Mindestens 650 000 Obdachlose soll es nach einer Schätzung aus dem Jahr 2017 in Deutschland geben. Für die genaue Zahl hat sich bisher niemand interessiert. Einer von ihnen war Richard Brox (57), der mehr als drei Jahrzehnte auf der Straße von Almosen lebte. Heute ist er Bestseller-Autor und Literaturpreisträger.

Über sein Leben und sein Sachbuch "Kein Dach über dem Leben", das 2018 mit einem Vorwort von Investigativjournalist Günter Wallraff erschien und sich inzwischen in neunter Auflage etwa 40 000 Mal verkaufte, erzählte er kürzlich den Schülerinnen und Schülern der Förderschule St. Martin im Kinder- und Jugenddorf St. Anton in Riedenberg, einer Einrichtung der Caritas für Kinder, Jugendliche und junge Volljährige, die einer intensiven sozialpädagogischen, heilpädagogischen und therapeutischen Förderung bedürfen.

Mitgefühl und Respekt

Religionslehrerin Bettina Kraus hatte ihren Zöglingen während des Homeschoolings das Buch, das noch im Erscheinungsjahr als Lehr- und Unterrichtsbuch in die Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung (Bonn) aufgenommen wurde, zur Lektüre aufgegeben. Mitgefühl und Respekt wollte sie den Jugendlichen dadurch vermitteln, auf die Gefahr von Alkoholismus hinweisen und soziales Engagement fördern. "Jeder Mensch ist ein vollwertiges Wesen", ist für sie die gerade in heutiger Zeit wichtigste Botschaft des Buches und liegt darin mit Autor Richard Brox auf einer Linie.

Brox bezeichnet seinen Bestseller als Aufklärungsbuch gegen Vorurteile. "Ich bin ein Verfechter von Antisemitismus, Antiziganismus, Homophobie und Rassismus", macht er klar und ergänzt: "Obdachlosigkeit ist die schlimmste Form von Armut. Wenn dann noch Entwürdigung hinzukommt, hört alles auf."

Brox weiß, wovon er spricht: 1964 in Mannheim als Sohn zweier vom Krieg gebrochener, alkoholkranker Eltern geboren, begann er als Fünfjähriger sein Leben in Kinderheimen, flüchtete vor sexuellen Übergriffen, verweigerte die Schule, galt als schwer erziehbar, wurde drogensüchtig.

Nach dem Tod seiner Mutter, bei der er als 20-Jähriger in Mannheim untergekommen war, wurde er 1985 das Opfer einer städtischen Zwangsräumung, da eine Mietschuld von 1500 D-Mark ausstand.

Erst während der vierjährigen Recherche zu seinem Buch stellte sich heraus, dass dieser Rauswurf widerrechtlich war, da es Sachwerte im Schätzwert von 18 000 D-Mark gab, die die Stadt Mannheim kurzerhand beschlagnahmte. Brox: "Das war Diebstahl. Ich will von der Stadt kein Geld, aber wenigstens eine Entschuldigung."

Flucht vor sich selbst

Fortan lebte Brox "ohne Schulabschluss, ohne Berufsausbildung" über 30 Jahre auf deutschen Straßen. "In Unterfranken war ich auch oft." Im Jahr 2019 hatte ihm Günter Wallraff, mit dem er seit der Arbeit am Buch befreundet ist, in Köln eine Wohnung beschafft, doch nach nur zwei Monaten floh Brox aus der Enge der vier Wände wieder auf die Straße. "Es war die Flucht vor mir selbst. Flucht war für mich Freiheit."

Erst seit einem Jahr scheint er ein wieder von Wallraff besorgtes neues Obdach in Köln auch mental angenommen zu haben: "Leben in der Wohnung ist Kopfsache: Man muss es wollen. Jetzt will ich." Natürlich war dieser Wille auch eine Frage des Alters. "Jeder Tag auf der Straße nimmt zwei Tage Lebenszeit", erklärt er. "Auf der Straße gibt man viel Energie ab, doch die fehlende Chance, sich neu aufzuladen, führt zur Entkräftung. Irgendwann muss man von der Straße runter."

Mit seinem Buch will er nicht nur die Gesellschaft über soziale Ungerechtigkeit aufklären, sondern kämpft für ein würdevolles Leben aller Obdachlosen. In Deutschland würde eine Unmenge Geld für Anlaufstellen und Duschbusse ausgegeben, kritisiert er. "Es wäre einfacher, Wohnungen zu besorgen. Denn nur im Schutz der eigenen vier Wände bekommt der Mensch seine Würde."

OpenBook Award

Mittlerweile gehört sein Bestseller, auf Veranlassung eines taiwanesischen Geschäftsmannes - mit Hilfe des Goethe-Instituts in Mandarin übersetzt - sogar in Asien zu den meistverkauften fremdsprachigen Sachbüchern und wurde 2020 in Taiwan mit dem OpenBook Award ausgezeichnet. Die Stadt Taipeh will sogar, so hat Brox erfahren, demnächst "Obdachlosen-Hotels" nach seiner im Buch beschriebenen Idee einrichten. Noch in diesem Jahr soll eine polnische Übersetzung seines Buches erscheinen, und schon deutet sich, wie Brox gehört hat, in Polen ein ähnlicher Erfolg an.

Engagement für Hospiz

Seit Erscheinen des Buches ist Richard Brox ein viel gefragter Gast für Lesungen und Vortragsveranstaltungen. Die Einnahmen aus Honoraren, Tantiemen und Spenden sammelt er für die Renovierung eines Obdachlosenheimes der Heilsarmee in Göttingen, aus dem er langfristig ein Hospiz für sterbenskranke Wohnungslose machen will. "Etwa 15 000 Euro habe ich schon überwiesen."

Am liebsten wäre ihm allerdings ein Neubau. Schon jetzt ist er bei vielen Kliniken in ganz Deutschland als ehrenamtlicher Hospizbegleiter eingetragen und wird gerufen, wenn sterbende Obdachlose keine Angehörigen haben. "In meinem Kopf dreht sich nur der Gedanke, wie kann ich helfen. Und ich werde helfen." Auch das Caritas-Kinder- und Jugendheim St. Anton in Riedenberg will er künftig unterstützen.

In seiner Kölner Wohnung arbeitet er bereits an seinem nächsten Buch, "das ähnlich für Furore sorgen wird", verspricht der Autor. Es soll im kommenden Jahr wieder beim Rowohlt-Verlag erscheinen.

Informationen zum Buch:

Richard Brox: "Kein Dach über dem Leben",

Rowohlt-Verlag,

Taschenbuch, 272 Seiten,

Preis: 10 Euro,

ISBN 978-3499632945