Deutlich wird: Die Parteichefs sehen sich schon auf Kurs. Mit der Reform für Grundsicherung statt Bürgergeld oder mit dem angestoßenen Grundsatzprogramm seien sie längst auf einem Weg der Erneuerung. Aber: «Wir haben als SPD noch nicht die Zuschreibung dafür», sagt Bas. Und: «Wir haben uns zum Teil auch unklar geäußert.»
Folglich will man wie angekündigt Steuer- und Sozialreformen durchziehen. Die Führung sieht der SPD das Image einer Partei für Arbeitslose und Bedürftige anhaften. Deshalb gilt laut Bas nun: «Menschen, die hart arbeiten, müssen im Fokus stehen.» Konkret führt Klingbeil eine Reform der Einkommensteuer an – ein Projekt für die arbeitenden Durchschnittsbürger.
Wird eine angeschlagene SPD zum Koalitionsrisiko?
Nach Rückschlägen rückt die SPD üblicherweise nach links – unter anderem die Seeheimer, die Konservativen in der Fraktion, fordern hingegen «Fokus auf die Mitte». «Wir müssen klares Profil zeigen, wir müssen in die Offensive kommen und wir müssen diese staatstragende Zurückhaltung ablegen», fordert Generalsekretär Tim Klüssendorf.
Am Mittwoch will Klingbeil bei der Bertelsmann Stiftung in einer Grundsatzrede seine Reformideen skizzieren. Um den weiteren Kurs abzustecken, kündigt der Vizekanzler eine Art Krisentreffen an. Die SPD-Partei- und Fraktionsspitze, die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten, ihre Ministerinnen und Ministern und Kommunalpolitiker wollen am Freitag einen Reformplan für die Verhandlungen in der Bundesregierung aufstellen.
Wie reagiert der Kanzler?
Der CDU-Chef und die ganze Parteispitze feiern am Tag nach der Wahl Sieger Gordon Schnieder im Berliner Konrad-Adenauer Haus, aber nicht zu überschwänglich. Merz weiß, dass der Wahlausgang zwar auch für ihn als Parteichef ein Sieg ist. Dem Kanzler wird er das Regieren aber auch erschweren.
Noch am Wahlabend meldet er sich nach eigener Darstellung bei den beiden SPD-Chefs. «Und wir haben verabredet, dass wir den Weg der Reformen jetzt gemeinsam weitergehen», sagt er später. Ähnlich war er schon nach der Wahl in Baden-Württemberg vorgegangen. Der Kanzler sieht die Union und die SPD in einer Schicksalsgemeinschaft. Die Regierung muss funktionieren, weil es keine wirklichen Alternativen gibt.
In welcher Zwickmühle steckt Merz?
Dass es zunächst keinen Personalwechsel bei der SPD gibt, dürfte im Sinne des Kanzlers sein. Mit dem Pragmatiker Klingbeil kann er gut. Ob der den Wunsch der Union erfüllen kann, dass ein Ruck in die Mitte statt nach links durch die SPD geht, wird sich aber erst noch zeigen. Falls nicht, bringt das den Kanzler in die Bredouille. Denn zu viel Nachsicht mit den Sozialdemokraten dürfte seine eigene Partei nicht mitmachen.
Die Junge Union ist schon vergangenen Herbst auf die Barrikaden gegangen, weil sie sich beim Thema Rente verschaukelt fühlte. Ihr Vorsitzender Johannes Winkel kommentierte das Wahlergebnis am Sonntagabend, indem er auf X eine Nachricht des früheren Kanzleramtschefs Peter Altmaier (CDU) teilte: «Die Bürger wollen, dass unser Land wieder stark wird, und das geht nur mit einer Politik, für die einst Franz Müntefering & Peer Steinbrück standen.» Der frühere Arbeits- und der frühere Finanzminister standen beide für die Bereitschaft zu weitreichenden Sozialreformen, die auch Zumutungen beinhalten.
Was ist die Strategie des Kanzlers?
Merz will jetzt erst einmal Ruhe in der Koalition bewahren und den Reformdruck nicht zu groß werden lassen. Den Begriff «Frühjahr der Reformen» lehnt er ab. «Wir machen hier keine Schnellschüsse», sagt er.
Als inhaltliche Leitlinie gibt er aus, gemeinsam mit der SPD «Politik für die arbeitende Bevölkerung» und für den Erhalt des «industriellen Kerns unserer Volkswirtschaft» zu machen. Darauf können sich beide Seiten problemlos verständigen. Mehr Konkretes gibt es vom CDU-Chef aber nicht.
Fragen nach einem Zeitplan weicht er aus. Ist bis zur Sommerpause ein großer Wurf geplant? Oder will man spätestens bis zu den Wahlen im Osten im September fertig werden? Die Fragezeichen bleiben groß.