Das Wort "Praxis" steht mit blauem Edding auf seiner Tür geschrieben, die in heller Farbe gestrichen und mit hellblauen Linien verziert ist. Hans-Joachim Gehrlein, Oberstleutnant a.D., war zweimal Kommandant in Wildflecken: von 1996 bis 2000 und von 2005 bis 2011. Ein Mann, der es gewohnt war, Befehle zu geben. Heute hört er zu.

Im Oktober wurde Gehrlein von der Bundeswehr in den Ruhestand verabschiedet. Schon vorher machte er sich Gedanken darüber, wie es nach der Dienstzeit weitergehen sollte. Er wälzte Fachbücher der Psychologie und lernte für die mündliche Prüfung. Seit mehr als einem Jahr ist er als Heilpraktiker auf dem Gebiet der Psychologie anerkannt. Die Praxis in seinem Haus in der ehemaligen Siedlung der Amerikaner unmittelbar vor dem Haupttor der Rhön-Kaserne ist unscheinbar. Eine Couch, mehrere Stühle. Der Blick auf die Berge. Draußen regnet es.


Schlüsselfigur Vater

"Was auch immer uns verletzt, wenn wir aufwachsen, ist auf der Festplatte abgelegt." Es sind Sätze wie dieser, mit denen Gehrlein Einblick gibt in die Art, wie er an Probleme herangeht. Seit 15 Jahren begleitet er Menschen in Gesprächen, bietet Zeit an und seine Einschätzung - wenn sie gewünscht ist. Vier bis fünf Klienten finden regelmäßig den Weg in seine Praxis.

Die Schlüsselfigur in seinem eigenen Leben war der Vater. Der Grund, warum er überhaupt Soldat geworden sei, "ich wollte weg von zuhause". Gehrlein erzählt, wie er nach Jahrzehnten den Vater mit allem, was er im Leben seines Sohnes angerichtet hatte, konfrontierte. Der alte Mann schwieg, die beiden sollten sich in diesem Leben nicht noch einmal begegnen.

Gehrlein steht auf. In Gedanken ist er noch bei diesem Tag, als er die Reihenhaussiedlung, in der er aufgewachsen war, hinter sich ließ. "Irgendetwas ist anders. Ich habe das Gefühl gehabt, ich bin ein Riese", beschreibt er seine Gefühle. Er greift nach einem Gurkenglas, das auf dem Tisch steht, und verrückt es um etwa 20 Zentimeter. "Heilung findet dann statt, wenn wir die Dinge loslassen, die wir festhalten." Noch so ein Satz. Diese Erfahrung sollte den heute 60-Jährigen verändern.


Bezug zum christlichen Glauben

In seinem Ruhestand hat Hans-Joachim Gehrlein bisher viel gebaut: Eine Terrasse für seine Frau, aktuell macht er sich an einem Hühnerstall für die Tiere eines seiner beiden Söhne zu schaffen. Seit 2014 sitzt er für die PWW im Gemeinderat von Wildflecken. Die Familie ist im Vereinsleben und der evangelischen Kirchengemeinde vor Ort engagiert. Sein Talent sei eine hohe Empathie, sagt Gehrlein. Deshalb der Heilpraktiker. Und nach einer kurzen Pause: "Psychologie kommt aus meiner Sicht nicht ohne Christsein aus." Auch das treibt Gehrlein an.

Eines hat Hans-Joachim Gehrlein gerettet: Die Entscheidung, sich nicht mehr als Opfer zu sehen. Ist er selbst ein guter Vater? "Was ist ein guter Vater?" Die Frage hängt im Raum. Er sei kein schlechter Vater gewesen, sei immer für seine Söhne da gewesen. "Heute haben wir so eine Nähe ..." Gehrlein stockt. "Das ist totaler Wahnsinn."