Der SS-Mann gab detaillierte Anweisungen, nach welchen Regeln diese sogenannten Demonstrationen ablaufen sollten, «zum Beispiel Synagogenbrände nur, wenn keine Brandgefahr für die Umgebung ist» und «Geschäfte und Wohnungen von Juden dürfen nur zerstört, nicht geplündert werden». Würden diese Vorgaben eingehalten, seien «die stattfindenden Demonstrationen von der Polizei nicht zu verhindern, sondern nur auf die Einhaltung der Richtlinien zu überwachen». In der Folge wurden nach Angaben des Deutschen Historischen Museums mehr als 1300 Menschen getötet, 1400 Synagogen demoliert, 7000 Geschäfte überfallen und 30.000 Juden in Konzentrationslager verschleppt.
Davidstern neben dem Klingelschild
Natürlich ist die Lage heute in der Bundesrepublik anders, das sagt auch Jonah Sievers, der Rabbiner der Synagoge Pestalozzistraße. Aber auch er sieht vor allem in den mit Davidstern markierten Häusern etwas Neues, Erschreckendes. Er weiß von einem Fall, bei dem das Zeichen direkt neben dem Klingelschild eines jüdischen Bewohners angebracht war. Die Botschaft sei: Wir wissen, wo du wohnst, du bist hier nicht sicher.
«Diese Herausstellung von Juden, diese öffentliche Markierung erinnert einen an Zeiten, die eben doch mit dem 9. November zu tun haben», sagt Sievers. «Sie sind natürlich nicht parallel. Aber die Symbolik und das, was es bewirken soll, das ist identisch. Und das wird diesen 9. November sicher zu einem anderen machen als die Jahre davor.»
Der Rabbiner selbst trägt nach eigenen Worten nur noch selten in der Öffentlichkeit Kippa, um Anfeindungen aus dem Weg zu gehen. «Man muss vorsichtig sein, man darf nicht naiv sein», sagt Sievers. Andererseits setzt er in der Seelsorge in seiner Gemeinde eine klare Botschaft. «Es gibt ein bekanntes Lied, darin heißt es: "Die ganze Welt ist eine schmale Brücke, aber die Hauptsache ist, keine Angst zu haben." Man muss es ernst nehmen, aber man darf sich nicht definieren lassen von der Angst.»
«Für mich klingt alles nach "Nie wieder Normalität"»
Das fällt vielen nicht leicht. Die junge jüdische Berlinerin schreibt, sie erinnere sich an die Polizisten mit Maschinengewehren vor ihrer Grundschule nach den Terroranschlägen in den USA vom 11. September 2001. Diese Bewachung sei normal. «Was nicht normal ist, dass Juden heute überall und permanent gefährdet sind», schreibt sie. «Ich habe mich noch nie auf der Straße umgedreht oder angefangen zu flüstern.» Jetzt sei da Angst, sich als Jüdin zu erkennen zu geben. Aber auch die Angst, über den Nahost-Konflikt zu sprechen, «weil ich fürchte, dass ich ertragen muss, wie Gewalt gegen Juden relativiert und gerechtfertigt wird».
Dass nun Gitter die Synagoge Pestalozzistraße abriegeln, fühle sich schrecklich an, fügt sie hinzu. «Was ist der Schutz wert, wenn alle gegen einen sind? Was bringen mir die Absperrungen, wenn sie die einzige Möglichkeit sind, dass ich die Person sein kann, die ich eben bin? Wie sollen wir das als Gesellschaft in Deutschland insgesamt verkraften? Für mich klingt alles nach "Nie wieder Normalität".»