«Mir ist heute bewusst, dass eine frühzeitige Kommunikation nach dem Anschlagswochenende besser gewesen wäre - auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch kein vollständiges Bild der asylrechtlichen Aspekte vorlag», räumte sie ein. «Das erkenne ich selbstkritisch an.» Sie hoffe, dass mit ihrem Rücktritt Sachlichkeit und Ruhe in die Aufklärung zurückkehrten.
Wüst lobt Selbstlosigkeit seiner Ex-Ministerin
Fast identisch argumentierte Wüst. Er habe Pauls Bitte entsprochen, sie von ihrem Amt als Ministerin für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen zu entbinden. Pauls Handeln habe im U-Ausschuss sehr häufig im Zentrum der Diskussion gestanden. «Mit ihrem Amtsverzicht stellt sie nun ihre Person hinten an.»
Aus Sicht der SPD war Pauls Rückzug unausweichlich. «Sie war seit Monaten politisch geschwächt», stellte der familienpolitische Sprecher der Landtagsfraktion, Dennis Maelzer fest. Das oft hervorgehobene geräuschlose Regieren von Schwarz-Grün sei nun passé.
Andere spekulieren, ob sich noch mehr hinter Pauls «Vertuschungsverhalten» verbergen könnte. «Was wusste Wüst?», fragt der Vorsitzende der NRW-FDP und Landtagsfraktion, Henning Höne. «Er hat Ministerin Paul viel zu lange gedeckt und trägt dafür politische Verantwortung.»
Riskante Melange: Kita-Träger und Oppositionsführer greifen an
Mit einer ungeahnt heftigen Attacke, die jüngst die Freie Wohlfahrtspflege gegen die geplante Änderung des Kinderbildungsgesetzes platzierte, drohte eine weitere brisante Flanke für die Regierung. Einer der bedeutendsten Akteure in der Kita-Landschaft hatte dem Reformvorhaben attestiert, in der Form werde sie die frühkindliche Bildung in NRW verschlechtern. Die mangelhafte Betreuungssituation in den Kitas dürfte eines der zentralen Themen im Landtagswahlkampf werden.
Bereits jetzt greift der frisch auf den Schild gehobene designierte Spitzenkandidat der SPD, Jochen Ott an, und geht ebenfalls auf Attacke. Diese Gemengelage könnte ein triftiger Grund für einen Befreiungsschlag im Kabinett gewesen sein.
Die Neue steht für einen anderen Stil
Den soll Pauls erfahrene Nachfolgerin Schäffer bringen - für Wüst ein Stabilitätsfaktor. Schon als Vorsitzende der Grünen-Fraktion habe sie «maßgeblich zum Erfolg der Koalition in Nordrhein-Westfalen beigetragen», lobte der 50-jährige CDU-Politiker.
Als er im Sommer 2022 das erste schwarz-grüne Kabinett der Landesgeschichte gebildet hatte, hatte die zweifache Mutter auf ein Regierungsamt verzichtet und war an der Fraktionsspitze geblieben. Nun rückt die kämpferische, politisch breit aufgestellte Politikerin doch noch in Regierungsverantwortung.
XXL-Ministerium mit reichlich Konfliktstoff
Ihr weitgefächertes Profil wird sie in dem mit Konfliktherden reich bedachten XXL-Ministerium brauchen können. Zwischen gescheiterten Abschiebungen, schlagzeilenträchtigen Straftaten Asylsuchender bis hin zur Unzufriedenheit Zigtausender berufstätiger Eltern mit dem Kita-System hat die neue Ministerin einen dornigen Weg vor sich.
Aufhorchen lassen die Prioritäten, die sie in ihrem ersten Statement setzt: «Im Mittelpunkt meiner Arbeit stehen die Interessen von Familien mit Kindern, ihre Sorgen, ihre Nöte, ihre tagtäglichen Herausforderungen», hob Schäffer hervor. Dass die 39-Jährige kommunikativ bedeutend geschmeidiger auftritt als Paul, die manchmal wie im Parforceritt durch ihre Reden galoppierte, dürfte Schäffer bei ihrer neuen Aufgabe helfen.