Option vier: Alles bleibt, wie es ist. Nicht umsonst machte Klingbeil nach der Wahl direkt klar, Wegducken sei für ihn keine Option.
Positioniert sich die SPD dann inhaltlich neu?
Die Richtungsdebatte hat schon begonnen – angestoßen durch Wahlanalysen, nach denen die Menschen glauben, die SPD kümmere sich mehr um Bürgergeldempfänger als um die arbeitende Mitte. «Die Menschen glauben uns nicht mehr. Das muss doch jetzt endgültig alle wachrütteln», mahnt der Seeheimer Kreis, der konservativere Teil der Fraktion.
Üblicherweise haben die Sozialdemokraten die Tendenz, nach Rückschlägen weiter nach links zu rücken. Das wollen die Seeheimer nicht zulassen. «In der SPD müssen nun alle verstehen, dass Wahlen in der Mitte gewonnen werden», meinen sie.
Zugleich droht die SPD einem Reflex zu verfallen, mit dem die FDP schon die Ampel-Regierung geschwächt hat: «Wir müssen klares Profil zeigen, wir müssen in die Offensive kommen und wir müssen diese staatstragende Zurückhaltung ablegen», sagte Generalsekretär Tim Klüssendorf. Doch wenn ein Koalitionspartner mehr und mehr auf Profilierung setzt, werden Regierungskompromisse immer schwieriger. Eine gelähmte Koalition jedoch bringt den Partnern meist auch keine Stimmen.
Wie wird der Kanzler reagieren?
Am Sonntagabend gratulierte Merz Wahlsieger Gordon Schnieder, der neuer Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz werden dürfte, und schwieg sonst zum Wahlausgang. Am Montag wird er sich um die Verlierer kümmern. «Ich werde am nächsten Tag mit den beiden Parteivorsitzenden der SPD weiter darüber beraten, wie wir dieses Land gemeinsam wieder auf Kurs bekommen. Und wir haben noch verdammt viel zu tun», kündigte Merz schon am Freitag an.
Bereits nach der Wahl in Baden-Württemberg hatte er mit Klingbeil und Bas gesprochen, um sicherzustellen, dass nach dem dortigen Absturz der SPD auf 5,5 Prozent nichts aus dem Ruder läuft. Das ist nun umso nötiger.
In welcher Zwickmühle steckt Merz?
Er hat großes Interesse daran, die bevorstehende Reformstrecke zusammen mit Vizekanzler Klingbeil zurückzulegen. Beide sind Pragmatiker, die ganz gut miteinander funktionieren. Der Wunsch der Union, dass der Ruck, der jetzt durch die SPD gehen wird, sie eher in die Mitte als nach links wirft, könnte aber ein frommer bleiben. Und da fängt das Problem des Kanzlers an. Denn zu viel Nachsicht mit den Sozialdemokraten dürfte seine Partei nicht mitmachen.
Die Junge Union ist schon vergangenen Herbst auf die Barrikaden gegangen, weil sie sich beim Thema Rente verschaukelt fühlte. Ihr Vorsitzender Johannes Winkel bewertete das Wahlergebnis am Sonntagabend zwar nicht selbst, teilte auf X aber einen Kommentar des früheren Kanzleramtschefs Peter Altmaier (CDU). Der forderte, die SPD müsse nun endlich aufwachen. «Die Bürger wollen, dass unser Land wieder stark wird, und das geht nur mit einer Politik, für die einst Franz Müntefering & Peer Steinbrück standen.» Der frühere Arbeits- und der frühere Finanzminister standen beide für die Bereitschaft zu weitreichenden Sozialreformen, die auch Härten beinhalteten.
Welche Reformen stehen jetzt an?
Die Koalition muss ein milliardenschweres Loch in der Finanzplanung schließen – und zugleich die Wirtschaft wieder in Fahrt bringen, deren mühsamer Aufschwung durch den Iran-Krieg wohl im Keim erstickt wird.
Noch bevor Klingbeil Ende April den nächsten Etat ins Kabinett bringt, müssen wichtige Entscheidungen getroffen sein. Da geht es zuerst um Fragen wie höhere Steuern für Topverdiener, längeres Arbeiten oder Sparrunden bei Förderprogrammen. Später im Jahr soll es um das Gesundheitssystem gehen, möglicherweise mit Einsparungen bei Krankenhäusern und Mehrbelastung für Kassenpatienten. Und dann soll die Rente auf den Tisch kommen – und damit die Debatte, ob Selbstständige, Beamte und Politiker bald auch einzahlen müssen.
Was kann alles noch viel schlimmer machen?
Eigentlich galten Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz als die für den Koalitionsfrieden eher harmlosen Landtagswahlen dieses Superwahljahres – und doch mischen sie die Koalition bereits auf. Die gefährlicheren Brocken kommen aber erst im September, wenn im Osten gewählt wird.
In Sachsen-Anhalt liegt die AfD in den Umfragen um die 40 Prozent und hofft auf die absolute Mehrheit. Die SPD muss dort um den Einzug ins Parlament bangen und hat dann in Mecklenburg-Vorpommern einen weiteren Ministerpräsidentinnenposten zu verteidigen – den von Manuela Schwesig. Das Wahl- und Schicksalsjahr dieser Regierung ist also erst am Anfang.