Es ist noch keine 100 Jahre her, da galten behinderte Menschen in Deutschland als minderwertig. Ebenso wie Menschen anderer Volksgruppen - beispielsweise Sinti und Roma - wurden sie eingesperrt, deportiert und systematisch ermordet. Heute sitzt eine Gruppe Menschen mit Down-Syndrom unter der gläsernen Kuppel im Reichstagsgebäude. Zusammen mit der Reisegruppe vom Freundeskreis für das Bayerische Kammerorchester (BKO) Bad Brückenau lauschen sie einem Vortrag auf der Besuchertribüne im Plenarsaal - dem Ort, an dem die Abgeordneten ihre Debatten führen.

"Eine Demokratie braucht Streit", sagt Ralph Höltkemeier, der im Auftrag des Besucherdienstes des Bundestages einen anschaulichen Vortrag hält. "Der Streit muss nur vernünftig ausgetragen werden." Höltkemeier spricht langsam und benutzt eine einfache Sprache, um die Geschichte des Reichstagsgebäudes und den komplexen politischen Betrieb zu erklären. Seine Worte werden in Gebärdensprache übersetzt.

Wer sitzt auf erhöhtem Stuhl?

Auch eine Schulklasse sitzt unter den Zuhörern. Höltkemeier gelingt es gut, den Schülern etwas Aufmerksamkeit abzuringen. Jeder darf Fragen stellen, etwa wer auf dem erhöhten Stuhl in der Mitte sitzt - natürlich die Bundeskanzlerin - , oder warum nur die ersten Stuhlreihen mit Telefonen ausgestattet sind - so kann der Bundestagspräsident im Blick behalten, wer gerade mit den Kollegen telefoniert.

"Ich war schön öfter hier, aber jedes Mal ist es anders", erzählt Christa Jansen aus Brückenau. Sie interessiert, wo die Leute, die sie ja auch gewählt hat, arbeiten. Da der Freundeskreis für das BKO ohnehin in die Hauptstadt gereist ist, weil die Musiker am Mittwochabend in der Berliner Philharmonie spielten (Bericht folgt morgen), haben die Organisatoren gleich noch ein politisches Rahmenprogramm auf die Beine gestellt.
Der Besuch im Reichstagsgebäude gehört dazu, ebenso eine Diskussionsrunde mit Dorothee Bär (CSU), Abgeordnete des Wahlkreises Bad Kissingen. Auch dem Kanzleramt stattete die Reisegruppe einen Besuch ab. Die Chefin - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) - war sogar im Haus, hielt sich aber vor den Blicken der Franken gut versteckt.

Mehr als 200 Mitglieder hat der Freundeskreis für das Bayerische Kammerorchester schon. Etwa 50 machten sich auf den Weg nach Berlin, auch Fans aus Werneck, wo früher das BKO zuhause war, oder aus Fulda, Würzburg oder Bayreuth.

Geschenke bewundert

Sie alle schlendern durch die Räume, in denen die Bundesminister ihre Entscheidungen treffen, oder bewundern die Geschenke von Staatsgästen, die im Kanzleramt ausgestellt sind. In einer Vitrine ist ein einzelner Zettel zu sehen. "Ish bin ein Bearleener" steht darauf. Es sind die Worte, die John F. Kennedy am 26. Juni 1963 vor dem Rathaus Schöneberg den Menschen in West-Berlin zusprach, und die ihn unsterblich gemacht haben.
Die Hauptstadt zieht die Gäste aus der Rhön in ihren Bann. Aber so weit weg, wie es scheint, ist die Heimat dann auch wieder nicht. "Bad Brückenau?", fragt der Tourguide Matthias Hopp im Kanzleramt. "Wir trinken zuhause Bad Brückenauer Mineralwasser."

Dann erzählt der Mann, dass er das Wasser bei Verwandten in Aschaffenburg probiert hat. Es sei gar nicht so einfach gewesen, die Marke in Berlin ausfindig zu machen. "Aber in einem Geschäft in Berlin Kreuzberg habe ich es gefunden", erzählt er stolz den noch stolzeren Gästen.