Die Dörrenbergstraße in Wildflecken ist kurz. Sie besteht im Grunde aus zwei Häusern, eines linker Hand und eines rechter Hand. In einem der Häuser ist ein Fotostudio untergebracht. Zu dem anderen führt über einen kleinen Anstieg eine Steintreppe. Sie ist verwittert, die Stufen sind teils abgesunken. Am Ende der Treppe steht ein deutlich in die Jahre gekommenes Haus mit weißer Fassade und weißen Fenstern. Die braune Eingangstür ist mit weißer Farbe beschmiert.

Ein Investor hat das leerstehende Gebäude erworben, ebenso ein um die Ecke angrenzendes Haus in der Rothenrainer Straße. Beide Objekte wurden der Regierung von Unterfranken angeboten. Diese plant, dort afghanische Ortskräfte mit deren Familien unterzubringen, es handelt sich um bis zu 50 Menschen.

Ortskräfte aus Afghanistan ausgeflogen

Die Ortskräfte halfen der Bundeswehr bei deren Einsatz in Afghanistan und wurden nach der Machtübernahme durch die Taliban soweit möglich ausgeflogen. Für sie bestand als Helfer der ausländischen Truppen Lebensgefahr. Im Wildfleckener Gemeinderat stieß das Vorhaben vor allem aufgrund der ohnehin schon schwierigen Sozialstruktur der Gemeinde auf Ablehnung. Wie sehen es die Menschen vor Ort?

Eine Frau mittleren Alters läuft gerade von der Rothenrainer in die Dörrenbergstraße. Wie sie es findet, dass afghanische Ortskräfte im Ort untergebracht werden sollen? Sie zuckt nur mit den Schultern. Dann erzählt sie, dass sie selbst aus Kasachstan stammt und 2002 in die Marktgemeinde kam, wo bereits ihr Onkel lebte.

"Ich bin sehr zufrieden hier", sagt sie. Sie habe in Wildflecken eine zweite Heimat gefunden. "Es gefällt mir hier." Allerdings fehle im Ort zum Beispiel eine Apotheke. Die Frau erzählt auch, dass sie in ihrer Kindheit in Kasachstan von der Oma ein wenig Deutsch gelernt habe. "Richtig dann aber erst hier."

Noch nicht alle in Wildflecken wussten Bescheid

Entlang der Rothenrainer Straße stehen mehrere Reihenhäuser, auch der Probenraum des Musikzugs Wildflecken ist hier zu finden. Oberhalb kreuzt die Reußendorfer Straße. In einer Hofeinfahrt steht ein junger Mann mit Zigarette. Davon, dass afghanische Ortskräfte im Ort untergebracht werden sollen, hat er bis dato noch nichts gehört. Es störe ihn aber nicht, sagt er.

Zurück in die Rothenrainer Straße: Auf einem Balkon sitzen eine Frau und ein Mann zusammen. Die geplanten Unterkünfte für die afghanischen Ortskräfte sind in Sichtweite der beiden. Die Frau erzählt, dass sie es schon gehört habe. "Schlimm", sagt sie. Dem Mann war die geplante Unterbringung der Ortskräfte neu.

Sollten diese sich nicht an die Regeln und Gesetze halten, werde man rechtliche Schritte einleiten, sagt er. Solange Ruhe herrsche, sei es in Ordnung. Man lebe dann wohl nebeneinander her. Die beiden äußern offen ihren Unmut darüber, dass hier Steuergelder verprasst würden, während es in Wildflecken andere Baustellen gebe. Zum Beispiel bedürften die Spielplätze einer Überarbeitung. "Bei der Schule hat es auch lange gedauert, bis sie gemacht wurde", ergänzt die Frau.

Problemviertel "Klein-Manhattan"

Wenige Meter entfernt läuft gerade ein junger Mann in Richtung der Dörrenbergstraße. Er habe schon gehört, dass afghanische Ortskräfte nach Wildflecken kommen sollen. "Egal, was man heutzutage sagt, es gibt so oder so Beschwerden. Von meiner Seite aus ist es nichts Schlechtes", sagt er. Durch die Unterbringung der Familien würden sich zwei leerstehende Gebäude wieder füllen. Der junge Mann gibt aber zu bedenken, dass es in der Marktgemeinde auch Menschen mit rechtsradikaler Gesinnung gebe.

Daneben hat Wildflecken mit "Klein-Manhattan" ein ganz besonderes Viertel, unschwer zu erkennen an den knallbunten Häusern. Er habe bis vor Kurzem selbst dort gewohnt, berichtet der junge Mann. Es sei im Prinzip ein "pures Ausländerviertel". Dort komme es regelmäßig zu Drogendeals und Kontrollen der Polizei. "Das ist tagsüber ein ruhiges Viertelchen, aber nachts geht da die Post ab." Insgesamt sei Wildflecken aber "ein ganz normaler Ort, wie jeder andere auch", sagt der junge Mann. Die Jugend mache zwar mit Partys "ordentlich Krawall". "Aber es gibt wohl mehr Rentner als Jugendliche", sagt er mit einem Schmunzeln.

In besagtem "Klein-Manhattan", am Ende der Reußendorfer Straße, ist gerade ein älteres Paar unterwegs. Sie seien vor 30 Jahren aus Oberschlesien gekommen und "ganz normal" in der Gemeinde aufgenommen worden, berichtet der Mann. Sie fühlten sich hier zuhause. Auf die Unterbringung der afghanischen Ortskräfte angesprochen, sagt die Frau, dass das zu viel sei. Zu viele Nationen. "Was soll man dazu sagen?", fragt der Mann. "Am besten nichts." Spricht's und geht mit seiner Frau weiter.

Ein zusammengewürfelter Haufen

Im Altort, in der Bischofsheimer Straße, ist gerade eine ältere Frau unterwegs, wenig später kommt eine Bekannte hinzu, die mit Walking-Stöcken ihre Runde dreht. Wildflecken sei schon belastet genug, sind sich die beiden einig. Sie verweisen unter anderem auf den Abzug der Amerikaner, die psychisch Kranken, die im Ort untergebracht sind, und die Aussiedler, die aber ein "arbeitsames Volk" seien. Seit dem Zweiten Weltkrieg kamen immer wieder Fremde in den Ort, wie die ältere Frau berichtet. Einige seien weitergezogen, andere geblieben. Die Gemeinde sei insgesamt ein "zusammengewürfelter Haufen".

Ihre Bekannte erklärt, dass ihr die Menschen aus Afghanistan wirklich leid täten. Dennoch wünsche sie sich, dass Wildflecken so bleibe, wie es ist. Für sie stellt sich nicht zuletzt die Frage: "Wo sollen die Leute denn eine Arbeit finden?" Die Industrie fehle, es gebe auch keine Gaststätte mehr im Ort. Als sie sich verabschiedet, stößt eine weitere Bekannte dazu. Sie habe nichts gegen die Leute, aber für Wildflecken sei es eigentlich wirklich bereits zu viel.