Es ist Wahlkampfzeit. Endspurt. Da stellt Frau sich auch schon mal an einem Samstagmorgen um halb elf an einen warmen Grill, genauer gesagt, neben den Bratwurststand auf die Bühne des Bad Brückenauer Regionalmarktes, umso mehr, wenn es sich temperaturtechnisch eher nach Herbst anfühlt.

Eingeladen hatte die Interessengemeinschaft rund um Initiator Hartmut Bös die drei Direktkandidatinnen für den Berliner Bundestag, Dorothee Bär (CSU), Sabine Dittmar (SPD) und Manuela Rottmann (Bündnis 90/Die Grünen) oder wie es Bürgermeister Jochen Vogel verbal durch die Blume sagte: "Ein herzliches Willkommen den drei Damen am Grill."

Moderiert wurde das einstündige politische Marktgespräch von Volker Nies (Leitender Redakteur der Fuldaer Zeitung). Fragen aus dem Auditorium waren direkt vor Ort nicht zugelassen, die mussten schon im Vorfeld schriftlich an den Veranstalter gerichtet werden.

"Wäre, wäre Fahrradkette", beantwortete Bär mit einem Zitat von "Loddar Maddäus" die Frage nach dem oder der jeweils möglicherweise besseren, perfekten Kanzlerkandidaten oder -kandidatin. Man habe sich eben für Laschet entschieden. "Wenn Robert eine Frau wäre, dann hätte Mann zwischen Habeck und Baerbock ein Luxusproblem", so frei übersetzt die Replik von Rottmann. Und mit Olaf Scholz habe man ganz viel Rückenwind in die Kanzler-Debatte bekommen, sagt Dittmar.

Ärger über Stromtrasse

Was den Leuten bei den Wahlkampf-Auftritten auf den Nägeln brenne, wollte Moderator Nies wissen. Rottmann: Der Klimaschutz. Die Sturzfluten. Die Alles und Jeden erstarrende Bürokratie. Bär spricht von großen Unterschieden und gemeindlicher Individualität. Auch von Corona und Klima und einer Renaissance des ländlichen Raums. Dittmar benennt Gesundheit. Pflege. Die Sorge vor dem Alter ohne sichere Renten.

Bezüglich der "Fulda-Main-Stromleitung" (von Mecklar bis Bergrheinfeld) kritisiert Sabine Dittmar den "üblen Deal" der drei Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Bayern), Tarek Al-Wazir (Hessen) und Peter Altmaier (Bundesminister). Dorothee Bär sieht sich hinsichtlich der Stromtrassen von den südlichen superreichen Landkreisen, wie beispielsweise Starnberg, "verschaukelt und verkauft". Franken sei denen egal und könne "optisch aussehen wie es wolle". Manuela Rottmann sprach von "15 Jahren versäumter dezentraler Energiepolitik der schwarz-roten Bundesregierung", es bleibe "keine Zeit mehr für fiktive Stromleitungsverfahren".

"Was habt ihr für die Region tatsächlich getan?", fragte Volker Nies. Rottmann: "Ich winke hier nicht nur mit Förderbescheiden." Bär: "Smarte Cities und Digitalisierung auch in unserer eher ländlich strukturierten Heimat. Und dass man als Senior jetzt mal mit dem E-Bike auf den Kreuzberg fahren kann." Dittmar: "Ich freue mich sehr über Millionen-Zuwendungen für heimische Freibäder. Und - für unsere Bäderlandkreise sehr wichtig: die Pflichtleistung Vorsorgekur für gesetzliche Krankenkassen."

Steuerliche Entlastung

Wesentliche Punkte des politischen Marktgesprächs in Bad Brückenau waren außerdem Themen rund um die steuerliche Entlastung der Bürgerinnen und Bürger, das Armutsgefälle im Alter, eine solidarische Pflege-Bürgerversicherung sowie ein möglicher Interessensausgleich bei der Energiewende - "so, dass unten mehr übrig bleibt und oben mehr abgegriffen wird" (Dittmar), "ein Entfesselungs-Jahrzehnt" (Bär) und "allen mehr ins Portemonnaie bringt" (Rottmann).

Ministerinnen?

Mit Blick über den Wahltag hinaus spekulierte der Moderator über eventuelle künftige Ministerinnenposten für die drei Unterfränkinnen in Berlin - "Gesunheit" Dittmar, "Justiz" Rottmann, "Familie" Bär!? Einig waren sich die drei Politikerinnen darin, dass das gegenüber Unterfranken dreimal kleinere Saarland mit drei Minister-Ämtern für Annegret Kramp-Karrenbauer, Peter Altmaier und Heiko Maas proporz-technisch überrepräsentiert sei, und das Amt künftig mehr zu den Frauen und weniger zu den Männern kommen sollte. Zuerst müsse Frau hierfür aber das Direktmandat im heimischen Wahlkreis gewinnen.

Bürgermeister Vogel hätte während des Streitgesprächs gerne mehr hinterfragt und nachgefragt. Diesbezüglich habe es in ihm "schon gekribbelt". Gleichwohl wünschte das Stadtoberhaupt den drei Kandidatinnen alles Gute für den Wahlkampf-Endspurt und wandte sich, nach einem Lob an Interviewer Nies mit einer Bratwurst in der Hand an die Regionalmarkt-Besucher: "Es sieht gut aus. Es riecht gut. Es schmeckt gut. Kauft ein. Die Betreiber werden sich freuen."