Von seinem neuen Büro im ersten Stock der Polizeiinspektion Bad Brückenau aus hat Thomas Vöth einen guten Blick über das angrenzende Stadtgebiet. Auch dienstlich hat er als Polizist das Geschehen in der Kurstadt im Auge. Seit 2012 arbeitet Vöth in Bad Brückenau, seit Anfang Dezember steht der 57-Jährige offiziell an der Spitze der Polizeiinspektion. Im Gespräch mit der Redaktion berichtet er von seinen ersten Eindrücken im neuen Amt, seiner Begeisterung für den Beruf und anstehenden Herausforderungen.

Herr Vöth, nach rund sieben Wochen im Amt, wie sind Ihre ersten Eindrücke?

Thomas Vöth: Wenn man so lange dabei ist, denkt man, man kennt alles und jeden. Aber als Chef sieht man doch vieles aus einem anderen Blickwinkel. Es ist auch etwas anderes, ob man als einer von mehreren Kollegen in einer Reihe steht, oder plötzlich ganz vorne allein, vom Gefühl her, was natürlich nicht stimmt, die anderen stehen ja hinter einem. Und es gibt natürlich Aufgaben, die mich vorher gar nicht betroffen haben.

Was zählt zu Ihren Aufgaben als Chef?

Das Personalwesen nimmt einen großen Teil meiner Zeit in Anspruch. Wer macht was, wer kann Schichtdienst machen, wer nicht, et cetera. Auch das Beschwerdewesen ist Chefsache. Jede Beschwerde, die bei uns eingeht, muss geprüft und beantwortet werden. Ein weiteres Beispiel ist der Haushalt. Für welche Anschaffungen ist Geld da, was darf man einfach so kaufen, für was muss man Angebote einholen. Mit den Regularien muss ich mich erst vertraut machen.

Was macht Ihnen am meisten Spaß an Ihrer neuen Tätigkeit?

In meinem Beruf sieht man abends oft nicht, was man tagsüber geschafft hat, anders als zum Beispiel bei einem Handwerker. Was mir ein gutes Gefühl gibt, ist, wenn ich etwas Positives in die Wege leiten konnte und ein entsprechendes Feedback bekomme. Ob das eine innerdienstliche Sache ist, oder ob von einem Bürger ein Lob kommt, spielt dabei keine Rolle.

Worauf könnten Sie eher verzichten?

Da gibt es klar Sachen, die man machen muss, weil sie halt gemacht werden müssen, egal, ob es Spaß macht oder nicht. Die gibt es aber in jedem Beruf. Meist bleiben mir noch Freiräume, beispielsweise Vorgaben an die Gegebenheiten vor Ort anzupassen. Das kommt mir dann wieder entgegen. Unglücklich werde ich, wenn ich in ein Korsett gezwungen werde, da passe ich nämlich nicht rein, denn mit mehr Luft fühle ich mich wohler. (lacht)

Warum sind Sie Polizist geworden?

Ich habe Spaß am Umgang mit Menschen. Das habe ich damals in meiner Bewerbung so geschrieben. Konkrete Vorstellungen vom Beruf hatte ich aber nicht wirklich. Im Raum stand alles - vom Spurensichern bis zu Mordermittlungen. Meine Entscheidung, Polizist zu werden, habe ich nie bereut. Meinen Kindern - die inzwischen alle aus dem Haus sind - habe ich einmal gesagt, dass sie sich genau überlegen sollen, was sie werden möchten. Schließlich muss man das 40 Jahre oder länger machen. In meiner Dienstzeit gab es vielleicht zehn Tage, an denen ich ungern auf die Arbeit gegangen bin. Ich habe richtig gewählt.

Was prägt die Polizeiarbeit in Bad Brückenau?

Wenn man von der Zahl der Straftaten ausgeht, ist die Stadt erträglich belastet. Die Häufigkeitszahl, also die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Straftat zu werden, liegt unter dem bayernweiten Schnitt, und auch unter dem Bundesschnitt. Feiern, die im Streit enden, kommen zum Beispiel recht häufig vor, obwohl es hier keinen großen Club oder Ähnliches gibt. Auch häusliche Streitereien gehören dazu. Alkohol spielt immer eine Rolle. Was stark zunimmt, sind Internetbetrügereien. Es vergeht nahezu kein Tag, an dem das nicht vorkommt. Mitunter geht es da um vierstellige Beträge. Insgesamt gibt es hier alles, was es anderswo im Großen gibt, im Kleinen.

Was sind die Herausforderungen mit Blick auf Corona?

Aktuell ist es wichtig, sicherzustellen, dass der Betrieb am Laufen bleibt. Ziel ist es, dass wir alle gesund bleiben. Aber wenn die Welle uns erwischt, kann es leicht sein, dass gleich eine ganze Dienstgruppe betroffen ist, mit Infizierten und Kontaktfällen. Wir schotten intern die verschiedenen Arbeitsbereiche voneinander ab, und auch Homeoffice gibt es in geringem Umfang. Aber darüber hinaus können wir auch nur testen und aufpassen.

Wie gehen Sie mit den "Spaziergängen" gegen die Corona-Politik an Montagabenden um?

Unterwegs sind rund 80 Personen. Aber das ist die stillste Kundgebung, die ich je erlebt habe. Sie tragen keine Plakate mit sich, rufen und singen nichts. Wenn man nicht wüsste, warum sie da laufen, würde man nicht darauf kommen. So friedlich wie das Ganze bislang abgelaufen ist, kann ich gut damit leben. So lange es so bleibt, sehe ich keinen Grund von unserer Seite bestimmter aufzutreten.

Was sind jenseits von Corona die Herausforderungen der Polizeiarbeit in Bad Brückenau?

Mir persönlich ist jeder Verkehrstote einer zu viel. Das ist ein Augenblick, in dem jemand einen Fehler macht oder kurz unaufmerksam ist, aber die Folgen sind extrem. Unfallschwerpunkte lassen sich hier, anders als zum Beispiel auf Autobahnabschnitten, aber nicht ausmachen. Wir versuchen zum Beispiel durch Kontrollen zu zeigen, dass Schnellfahren teuer werden kann. Oder kontrollieren gezielt junge Leute, die mit den entsprechenden Fahrzeugen unterwegs sind, und schon aufgefallen sind.

Prävention bei Radfahrern ist ebenfalls ein Thema. Viele sind immer noch ohne Helm unterwegs, das kann auch schnell mit schweren Verletzungen enden. Hier können wir mit Kontrollen ab und zu ein Zeichen setzen, insgesamt ist das Thema aber ein dickes Brett.

Weiterhin spielen auch die vorhin angesprochenen Internetbetrügereien eine Rolle. Die sind vom Ermitteln her nicht so dankbar, da die Täter oft im Ausland sitzen. An anderer Stelle ist es uns dafür gerade gelungen, mittels DNA-Spuren einen Einbruch in ein Mehrfamilienhaus aufzuklären. Das sind Highlights, wo man zu den Kollegen dann sagt: Das habt ihr gut gemacht.

Mal etwas anderes: Können Sie Krimiserien im Fernsehen eigentlich noch anschauen?

Wenn's mir nicht zu spät ist, schaue ich mir gerne Inspector Barnaby an. Die Reihe ist natürlich genauso künstlich wie alle anderen Krimis, hat aber den typisch britischen Humor, so dass ich da noch schadlos lachen kann. (lacht) Der Tatort zum Beispiel spricht mich hingegen gar nicht mehr an, das ist soweit hergeholt und das Drumherum der Wahnsinn.

Wie schalten Sie von der Arbeit ab?

Es muss etwas sein, das draußen ist. Das ist das Wichtigste überhaupt. Ich habe mir vor Kurzem eine Wiese mit 15 alten Obstbäumen gekauft. Ich weiß noch nicht, was ich mit den Äpfeln im nächsten Jahr mache, Apfelsaft vielleicht oder verschenken. Aber es gibt viel zu tun und das Schöne daran: Man sieht am Abend, was man gemacht hat.

Der neue Polizeichef: Zuletzt stand Simon Jilg an der Spitze der Polizeiinspektion Bad Brückenau. Jilg absolvierte die Station in der Kurstadt im Rahmen eines Trainingsprogramms, das die halbjährige Leitung einer Dienststelle vorsieht, wie Thomas Vöth erklärt. Seit 1. Dezember 2021 ist nun Vöth offiziell Dienststellenleiter und damit Chef der Bad Brückenauer Polizei. Der 57-jährige Familienvater aus Bad Neustadt arbeitet seit 2012 in Bad Brückenau. Zuvor machte er unter anderem Station bei der Autobahnpolizei Werneck. Auch bei der Planung und Durchführung des G7-Gipfels in Elmau war Vöth 2015 im Einsatz. Als Dienststellenleiter ist er Chef von insgesamt rund 40 Beschäftigten (inklusive zweier Mitarbeiter der Sicherheitswacht).