Man konnte ein bisschen schmunzeln: "Ich habe das Jahresprogramm 2018 unter das Thema ,Kontraste' gestellt, und zwar mit Blick auf die unterschiedlichen Solisten", sagte Johannes Moesus in seiner Anmoderation. Das mit den Themen macht er ja gerne, um die Zusammenstellung der Programme nicht dem Zufall zu überlassen, sondern um über die Musik hinaus noch ein bisschen mehr zu vermitteln. Über dem Dreikönigskonzert stand dieses Mal: "Verbündete". Das könnte man als Widerspruch zu den "Kontrasten" interpretieren, musste man aber nicht. Denn es ließen sich beide Titel mit teilweise identischen Begründungen illustrieren.

Denn die drei Komponisten, die an dem Abend gespielt wurden, kannten sich: Ludwig van Beethoven, Luigi Cherubini und Jan Václav Voríšek kannten sich, standen miteinander im Austausch, beeinflussten sich gegenseitig. Und sie waren Verbündete in dem Bemühen, Kontraste zu schaffen, nämlich die gesellschaftlichen Konsequenzen der französischen Revolution auch in der Musik wirksam werden zu lassen, den Wandel von der Unterhaltung zur Subjektivität zu vollziehe. Moesus: "Jetzt ging es um Freiheit und Menschenrechte."

Beethoven und Cherubini waren Zeitzeugen der Ereignisse - Letzterer sogar vor Ort, denn er hatte sich 1788 in Paris niedergelassen. Jan Václav Voríšek musste, als die Bastille gestürmt wurde, noch fast zwei Jahre auf seine Geburt warten, und das im fernen Ostböhmen. Aber spätestens, als er 1813 zu Johann Nepomuk Hummel nach Wien ging und damit auch unter den Einfluss Beethovens geriet, merkte er, dass sich der Wind gedreht hatte, und er blies kräftig mit.


Entschiedener Spielstil

Um es gleich zu sagen: Besser und gutlauniger hätte man ein neues Jahresprogramm nicht eröffnen können. Das Bayerische Kammerorchester Bad Brückenau spielte geradezu in einer Aufbruchsstimmung, und es musizierte in klassischer Optimalbesetzung: mit jeweils zwei Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotten, Hörnern, Trompeten und mit Pauken. Da konnte sich wirklich vollsinfonische Kraft entfalten, von der sich Musiker und Publikum gleichermaßen beeindrucken und mitreißen ließen. Solist war einer der Ruhigeren, aber vielleicht gerade deshalb umso Wirkungsvolleren im Lande: der Pianist Matthias Kirschnereit, im Zweit- oder Brotberuf Klavierprofessor an der Musikhochschule Rostock. Schlagzeilen hat er allerdings trotzdem gemacht, nicht nur mit seinen Konzerten, sondern auch mit seinen tiefgründigen Mozart- und Brahmseinspielungen.

Kirschnereit ist ein sehr konkreter Pianist, der immer genau weiß, was er sagen und wo er hin will. Er spielt mit einem sehr klaren, nüchternen, lebendigen Anschlag, der starke Konturen entwickelt, der nichts verschleiert, nichts verschleiern muss. Das Pedal ist bei ihm wirklich nur Gestaltungsassistent. Für Beethovens 4. Klavierkonzert ist das genau der richtige Zugang, denn es steht an der Stelle, an der sich der Komponist endgültig von Mozarts langem Schatten verabschiedet ("Kontraste"), in dem die Solostimme ihre Eigenständigkeit und Selbstbestimmtheit ("Menschenrechte") gewinnt. Nicht ohne Grund beginnt ja nicht erstmals das Orchester mit einer langen, mitunter auch umständlichen Themenexposition, sondern das Klavier macht ihm ein Angebot, das es aufgreifen kann. Wobei Kirschnereits klare Entschiedenheit (nicht zu verwechseln mit Lautstärke) es dem Orchester leichter macht, Antworten zu artikulieren, weil es weiß, in welche Richtung sie gehen sollen. Eine Unverbindlichkeit des Solisten macht auch das Orchester unverbindlich.

So hörte man auf einmal glasklar die echte Dialogsituation, in der sich Solist und Orchester befinden, hörte das echte Aufeinander-Reagieren und empfand umso bewusster die Passagen, in denen das Klavier als zusätzliche Klangfarbei im Orchester untertaucht. Und eine ganz neue Bedeutung bekamen zwei kurze, aber wirkungsvolle Passagen, in denen Solocello und Solobratsche mit dem Klavier in Kontakt treten wie zwei Botschafter des Orchesters mit einem Vermittlungsangebot. So gesehen eine höchst politische Interpretation des Konzerts.


Zwischen Liebe und Gewalt

Matthias Kirschnereit spielte zwei Zugaben: eines von Mendelssohns berühmten "Liedern ohne Worte" (die er auch kürzlich eingespielt hat) und "Mouvement", den dritten Satz aus Claude Debussys "Images" Heft 1, einen toccatenhaften Satz, gleichsam, als nachgelegte Silvesterböller.

So politisch wie Beethoven war auch Luigi Cherubini in seiner Oper "Lodoïska" von 1791, eine "Befreiungsoper" wie dessen "Fidelio", ein Werk an der Schwelle zwischen Klassik und Romantik. Dass es Cherubini hier durchaus auch um politische Statements ging, zeigt schon die Ouvertüre: starke Kontraste zwischen Liebe (und Erfüllung im Happy End) und Gewalt, Kampf und Totschlag. Man hätte diese Musik traditionell pathetisch musizieren können, aber die Brückenauer machten sie spannend mit einer starken, aber differenzierten Dynamik, die neugierig auf Nuancen machte, die sie emotional lebendig werden ließ.

Und dann Jan Václav Voríšeks einzige Sinfonie D-dur op. 23. Wirklich schade, dass er nur 34 Jahre alt geworden ist - ein längeres Leben hätte sich bei ihm musikalisch gelohnt. Seine Musik hat noch klassische Wurzeln, ist aber bereits in der Romantik angekommen. Seine Sinfonie beginnt nicht mit einem Ausrufezeichen, sondern mit verschlungenen Einzelstimmen, aus denen sich die Musik allmählich befreien und thematisch klären kann. Aber dann sind es auch bei ihm starke dynamische und agogische - also in der Gestaltung des Tempos - Kontraste, die sie Musik mal mit respektlosem Volldampf, mal mit Delikatesse voranbringen: höchst emanzipierte Musik, aber trotzdem auch wieder unterhaltsam. Und das Schönste: die Brückenauer spielten sie mit einem weichen, farbigen, "böhmischen" Ton. Als Zugabe gab's das Menuett aus Beethovens 1. Sinfonie - auch dieses wieder drängend, konfliktbereit.