Schon vor 50 Jahren hatte der 1950 in Bad Brückenau geborene Soziologe und Autor Josef Krug (71) seine Heimatstadt zum Studium in Bochum verlassen. Längst wohnt er in Dortmund. Aber die Verbindung in seine Heimatstadt hat er niemals gelöst, sei es durch gelegentliche Lesungen in der Galerie "Form+Farbe", die vor Jahren in sein Elternhaus in der Bahnhofstraße einzog, oder durch seine in Buchform veröffentlichten Erzählungen, in denen er Momente seiner Jugendjahre literarisch verarbeitete.

Auch in seinem im Mai erschienenen Debütroman "Fadenschein" erkennt man viele Gemeinsamkeiten des gebürtigen Brückenauers mit seiner Hauptfigur Robert Benrath. Doch ein autobiographischer Roman ist es nicht, weist der Autor entschieden zurück.

"Natürlich habe ich beim Entwerfen und Schreiben der Szenen aus persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen geschöpft. Aber mich oder einen Abschnitt meines Lebens habe ich nicht dargestellt oder darstellen wollen", antwortet Krug auf Nachfrage. Dennoch ist nicht zu leugnen, dass es etliche "Berührungspunkte zwischen der Romanfigur und mir gibt". So ist die Figur Benrath wie der Autor in einer Kleinstadt aufgewachsen, beide entstammen einer im Städtchen angesehenen Handwerkerfamilie, auch wenn es beim Autor keine Schlosserei, sondern eine Schreinerei war, wo er aber wie sein Protagonist "zu meinem Leidwesen häufig als mithelfender Familienangehöriger handlangernd eingesetzt wurde".

Weg aus der Heimatstadt

Beide verlassen ihre Heimatstadt, um zunächst ihren Wehrdienst abzuleisten, dann ab 1971 in der fernen Großstadt Soziologie zu studieren. Doch damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten des Autors mit seiner Romanfigur.

"Die im Roman geschilderten Probleme Benraths sind im Wesentlichen nicht meine gewesen. Probleme mit Anzügen, wie Benrath sie hat, gab es in meiner Familie nicht. Und in einer Kleiderkammer der Bundeswehr habe ich nie Dienst getan. Aber da Benrath mit Anzügen und Uniformen zu kämpfen hat, musste es eben eine Kleiderkammer sein."

In die Kleidung gezwungen

Denn Anzüge und Bekleidung aller Art bestimmen das Leben der Figur Robert Benrath von Kindesbeinen an. Immer fühlt er sich fremdbestimmt. So ist der Romantitel "Fadenschein" nur konsequent. Ob der Kommunionsanzug, der Anzug des Gymnasiasten, mit dem er zum Gespött seiner Schulkameraden wird, oder der blaue Anzug zur Abiturfeier - es sind die Eltern, die ihn hineinzwingen, um damit in der Kleinstadt-Öffentlichkeit den Schein der Bürgerlichkeit zu wahren, und das Kind Robert fügt sich in eine Rolle, die nicht seine ist und ihn einengt. Er hat nicht die Kraft zum Widerspruch.

Auch als Soziologie-Student der 70er Jahre, jener Zeit der Jugend- und Protestbewegung, ist er niemals wirklich frei. Es mangelt ihm an Selbstbewusstsein und Persönlichkeit. Er passt sich in wilder, bunter Kleidung seinen Kommilitonen an, ohne sich bewusst zu sein, dass er sich nur verkleidet, um, den Schein bewahrend, nicht zum Außenseiter abgestempelt zu werden. Robert Benrath bleibt ein fremdbestimmter Mitläufer.

"Sein Debütroman weist alle Vorzüge seiner früheren Texte auf", bescheinigt der Literaturwissenschaftler Walter Gödden dem Autor im Nachwort: "Genaue Beobachtung, sensible Personengestaltung und eine Handlungsführung, die zu keiner Zeit den Faden verliert."

Veröffentlichung in der Schülerzeitung

Schon als 16-jähriger Schüler im Franz-Miltenberger-Gymnasium beobachtete Josef Krug seine Umwelt, verarbeitete dies literarisch in Erzählungen und Gedichten und veröffentlichte vieles in der Schülerzeitung "Kaktus". Auch während seiner Berufstätigkeit als Sozialarbeiter für arbeitslose Jugendliche, als Lehrer für türkische Jugendliche und für Auszubildende des Bergbaus oder zuletzt als Projektentwickler in einer interkulturellen Begegnungsstätte veröffentlichte Krug seit 1985 immer wieder seine erzählende Prosa, Gedichte, Hörspiele, Essays und sogar zwei Übersetzungen aus dem Türkischen.

Schon bei seinen Lesungen in den 1990er Jahren im Bad Brückenauer Geburtshaus, der heutigen Galerie "Form+Farbe", hatte er einige Passagen aus früheren Fassungen seines jetzt endlich veröffentlichten Debütromans vorgetragen. "Das Genre Roman begleitet mich eigentlich schon seit den 1980er Jahren", gesteht der bereits mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller. "Mein Roman hatte eine sehr lange Entstehungszeit. Ich habe ihn mehrmals überarbeitet, sogar umgeschrieben."

Von seinem Wechsel des Genres erhofft er sich nun die Öffnung "neuer Türen für weitere Veröffentlichungen". Woran Josef Krug allerdings gerade schreibt, will er nicht verraten. "Ich arbeite wie schon vor und während meiner Arbeit an 'Fadenschein' an anderen Texten weiter." Vielleicht verrät er uns sein neues Buchprojekt bei seiner nächsten Lesung in Bad Brückenau?

Das Buch

Josef Krug: "Fadenschein",

Aisthesis Verlag, Taschenbuch, 323 Seiten, Preis: 18 Euro,

ISBN ?978-3849817473