Mehr als 35 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es weiterhin strukturelle Defizite der ostdeutschen Wirtschaft. Wie der Stand ist.
Zu geringe Investitionen, zu wenige Fachkräfte und eine zunehmend alternde Bevölkerung: Der «Wettbewerbsreport Ostdeutschland» sieht die Gefahr, dass der Osten Deutschlands wirtschaftlich den Anschluss verliert. Die Studie, die das Dresdner Ifo-Institut im Auftrag ostdeutscher Wirtschaftsverbände erstellt hat, empfiehlt der Politik deshalb, schnellstmöglich gegenzusteuern.
«Mir ist jeder einzelne Arbeitsplatz in Ostdeutschland enorm wichtig», sagte die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser, bei der Vorstellung der Studie im Berliner Bundesfinanzministerium. Die Politik müsse gegen das schwindende Vertrauen in die Politik angehen. Es gehe um Investitionen in die wirtschaftliche Zukunft Ostdeutschlands und Zukunftsperspektiven für die Menschen vor Ort.
Konkretes Risiko für die Region ist der teils dramatische Rückgang der erwerbstätigen Bevölkerung, wie Joachim Ragnitz vom Dresdner Ifo-Institut sagte. Stellenweise schrumpfe ihre Anzahl gemäß den Prognosen um bis zu 25 Prozent - im Schnitt sind es 7 Prozent bis 2035. Die Gefahr: Produktion kann nicht mehr aufrechterhalten werden. Hinzu komme, dass gut ausgebildete, junge Menschen abwanderten.
Weniger Investitionen und weniger Vermögen im Osten
Es werde zu wenig in Firmen investiert: Von 2019 bis 2023 lagen laut Report die Bruttoanlageinvestitionen je Einwohner in den ostdeutschen Ländern lediglich bei gut drei Vierteln des westdeutschen Niveaus. Ein Grund sei die geringe Größe vieler ostdeutscher Unternehmen. Auch werde weniger gegründet als im Westen. Geringere Forschungsausgaben führten zu weniger Innovationen.
Einen Grund dafür sieht die Ostbeauftragte in den Vermögensunterschieden: «Denn es ist schon so: Wo eigenes Vermögen fehlt, da kann weder investiert noch gegründet werden», sagte Kaiser. Unter Verweis auf die Bundesbank heißt es, ostdeutsche Haushalte inklusive Berlin verfügten im Jahr 2023 im sogenannten Median über ein Nettovermögen von 35.900 Euro - im Westdeutschland lag dieser Wert bei 143.200 Euro. Die Ursachen seien vielfältig: niedrigere Einkommen, geringere Sparmöglichkeiten sowie Erbschaften und Schenkungen, niedrigere Immobilienwerte und eine schwächere Beteiligung an renditestarken Vermögensformen.
Kleiner Lichtblick: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Erwerbstätigem in den ostdeutschen Flächenländern betrug 2025 rund 85 Prozent des westdeutschen Durchschnittswertes – vor 10 Jahren waren es 78 Prozent. Das BIP je Erwerbstätigen sei bestimmender Faktor für die Löhne der Beschäftigten und für die Fähigkeit der Unternehmen, Investitionen zu tätigen, heißt es im Report.
Länderchefs im Wahlkampf fordern mehr Tempo aus Berlin
Angesichts anstehender Landtagswahlen und starker AfD-Umfrageergebnisse in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern warnte der stellvertretende Dresdner Ifo-Chef Ragnitz vor einem negativen Effekt auf die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts - bezogen auf Fachkräfte und Investitionen. Die Gefahr sei, dass Fachkräfte nicht in Länder mit einer AfD-Regierung gehen oder abwandern und dass Firmen weniger investieren. Das könnte den wirtschaftlichen Aufholprozess dämpfen.