgten bereits der Homöopath Hubertus Hilgers (Erlangen) sowie Heilpraktiker und Autor Rene Gräber (Preetz). Gräber betreibt die Internet-Plattform "Zeitumstellung abschaffen" (www.zeitumstellung-abschaffen.de) mit entsprechenden Hinweisen aus der Medizin und bietet eine Unterschriftenliste zum Ausdruck und zur Verteilung an. Hilgers übergab kürzlich eine von 65 000 Bundesbürgern unterschriebene Petition zur Abschaffung der Sommerzeit an Wirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel. Eine Antwort aus dem Ministerium steht aus. "Der Bundestag schiebt die Verantwortung immer wieder an das EU-Parlament ab, Brüssel verweist prompt auf die nationale Entscheidungsgewalt", beklagte Hilgers die Unentschlossenheit der Politik.

"Bad Kissingen ist mit diesem Arbeitskreis ein Coup gelungen, um europaweit für Aufmerksamkeit zu sorgen", ist der Hamburger Wissenschaftsjournalist Peter Spork überzeugt. Sein 2014 veröffentlichtes Buch "Wake up! Aufbruch in eine ausgeschlafene Gesellschaft" fand in Fachkreisen und in den Medien große Beachtung. Besonders freute sich Spork über die wissenschaftliche Begleitung durch die Mediziner Thomas Kantermann, Professor für Chronobiologie an der niederländischen Universität Groningen, und Till Roenneberg, Professor für Medizinische Psychologie und Chronobiologie an der Universität München.

Fakten und Argumente für die Abschaffung der Sommerzeit gibt es aufgrund zahlreicher wissenschaftlicher Studien. Spork: "Wir können Sie zuschmeißen mit Studienergebnissen." So sei zum Beispiel erwiesen, dass die Zahl der Herzinfarkte nach der Zeitumstellung auf Sommerzeit um bis zu 25 Prozent ansteigt, nach erneuter Umstellung auf Normalzeit aber um denselben Prozentsatz absinkt. Der durch die Zeitumstellung erzeugte Stress treibe den menschlichen Körper in Krankheiten, meinten die Experten übereinstimmend, wobei die Sommerzeit als Ursache nicht unmittelbar erkennbar sein muss, da deren Auswirkungen auch erst nach Jahren auftreten können. "Der Normaltypus schläft von Null bis acht Uhr, die Schule beginnt aber schon um Acht, im Sommer sogar eine Stunde früher", machte Michael Wieden deutlich. " Schlafstörungen in der Schulzeit können sich erst beim Erwachsenen auswirken."

Die Parlamente verordneten 1980 die Sommerzeit in der Hoffnung auf Energieeinsparung. Doch längst ist dies als Irrtum erweisen. "Alle wissen es, keiner tut etwas", kritisierten die Arbeitskreismitglieder die politisch Verantwortlichen. "Viele Gesundheitsprobleme wären gelöst, wenn die Sommerzeit abgeschafft würde."


Mitglieder des Arbeitskreises "Abschaffung der Sommerzeit": Martin Brotzler (Journalist, Waiblingen), Claudia Garrido Luque (Trainerin und Mediatorin, Bad Kissingen), Rene Gräber, Heilpraktiker und Buchautor, Preetz), Hubertus Hilgers (Homöopath, Erlangen), Thomas Kantermann (Professor für Chronobiologie, Groningen/NL), Herbert Reul (CDU, Vorsitzender der CDU/CSU-Gruppe im Europäischen Parlament, Brüssel), Till Roenneberg (Professor für Chronobiologe, München), Peter Spork (Wissenschaftsjournalist und Buchautor, Hamburg, Jens Wildner (Publizist und Fotograf, Hamburg) sowie die Stadt Bad Kissingen und die Staatsbad GmbH.