"Hammerlockdown. Megalockdown. Superlockdown. Langsam gehen uns die Begriffe aus für das, was uns in den kommenden Wochen erwartet." - Fritz Schroth (79) findet für die aktuelle Lage deutliche Worte, doch, ohne anzuklagen oder Schuldzuweisungen auszusprechen. Er meldet sich in seinen neuen Funktionen als Präsident des Dachverbandes der Evangelischen Seniorenarbeit in Deutschland und Vorsitzender im Evangelischen Seniorenwerk in Bayern, mit großer Leidenschaft und voller Elan und Engagement zu Wort. Schroth führte zusammen mit seiner Frau Kriemhild fast 40 Jahre (bis 2009) das Tagungs- & Erholungszentrum Hohe Rhön am Fuße des Kreuzbergs.

Rolle rückwärts in der Bevormundung

Der Umgang, gerade mit älteren Menschen in der Corona-Pandemie, treibt ihn um. "Alte Stereotypen werden wieder wach, es läuft die Rolle rückwärts in die Bevormundung." Die Corona-Epidemie führe offensichtlich dazu, dass sich althergebrachte Ansichten darüber ausbreiten, wie alte Menschen nun mal sind: schwach, senil und im Zweifel unzurechnungsfähig. "So sieht das Altersbild aus, das gerade vorherrscht. In den Jahren vor der Pandemie war viel von den mobilen, fitten und wirtschaftskräftigen Senioren die Rede. Aber kulturell ist die Idee tief verankert, dass ältere Menschen hilfsbedürftige Wesen sind, um die man sich kümmern müsse. Man traut den alten Menschen zurzeit zu wenig zu. Sie stehen als eine Gruppe da, die man vor sich selber schützen müsse."

Vom öffentlichen Leben abgeschnitten

Sich um Ältere zu kümmern, sei nicht falsch, aber sie sollten die Chancen haben, selbst zu sagen, ob sie das überhaupt wollen. Auf keinen Fall dürfe die Frage der Hilfsbedürftigkeit allein am Alter festgemacht werden. Natürlich seien ältere Menschen gefährdeter, aber daraus lasse sich nicht ableiten, dass sie alle gleichermaßen gefährdet sind. "Es macht doch für das Ansteckungsrisiko einen riesigen Unterschied, ob es um ein rüstiges Paar mit Eigenheim und Garten gehe, oder um einen Pflegeheimbewohner in sehr beengten Verhältnissen. Die Lebenswirklichkeit alter und sehr alter Menschen ist so vielschichtig wie die der anderen Bevölkerungsgruppen. Das gerät - leider - ganz aus dem Blick. Stattdessen legt man allen Älteren nahe, still zu Hause auszuharren, als ob sie im Wartestand des Todes säßen. Man schneidet sie vom öffentlichen Leben ab. Sie vereinsamen. Einsamkeit lähmt. Einsamkeit tötet."

Fritz Schroth wird deutlich: "Älteren Menschen schadet jede Isolierung und beeinträchtigt ihre Gesundheit in hohem Maße. Alle Menschen brauchen die Reize der Außenwelt, sonst verlieren sie ihre körperliche, psychische und kognitiven Fähigkeiten."

Regelungs-Wahn

In mehreren Veröffentlichungen des Evangelischen Seniorenwerks hat sich Fritz Schroth gegen eine "herzlose Hygiene" gewandt. " Kontakte werden eingeschränkt, Besuche in Einrichtungen reduziert und rationiert. Es ist die große Stunde der Hygiene-Beauftragten. Hauptsache, so wenig Außen-Kontakte wie möglich. Am Ende sterben wir nicht an mangelnder Hygiene, sondern an Herzlosigkeit. Regelungs-Wahn steigt über das Vernünftige hinaus." Das Evangelische Seniorenwerk ruft in der Pandemie-Diskussion zur Befreiung von "kleinlich-strangulierenden Hygiene-Vorschriften" und zum Obwalten von mehr Herzlichkeit auf. Was von den Regierungen in ihrer Verantwortung zur Eindämmung der Pandemie vorgegeben werde, ist das Eine. Die Umsetzung auf den unteren Ebenen sei das eigentliche Problematische. "Zu viele, die in Pflegeheimen ohne jede tröstende Begleitung gestorben sind. Das Betroffene so sterben mussten, war eine Verletzung der Würde der Sterbenden und eine Verletzung der uns von Gott gebotenen Nächstenliebe. Das gab es nicht einmal in der Pestzeit."

Ende der unmenschlichen Herz- und Empathielosigkeit

Schroth stellt sich gegen "buchstaben-genaue Vorschriften" und fordert eine Umsetzung mit "Herz, Verständnis und Anteilnahme" sowohl für Bewohner von Einrichtungen, wie auch Sterbende und Angehörige. Er fordert ein Ende der "unmenschlichen Herz- und Empathielosigkeit."

Die aktuelle Entwicklung werfe nicht wenige Fragen auf: Warum scheint es nach wie vor ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, Alten- und Pflegeheime zu schützen, obwohl man doch weiß, dass hier das Virus vor allem durch Mitarbeitende hineingetragen wurde und bei Älteren besonders tödlich wütet? Warum wurden nicht von Anfang an die Mitarbeitenden dieser Häuser systematisch getestet?

Warum sitzen im Kanzleramt Kanzlerin und Ministerpräsidenten nur mit den Virologen am Tisch und entscheiden? "Meine Fragen werden immer größer, denn die Schrauben immer mehr und generell anzuziehen, ist nach einem Jahr der Pandemie irgendwie an ein Ende gekommen."

Vorschriften mit Herz umsetzen

Angefangen von Bürgermeistern über Landräte bis zur Verantwortlichen in der Regierung rät Fritz Schroth, in seiner Funktion als Präsident des Dachverbandes der Evangelischen Seniorenarbeit in Deutschland, mit Mut und Zuversicht und nicht mit einem starren Blick auf Inzidenz-Zahlen zu schauen. Liebe, Phantasie und Mut seien nötig und nicht die buchstabengetreue Ausführung von Vorschriften. "Ja, Vorschriften müssen sein, aber sie müssen mit Herz umgesetzt werden."

Kein noch so gut gemachter nationaler Trauergottesdienst könne die persönliche Begleitung Sterbender ersetzen oder Versäumnisse wieder gut machen. "Niemand darf ungetröstet sterben. Umarmungen, Berührungen, Begegnungen zwischen Eltern, Kindern und Schwiegerkindern müssen sein dürfen."