Allmählich normalisiert sich der Konzertbetrieb wieder - auch beim Bayerischen Kammerorchester Bad Brückenau - unschwer daran zu erkennen, dass die nicht mehr vorgeschriebenen Atemschutzmasken auf dem Rückzug sind. Und daran, dass die Stuhlreihen wieder enger gestellt werden können und damit mehr Plätze ermöglichen. Und trotzdem war jetzt das traditionelle Winterkonzert komplett ausverkauft - obwohl einige Besucher sich wegen des Schneefalls nicht auf die Straße getraut und abgesagt hatten.

Aber nach all der Trübnis und dem Abgeschnittensein der letzten Zeit war das Bedürfnis groß, wieder einmal unbeschwert Musikhören zu können. Zumal das Thema des Winterkonzerts ja durchaus dazu einlud, denn Chefdirigent Sebastian Tewinkel hatte sich für "Serenade" entschieden. Die war schon einmal vor zwei Jahren geplant, aber dann kam der Lockdown dazwischen.

Verführerisch auch deshalb, weil der Begriff "Serenade" ja nichts mit dem italienische "sera" ("Abend") zu tun hat und deshalb unabhängig von der Tageszeit ist. Sondern er kommt von "serenata", und das ist eine "heitere Angelegenheit", und die kann man sich ganztags gönnen, auch am Abend. Das ist dann eine "Serenata alla sera".

Heitere, witzige Musik

Man hätte das Konzert nicht besser als mit Wolfgang Amadeus Mozarts titelillustrierenden Serenata notturna D-Dur KV 239, zumal Sebastian Tewinkel und seine Leute Mozarts Anliegen sehr ernst nahmen, eine absolut heitere, witzige Musik für den Salzburger Karneval zu schreiben. Und so wurde halt nicht zelebriert, wie das gerne geschieht, wenn ein Werk schon mit einem "Marcia. Maestoso" beginnt und auch noch die beiden Pauken - damals in einem Streichorchester absolut unüblich - das erste Wort haben.

Spannende Dynamik

Sondern die Brückenauer zielten mit viel Schwung auf Mozarts Ironisierung des Militärischen, mit dem er nicht viel am Hut hatte, die er etwa auch im Soldatenchor von "Così fan tutte" oder Figaros köstlicher Arie "Non più andrai" mit ihrem Amüsement über den zum Militär abkommandierten Cherubino zeigt.

Und am anderen Ende des Werkes das Finalrondo, in dem Mozart verschiedene traditionelle, vor allem französische Tänze aufs Korn nahm. Da musizierte das Orchester mit starker Farbigkeit und mit höchst spannender Dynamik und Agogik. Da musste man als Zuhörer aufpassen, dass man nicht den Anschluss verlor.

Kleines Solo

Die besondere Praline war allerdings der Mittelsatz, dass Menuett, in dem die Struktur der Besetzung besonders deutlich zum Ausdruck kommt. Denn Mozart hat in der Tradition des Concerto grosso - in der gesamten Serenata, in den beiden anderen Sätzen weniger auffällig, ein Solistenquartett mit zwei Violinen, Viola und Kontrabass, dem Tutti oder Ripieno dialogisierend gegenübergestellt. Im Trio des Menuetts spielen allerdings nur die vier Solisten.

Und da hat die Brückenauer der Schalk geritten: Sie haben für jeden der vier Solisten - und für die Pauke - ein kleines kadenzierendes Solo hineingeschrieben.

Und die fünf nutzten die Chance des kurzen, aber ungestörten Auftritts für musikalischen Humor. Wann kann man schon mal über ein Kontrabass- oder Paukensolo lachen - bei Clara de Groote an den beiden Pauken freilich keine Überraschung. Denn die hatte in ihren allerersten Takten schon so köstlich draufgehauen, als wolle sie den ganzen Militarismus zur puren Karikatur machen.

Warum bei den Solisten kein Cello dabei war? Ganz einfach: Vor adeligen Herrn oder Fürstbischöfen wurde in diesen Fällen stehend musiziert, und die Solisten standen vorne dran. Sitzen war nicht erlaubt, und deshalb wurden die Cellisten hinter der letzten Reihe der stehenden Ripienisten versteckt. Denn ganz auf sie verzichten wollte niemand. Hören wollte man sie schon.

In blendender Form

Im völligen Kontrast zu Mozarts überfallartigem Übermut stand das Impromptu für Streichorchester, ein etwas schwerblütiger spätromantischer Satz von Jean Sibelius. Da sind es nicht die melodischen Aspekte, die die Spannung erzeugen, sondern die Klangbildung und die dynamischen Wandlungen, die scharfen Konturen trotz fließender Verläufe, die Emotionalität.

Und spätestens hier, in dieser empfindlichen Spielsituation, konnte man besonders gut erkennen, in welch blendender Form sich das Orchester an diesem Abend präsentierte, mit welcher Genauigkeit und Flexibilität es musizierte.

Mit vier Schlägeln

Und dann kam Clara de Grootes eigentlicher Auftritt als Solistin in dem Konzert für Marimba und Streichorchester des Franzosen Emmanuel Séjourné (*1961). Er ist gelernter Perkussionist und weiß natürlich, was ein Perkussionist alles kann, wenn er es kann.

Und die 20-jährige Frankfurterin kann, denn in Berlin hat sie die ganze Prominenz als Lehrer. Und so zauberte sie und nutzte alle Spieltechniken aus, um zu zeigen, dass die Marimba zwar ein Schlaginstrument ist, aber durchaus auch singen kann, wie man mit vier Schlägeln auch sinfonische Dichte erzeugen kann. Und wie man sich, wie in dem zweisätzigen Konzert auch bestens gegen ein Orchester behaupten kann.

Verzwickte Herausforderung

Wobei das Zusammenspiel schon aus rhythmischen Gründen eine verzwickte - aber bestens gemeisterte - Herausforderung war. Und Clara de Groote zielte ja nicht nur auf die technische Virtuosität, sondern auch auf die Melodien, die sie wunderbar herausarbeitete. Den zweiten Teil bildete die Serenade für Streichorchester C-Dur op. 48 von Peter Tschaikowsky mit dem berühmten Walzer. Und auch sie wurde - wider Erwarten - außerordentlich spannend.

Denn zum einen zog Sebastian Tewinkel die Tempi durchgehend ein bisschen an, dass sich kein Stillstand bilden konnte.

Zum anderen hatte er mit seinen Leuten ganz klare Strukturierungen erarbeitet, die dem dritten und vierten Satz zugutekamen und die sich als interessefördernd erwiesen. "Valse", der zweite Satz hätte ruhig etwas länger sein können. Perfektion muss nicht langweilig sein.

Die Zugabe musste Sebastian Tewinkel nicht ansagen, die kennt eigentlich jeder: Luigi Boccherinis Menuett aus dem Streichquartett E-Dur op. 11/5. Die wenigsten kennen den Satz vermutlich aus dem Konzertsaal, aber alle anderen aus dem berühmten Film "Ladykillers" mit Alec Guinness aus dem Jahr 1955. Leise, fast rätselhaft gespielt war es eine charmante Aufforderung an das Publikum, sich wieder hinauszubegeben in die Kälte der Nacht.