Gerald Heinle aus Geroda war geschockt, als er Montag vergangener Woche, gegen 15 Uhr, seine Weide unterhalb vom Berghaus Rhön betrat. Da lag ein frisch geborenes Kälbchen, tot, großflächig aufgerissen, stark angefressen. In dem 51-Jährigen keimte ein Verdacht: Das könnte der Wolf gewesen sein. Doch vermuten und beweisen sind zwei verschiedene paar Schuh'; das musste Heinle erfahren. Und noch einiges mehr.

Acht Rinder hält der Gerodaer Landwirt auf der etwa einen Hektar großen Fläche an der Zufahrtsstraße zum Berghaus. Ein einfacher Elektrozaun bewahrt sie "zu 95 Prozent" davor auszubrechen, wie Heinle sagt. Er habe aber nicht gereicht, um den Wolf abzuhalten. Dass der es war, der sein Kälbchen auf dem Gewissen hat, davon ist der 51-Jährige überzeugt.

Diese Überzeugung stützt Heinle nicht nur auf die tiefen Fraßspuren, sondern auch auf einen Vorfall vier Tage zuvor. Da fand er weiter unterhalb, Richtung Geroda, ein totes Reh, eine typische Beute für den grauen Räuber. "Die Spuren an Reh und Kalb waren identisch."

In beiden Fällen habe er den Jagdpächter informiert. Die verendeten Tiere wurden fotografiert und von dem Kälbchen Körperproben genommen. Erstere gingen an das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) in Hof, letztere ans Labor einer Außenstelle der Senckenberg-Gesellschaft nach Gelnhausen.

Genetische Spuren wohl "verwässert"

Die Ergebnisse der Proben stehen noch aus, aber das LfU hat Heinle seine Einschätzung schon mitgeteilt. Sie fällt contra Wolf als "Täter" aus. Es fehlten wolfstypische Verletzungen im Hals- oder Nackenbereich beziehungsweise an Vorder- oder Hinterläufen.

Der Befraß sei nicht unterblutet, was auf eine Nutzung deutlich nach dem Tod des Kalbes hindeute. Dass die Bauchhöhle ausgeräumt sei, spreche für den Fuchs als nachträglichen Befresser, die fädigen Sehnen für eine Beteiligung von Aasfressern wie Raben, Krähen und Häher.

Der Kalbskadaver wird noch in der Tierbeseitigungsanlage Walsdorf bei Bamberg untersucht, aber besonders eindeutige Ergebnisse verspricht sich selbst Gerald Heinle nicht.

Als vergangene Woche die Proben genommen wurden, hatte es den ganzen Vormittag genieselt und die Spuren wohl verwischt.

Dennoch: Ihn ärgert, dass man beim LfU nur durch Augenschein erkannt haben will, dass es kein Wolf war. "Ich bin 30 Jahre aktiver Landwirt. Ich habe so etwas noch niemals gesehen", sagt er auch mit Blick auf die Vermutung, dass es eine Fehlgeburt gewesen sein könnte, die lediglich angefressen wurde. Eine solche Totgeburt habe er in seinem Bestand "relativ selten" erlebt.

Dem 51-Jährigen stößt auch auf, wie mit dem Wolf als geschützter Art umgegangen wird. "Die Gesellschaft möchte die Rückkehr der großen Beutegreifer. Aber vielleicht müssen wir in zehn bis 15 Jahren diskutieren, wie wir den Räuber wieder loswerden."

In der Rhön und auch am Berghaus Rhön gebe es "ein wahnsinniges Nahrungsangebot an Rehen". Der Landwirt fürchtet, dass der Wolf in der Region endgültig heimisch wird und viel Schaden anrichtet. Von dem Fall eines vermeintlichen Wolfsrisses im Dezember bei Unterleichtersbach hat Gerald Heinlein gehört. Aber für ihn war das relativ weit weg. Doch nun hat es ihn womöglich selbst getroffen, glaubt er.

Sesshafte Wölfin nicht mehr nachweisbar

Dass der Wolf sich überfallartig in der Rhön ausbreiten würde, kann Joachim Urban vom Forstbetrieb Bad Brückenau, außerdem ehrenamtlich fürs Landesamt für Umwelt tätig, nicht bestätigen. Im Gegenteil. "Wir haben den Status einer sesshaften Wölfin verloren, weil es ein Jahr keinen Nachweis mehr gab", sagt er.

Zur Erinnerung: Vor mehr als drei Jahren wurde in der Rhön ein standorttreues Tier zweifelsfrei per genetischem Test belegt. Dieser Nachweis gilt Experten als belastbarer, als es Fotos oder einfache Sichtungen, womöglich von Laien, sind.

Doch obwohl die einst sesshafte Wölfin nicht mehr belegt werden kann, heißt das nicht, dass nicht weitere Exemplare die Region durchwandern. Joachim Urban weiß von einem Wolf, der in diesem Sommer in der Nähe der Raststätte Rhön an der A7 gesichtet wurde. Auch hätten zwei Wildkameras ihn fotografisch festgehalten. Der Verdacht eines Wolfsrisses an einem Reh am Bauersberg beziehungsweise Rothsee habe sich indes nicht bestätigt.

Dass der Status der "sesshaften Wölfin" nicht mehr besteht, hat nach Urbans Worten Folgen. Schutzmaßnahmen wie zum Beispiel hohe und undurchlässige Zäune gegen den Wolf würden nicht mehr oder nicht so einfach gefördert.

Für Heinle passt das ins Bild. Er hatte nach eigenen Angaben schon "im Mai einen Antrag gestellt auf Errichtung wolfssicherer Zäune", danach aber nichts mehr gehört. Der Gerodaer beweidet weite Flächen auch an der Platzer Kuppe; mindestens eine davon würde er gerne fest einzäunen. Doch das sei im Naturschutzgebiet nicht erlaubt, sagt er. "Warum lässt man die Leute im Regen stehen, die die Rhöner Kulturlandschaft schützen und bewahren", fragt er sich.

Vor-Ort-Termin mit der Regierung

Immerhin: In der kommenden Woche hat Heinle einen Vor-Ort-Termin mit Mitarbeitern der höheren Naturschutzbehörde bei der Regierung von Unterfranken. "Dieser Termin dient der fachlichen Klärung, ob ein entsprechender Zaun mit den Regelungen des Naturschutzgebiets "Schwarze Berge" vereinbar ist. Nach dem Bayerischen Naturschutzgesetz bedarf es in solchen Fällen jeweils einer Einzelfallentscheidung", heißt es aus der Würzburger Pressestelle.

Die Schwarzen Berge würden sich aktuell in einer vom LfU festgelegten "Förderkulisse Zäune" im Sinne der "Richtlinie zur Förderung von Investitionen in Herdenschutzmaßnahmen gegen Übergriffe durch den Wolf" befinden. Auf das Ergebnis des Begangs sind neben Gerald Heinle sicher auch andere Viehhalter gespannt.