Mit einem Seufzen öffnet Pfarrer Gerd Kirchner den feuerfesten Schrank im evangelischen Pfarramt Bad Brückenau. Hier steht das Austrittsregister, das Buch, in dem die Namen der evangelischen Christen der Stadt notiert sind. Dann nimmt Pfarrer Kirchner einen Stift zur Hand. 18 Namen wird er in seinem Buch auflisten müssen, denn so viele evangelische Christen kehrten im vergangenen Jahr der Kirche den Rücken.

Die Scheu nimmt ab

"Die Kirche hat selbst schuld", sagt der evangelische Pfarrer selbstkritisch. "Viele normalen Gottesdienste sind nur schwer aushaltbar. Zu viel Theologie und zu wenig Gefühle." Dann malt er einen Eisberg auf ein Blatt Papier. "Das wird noch stärker kommen", ist er sich sicher. Die Spitze des Eisberges ragt aus dem Wasser heraus, doch unter der Wasseroberfläche ist der Eisberg längst ausgehöhlt. "Es gibt in unserer Gesellschaft eine Erosion kirchlicher Werte", stellt Kirchner fest. Und sagt damit nichts Neues.

Auch sein katholischer Kollege, Dekan Michael Krammer, beobachtet schon eine ganze Weile, "dass sich die Menschen innerlich von ihrer Kirche verabschieden." Bis irgendwann der Tag kommt, an dem die Entfremdung amtlich wird. "Früher war eine gewisse Scheu da, aus der Kirche auszutreten", erzählt Hans Bauer, Leiter des Standesamtes Bad Brückenau. Heute sei das anders.

Auswirkungen bereits spürbar

Nicht nur in Bad Brückenau, auch in Bayern haben die beiden großen Kirchen 2014 mehr Mitglieder verloren als noch im Vorjahr. Als Anlass für die Austrittswelle wird oft das neue Einzugsverfahren der Kirchensteuer auf Kapitalerträge genannt. Das heißt konkret: Die Kirchen bekommen nicht mehr Geld, lediglich die Form des Einzugsverfahrens hat sich ab 1. Januar 2015 geändert.

"Vielen ist vielleicht erst da bewusst geworden, in welcher Höhe sie Kirchensteuer zahlen", vermutet Dekan Krammer. Die Folgen des Mitgliederschwunds sind bereits spürbar. Die katholische Kirche zum Beispiel vergrößert schon seit Jahren die Zuständigkeitsbereiche der einzelnen Pfarrer. Erst Anfang der Woche hatte Dekan Krammer angekündigt, dass die beiden Pfarreiengemeinschaften St. Georg Bad Brückenau und Maria Ehrenberg im Sommer 2016 zusammengelegt werden.

"Wir müssen uns dem stellen und wohl überlegt diesen Wandel gestalten", sagt der Dekan. Auch Pfarrer Kirchner ist sich des Ernstes der Lage bewusst. "Wir müssen wieder näher zu den Menschen!"


Überblick über die Kirchenaustritte im Jahr 2014 im Altlandkreis Bad Brückenau:


Altlandkreis Im Jahr 2014 haben im Altlandkreis Bad Brückenau 69 Menschen die katholische Kirche und 31 die evangelische Kirche verlassen.

Geroda In Geroda trat 2014 eine Person aus der katholischen Kirche aus. Die Bevölkerung ist aber mehrheitlich evangelisch.

Motten In Motten verließen elf Menschen die katholische Kirche. Motten ist katholisch geprägt.

Oberleichtersbach Sechs evangelische Christen traten aus der Kirche aus. Ein Katholik verließ die Kirche. Oberleichtersbach ist katholisch geprägt.

Riedenberg In Riedenberg kehrten zwei Leute der evangelischen Kirche den Rücken. Der Ort ist katholisch geprägt.

Schondra Im katholischen Schondra verließen sechs Mitglieder die evangelische Kirche.

Wildflecken Wildflecken registrierte sechs katholische und einen evangelischen Austritt(e).

Zeitlofs Im evangelischen Zeitlofs verließen acht Katholiken und elf evangelische Christen die Kirche.