Es ist still, ganz still, wenn sich Evelyn Becher an die Arbeit macht. Vier Ehrenringe hat sie im vergangenen Jahr gefertigt. Jeder erforderte höchste Präzision. Auf den blan ken Siegelring prägte sie das Stadtwappen. Früher hat ihr Schwiegervater das gemacht.

Ursprünglich stammt Evelyn Becher aus Geroda.

Nach der Schule zieht es die junge Frau in die Ferne. Sie studiert Kommunikationsdesign in Wiesbaden. Herbert Becher, ihr Mann, der im vergangenen Sommer plötzlich starb, besucht eine Uhrmacherfachschule im Schwarzwald und lässt sich in Frankfurt zum Meister ausbilden.

I1995 entscheidet sich die Familie, nach Bad Brückenau zu ziehen.

In der vierten Generation

"Wir haben viele Freunde hier gehabt", erzählt Evelyn Becher. Die Tochter wächst in unmittelbarem Kontakt zu den Großeltern auf. Es ist beschaulicher in der Rhön als in der Großstadt für die kleine Familie. Schon in vierter Generation betreiben die Bechers über viele Jahre das gleichnamige Schmuckgeschäft am Marktplatz.

Großvater Erich Becher brachte das Handwerk aus der heutigen Tschechei in die Rhön. Mit einem Atlas und einer Schreibmaschine kam er 1945 in Bad Brückenau an. Dass er es schaffte, das Geschäft seiner Eltern an anderer Stelle weiterzuführen, verdankt die Familie der Hilfe befreundeter Juweliere aus Würzburg.

Nach und nach arbeitet sich Evelyn Becher in den Beruf ihres Mannes ein, entwickelt eigenes handwerkliches Geschick. Die Ehrenringe werden ihr Spezialgebiet. Ein Goldschmied aus Würzburg liefert die Rohlinge. 15 Gramm reines Gold, mindestens, je nach Größe. Doch noch taugt der Ring zu nichts. Herbert Becher bricht die Kanten auf, poliert und bearbeitet das Material so, dass seine Frau eine gut präparierte Oberfläche hat.

Jeder Stich muss sitzen

Auf die prägt sie das Stadtwappen, hochkonzentriert, immer abends für ein paar Stunden. "Da darf mich keiner stören", erzählt sie. Mit einem Diamantsichel fährt sie die Linien nach. "Der Stich muss sitzen." Es gibt nur einen Versuch.

Damit nichts ins Rutschen gerät, spannt ihr Mann vorher den Ring auf ein Stück Holz, mit Folie dazwischen. Das Ganze befestigt er in einem Schraubstock. Der Ring darf sich unter keinen Umständen bewegen, sonst ist die Arbeit vieler Stunden zerstört. Nach einer Woche etwa ist ein Ring geschafft.

Neun Ringe fertigte Evelyn Becher im Laufe der Zeit im Auftrag der Stadt für verdiente Bürger. Immer war es ein Gemeinschaftswerk. Sie fertigte die Gravur, er beschaffte feine Ringschatullen, die ebenfalls mit den Bad Brückenauer Stadtwappen verziert sind. "Das ist schon eine Ehre, klar", sagt sie. Ein solcher Ring sei besonders. "Mit der heutigen Technik könnte man das auch gießen", erklärt sie. "Aber die feinen Li nien kriegen die nicht hin."