Studie: Aufholprozess der ostdeutschen Wirtschaft in Gefahr

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Studie: Osten Deutschlands droht den Anschluss zu verlieren
Der «Wettbewerbsreport Ostdeutschland» des Dresdner Ifo-Instituts sieht die Gefahr, dass der Osten Deutschlands wirtschaftlich den Anschluss verliert. (Archivbild)
Studie: Osten Deutschlands droht den Anschluss zu verlieren
Robert Michael/dpa
Ifo-Experte: Rückgang Erwerbstätiger ist Gefahr für Osten
Der teils dramatische Rückgang der erwerbstätigen Bevölkerung im Osten bedrohe die Wirtschaft, so Joachim Ragnitz vom Dresdner ifo-Institut. (Archivbild)
Ifo-Experte: Rückgang Erwerbstätiger ist Gefahr für Osten
Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Ifo-Studie: Im Osten wird zu wenig investiert
Die privaten Investitionen je Einwohner im Osten haben den Autoren der Ifo-Studie «Wettbewerbsreport Ostdeutschland» zufolge zwischen 2019 und 2023 etwa drei Viertel des Westniveaus erreicht ...
Ifo-Studie: Im Osten wird zu wenig investiert
Sebastian Kahnert/dpa

Mehr als 35 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es weiterhin strukturelle Defizite der ostdeutschen Wirtschaft. Wie der Stand ist.

Zu geringe Investitionen, zu wenige Fachkräfte und eine zunehmend alternde Bevölkerung: Der «Wettbewerbsreport Ostdeutschland» sieht die Gefahr, dass der Osten Deutschlands wirtschaftlich den Anschluss verliert. Die Studie, die das Dresdner Ifo-Institut im Auftrag ostdeutscher Wirtschaftsverbände erstellt hat, empfiehlt der Politik deshalb, schnellstmöglich gegenzusteuern. 

«Mir ist jeder einzelne Arbeitsplatz in Ostdeutschland enorm wichtig», sagte die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser, bei der Vorstellung der Studie im Berliner Bundesfinanzministerium. Die Politik müsse gegen das schwindende Vertrauen in die Politik angehen. Es gehe um Investitionen in die wirtschaftliche Zukunft Ostdeutschlands und Zukunftsperspektiven für die Menschen vor Ort. 

Konkretes Risiko für die Region ist der teils dramatische Rückgang der erwerbstätigen Bevölkerung, wie Joachim Ragnitz vom Dresdner Ifo-Institut sagte. Stellenweise schrumpfe ihre Anzahl gemäß den Prognosen um bis zu 25 Prozent - im Schnitt sind es 7 Prozent bis 2035. Die Gefahr: Produktion kann nicht mehr aufrechterhalten werden. Hinzu komme, dass gut ausgebildete, junge Menschen abwanderten.

Weniger Investitionen und weniger Vermögen im Osten

Es werde zu wenig in Firmen investiert: Von 2019 bis 2023 lagen laut Report die Bruttoanlageinvestitionen je Einwohner in den ostdeutschen Ländern lediglich bei gut drei Vierteln des westdeutschen Niveaus. Ein Grund sei die geringe Größe vieler ostdeutscher Unternehmen. Auch werde weniger gegründet als im Westen. Geringere Forschungsausgaben führten zu weniger Innovationen. 

Einen Grund dafür sieht die Ostbeauftragte in den Vermögensunterschieden: «Denn es ist schon so: Wo eigenes Vermögen fehlt, da kann weder investiert noch gegründet werden», sagte Kaiser. Unter Verweis auf die Bundesbank heißt es, ostdeutsche Haushalte inklusive Berlin verfügten im Jahr 2023 im sogenannten Median über ein Nettovermögen von 35.900 Euro - im Westdeutschland lag dieser Wert bei 143.200 Euro. Die Ursachen seien vielfältig: niedrigere Einkommen, geringere Sparmöglichkeiten sowie Erbschaften und Schenkungen, niedrigere Immobilienwerte und eine schwächere Beteiligung an renditestarken Vermögensformen.

Kleiner Lichtblick: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Erwerbstätigem in den ostdeutschen Flächenländern betrug 2025 rund 85 Prozent des westdeutschen Durchschnittswertes – vor 10 Jahren waren es 78 Prozent. Das BIP je Erwerbstätigen sei bestimmender Faktor für die Löhne der Beschäftigten und für die Fähigkeit der Unternehmen, Investitionen zu tätigen, heißt es im Report. 

Länderchefs im Wahlkampf fordern mehr Tempo aus Berlin

Angesichts anstehender Landtagswahlen und starker AfD-Umfrageergebnisse in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern warnte der stellvertretende Dresdner Ifo-Chef Ragnitz vor einem negativen Effekt auf die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts - bezogen auf Fachkräfte und Investitionen. Die Gefahr sei, dass Fachkräfte nicht in Länder mit einer AfD-Regierung gehen oder abwandern und dass Firmen weniger investieren. Das könnte den wirtschaftlichen Aufholprozess dämpfen.

«Wir haben hier viele Unternehmen auch in schwierigen Zeiten, die eine Zukunft haben», sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze im Gespräch mit dem Fernsehsender Phoenix. Wichtig sei aus seiner Sicht, «dass wir hier Zukunftsperspektiven aufbauen und nicht alles düster und schlechtreden». Berlin müsse mit dem Anstoßen wichtiger Reformen «schneller werden», forderte Schulze. Es brauche Bürokratieabbau, aber auch Sparmaßnahmen - insbesondere bei Sozialausgaben -, um finanzielle Spielräume für Investitionen zu schaffen. «Am Ende ist es wichtig, dass wir insgesamt schauen, was können wir uns noch leisten», sagte der CDU-Politiker. 

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig verwies im Gespräch mit Phoenix auf die entgegen dem bundesdeutschen Trend leicht wachsende Wirtschaft in ihrem Bundesland. Die SPD-Politikerin forderte, dass sich die Bundespolitik mehr auf kleine und mittelständische Unternehmen konzentrieren müsse, wie sie im Osten vorwiegend vertreten sind. «Ich würde mir wünschen, dass in der ganzen Reformdebatte wieder stärker der Fokus auf Wirtschaftswachstum und niedrige Energiekosten gelegt wird», sagte Schwesig. Bürokratische Regeln etwa könnten für einen Zeitraum von zwei Jahren ausgesetzt werden, so ihr Vorschlag.

Was aus Expertensicht zu tun ist

Im «Wettbewerbsreport Ostdeutschland» empfehlen die Ifo-Experten eine ganze Reihe von Maßnahmen, um das Wirtschaftswachstum im Osten anzukurbeln. So müssten Abschreibungsregeln und steuerliche Anreize für Betriebe und die Fachkräftebasis ausbaut werden, auch durch Zuwanderung. Hochschulabsolventen müssten stärker an regionale Unternehmen gebunden und die Förderung von Forschung und Entwicklung ausgeweitet werden. Die Ansiedlung forschungsintensiver Großunternehmen solle gezielt unterstützt werden. 

Um die Gründungsdynamik zu erhöhen, müsse der Zugang zu Wagniskapital verbessert werden. Frank Nehring, Mitherausgeber des Wettbewerbsreports, sagte, statt eines Aufholprozesses solle man lieber von «Zukunftsregionen» sprechen.