Der Weg zu Fachärzten soll neu organisiert werden – für kürzeres Warten auf Termine und eine effizientere Versorgung. Wie realistisch ist die Aussicht?
Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, mahnt vor überhöhten Erwartungen an die geplante "Termingarantie" für Behandlungen bei Fachärzten. Dies sei "eine Nebelkerze", erklärte er im Podcast "Lebensretter" der Björn-Steiger-Stiftung. "Weil jeder, der klar denken kann, weiß, das kann ja nicht funktionieren, dass jeder zu jeder Zeit bei jedem Facharzt, wo er hin möchte, einen Termin garantiert bekommt. Das geht ja schon mengenmäßig nicht."
Union und SPD wollen ein verbindliches Steuerungssystem einführen, bei dem man zunächst – also primär – eine Hausarztpraxis aufsucht. Diese überweist dann bei Bedarf und mit einem Termin in einem festgelegten Zeitraum an Fachärzte. Sollte dies in einer Praxis nicht möglich sein, soll es auch die Option geben, Fachärzte in einer Klinik aufzusuchen. Dies soll eine "Termingarantie" darstellen, wie es im Koalitionsvertrag heißt. Bei Kindern sollen Kinderärzte die ersten Anlaufstellen sein. Ergänzend ist eine erste digitale Einschätzung noch vor dem Praxisbesuch vorgesehen.
Kassenärzte-Chef warnt vor "Nebelkerze" bei Termingarantie - "Komfortmerkmale" bei Privatpatienten?
Gassen schlug vor, sich darauf zu einigen, "dass wir die wirklich dringenden Patienten schneller in die richtigen Versorgungsebenen bekommen, und zwar losgelöst von ihrem Versichertenstatus". Gleichzeitig müsse man sehen, ob man dann vielleicht gewisse Termine auch mit einem längeren Vorlauf als völlig angemessen akzeptieren könne, wie das in anderen Ländern der Fall sei.
In Bezug auf die geplante Notfallreform zur besseren Steuerung bei dringenden Anliegen sprach sich der KBV-Chef auch erneut für eine finanzielle Lenkung aus. Jemand, der bei länger anhaltenden Rückenschmerzen nächste oder übernächste Woche einen Termin beim Orthopäden erhalte, aber dennoch in die Notaufnahme gehe, "der müsste dann diese Behandlung selbst bezahlen". Dies könne die Solidargemeinschaft nicht leisten, und es blockiere Ressourcen.
Gassen wandte sich gegen prinzipielle Kritik am Nebeneinander von gesetzlich und privat Versicherten. Bei der Qualität gebe es keine Zweiklassenmedizin. Worüber gestritten werde, seien zum Teil wirkliche Komfortmerkmale. "Das ist eine ähnlich absurde Diskussion, als wenn Sie im Flugzeug diskutieren wollen, warum ein Economy-Platz billiger ist als ein Business-Class-Platz. Das ist der gleiche Flieger, der gleiche Pilot, nur Sie haben ein bisschen mehr Platz zum Sitzen, kriegen anderes Essen." Man müsse hier rhetorisch abrüsten.
Sozialverband sieht Termingarantie als Anreiz
Der Sozialverband Deutschland erklärte, eine verlässliche Termingarantie sei der beste Anreiz für Patientinnen und Patienten, das geplante System für mehr Steuerung zu nutzen. "Damit kann auch die Mehrklassenversorgung bei der Terminvergabe abgebaut werden", sagte Verbandschefin Michaela Engelmeier. Dass gesetzlich Versicherte lange warten, aber Privatpatienten oft in wenigen Tagen Termine bekommen, seien keine Komfortunterschiede. Es brauche eine faire, bedarfsgerechte Versorgung unabhängig vom Versicherungsstatus. "Gesundheit ist keine Frage von Economy oder Business-Class."
Wie wir künstliche Intelligenz einsetzen
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