Der Bau neuer Gleichstromtrassen war die strittigste Diskussion bei einem Modellseminar, das die Bundeszentrale für politische Bildung kürzlich in Augsburg für Journalisten aus ganz Deutschland veranstaltete. Eva-Maria Schäffer, Bürgerreferentin beim Netzbetreiber Tennet, lieferte sich mit Martin Stegmair, Vorsitzender der Bürgerinitiative "Megatrasse Lech", einen Schlagabtausch über den Bau neuer Stromleitungen. Im Gespräch mit der Saale-Zeitung bezieht sie Stellung zu den Vorwürfen aus der Bevölkerung, geht auf neue Entwicklungen auf dem Erdkabel-Markt ein und nennt den Bau von Südlink bis 2022 ein "sportliches Ziel".

Frau Schäffer, Tennet hat sich im Landkreis Bad Kissingen nicht gerade beliebt gemacht. Zuletzt haben einzelne Kommunen sich sogar geweigert, Räume für Info-Veranstaltungen zur Verfügung zu stellen. Wie gehen Sie damit um?
Eva-Maria Schäffer: Das ist schade, denn wir können nur da informieren, wo wir auch Räume bekommen. Der konstruktive Dialog ist uns sehr wichtig, daher sind wir auch weiterhin gerne bereit, Info-Veranstaltungen anzubieten. Bisher sind jedoch keine Anfragen bei uns eingegangen.

Warum über etwas informieren, dessen Bedarf noch gar nicht geklärt ist?
Der Bedarf für die Stromtrasse Südlink wird im Bundesbedarfsplangesetz geregelt. Dieses Gesetz ist gültig, damit ist der Bedarf bestätigt. Ändert sich das Gesetz, ändern sich auch die Planungsgrundlagen.

Die Bundesnetzagentur hat den Antrag an Tennet zurückgegeben. Was genau muss da überarbeitet werden?
Im Moment arbeiten wir an den Ergänzungen der Antragsunterlagen. Ein wichtiges Thema ist dabei die Datenaktualisierung. Der Antrag ist auf dem Datenstand von Ende 2012 eingereicht worden. Nun wird für die gesamte Planungselipse der Datenstand von Januar 2015 abgefragt. Dann müssen wir beispielsweise auch nähere Angaben zu den Standorten für die Konverter am Anfang und Ende der Trasse machen. Der eingereichte Antrag geht lediglich von einem Radius von zehn Kilometern um die Netzverknüpfungspunkte Wilster und Raum Grafenrheinfeld aus.

Die Kernzonen des Biosphärenreservats Rhön gelten als besonders schutzwürdig. Sind sie ein Ausschlusskritierium für Südlink?
Die Kernzonen sind ein sehr hartes Kriterium, denn sie fallen in die höchste Raumwiderstandsklasse, die wir haben. Daher sind Kernzonen tatsächlich ein Ausschlusskriterium.

Die Angst geht um, dass sich demnächst Kindergärten, Schulen und Altenheime direkt unter einer Höchstspannungsleitung wiederfinden. Was sagen Sie dazu?
In der 26. Verordnung zum Bundes-Immissionsschutzgesetz ist festgelegt, dass bei einem Leitungsneubau keine Überspannung von Wohngebäuden erfolgen darf. Deshalb werden wir bei Südlink definitiv keine Häuser überspannen. Was die Abstände angeht, so gibt es in Deutschland keine gesetzlich festgelegten Mindestabstände von Höchstspannungsleitungen zu Wohngebäuden. Ungeachtet dessen ist Tennet bestrebt, bei der Errichtung neuer Leitungen möglichst große Abstände zu gewährleisten.

Die betroffenen Bürger fühlen sich als Versuchskaninchen. Schließlich wurde noch nie eine Hochspannungs-Gleichstromübertragungsleitung (HGÜ) als Freileitung in Deutschland erprobt.
Die HGÜ-Technik ist etabliert. Wir unterschreiten sogar die zulässigen Grenzwerte. Aber wir nehmen die Bedenken ernst. Auch wir als Unternehmen wünschen uns unabhängige Studien, weil es auf dem Gebiet bisher sehr wenig gibt. Deshalb haben wir bei kanadischen Wissenschaftlern eine Untersuchung in Auftrag gegeben...

... warum ausgerechnet Kanada?
Die Firma, mit der wir hier zusammenarbeiten, hat ihren Sitz in Kanada, hat aber bereits weltweit zahlreiche Projekte im HGÜ-Bereich realisiert.

Wie teuer ist Südlink eigentlich?
Wir rechnen mit etwa zwei Millionen Euro pro Kilometer Freileitung. Für Erdkabel gehen wir von Kosten aus, die vier- bis achtmal so hoch liegen. Das sind aber natürlich alles nur vorläufige Kalkulationen.

Bei einer Länge von rund 600 Kilometern sind das also mindestens 1,2 Milliarden Euro... Wer finanziert das?
Wir planen sogar mit Gesamtkosten im einstelligen Milliardenbereich. Die Kosten werden über die Netzentgelte auf die Kunden umgelegt. Das spricht übrigens auch, neben der aktuellen gesetzlichen Grundlage, gegen eine komplette Erdverkabelung. Die Bundesnetzagentur achtet darauf, dass die Kosten für Südlink in einem angemessenen Rahmen bleiben.

Gibt es für Privatleute die Möglichkeit, sich finanziell am Projekt zu beteiligen? Mit einer entsprechenden Rendite natürlich...
Diese Möglichkeit gibt es nicht.

Viele Bürger wünschen sich ein Umdenken hin zu neuen Technologien. Was ist beispielsweise mit den neuartigen und wesentlich günstigeren Erdkabeln der Firma ABB?
Wenn es technische Neuerungen auf dem Markt gibt, die entsprechend erprobt wurden, werden wir diese Technik nutzen.

Ist die Fertigstellung bis zum Jahr 2022 überhaupt noch realistisch?
Das ist in der Tat ein sportliches Ziel. Es kommt darauf an, wie lange die Verfahren dauern werden und ob sich der gesetzliche Rahmen noch einmal ändert.


Das Gespräch führte Ulrike Müller.