Babyspielzeug, Kleider, Elektronik - auf Temu können Kunden alles Mögliche günstig kaufen. Mit Risiken, wie Testkäufe zeigen. Jetzt greift die EU durch.
Die EU-Kommission hat wegen illegaler Produkte eine Strafe in Höhe von 200 Millionen Euro gegen den chinesischen Online-Marktplatz Temu verhängt. Das Unternehmen habe die Risiken und Schäden für Verbraucher nicht ordnungsgemäß bewertet, teilte die Brüsseler Behörde mit. Es handle sich um einen besonders schwerwiegenden Verstoß gegen das Gesetz über digitale Dienste (Digital Services Act - DSA). Verbraucher in der EU stießen mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Temu auf illegale Artikel.
«Die Risikobewertung von Temu unterschätzt konkrete Risiken, ist zu unspezifisch, stützt sich nicht auf solide Beweise und ist nicht umfassend», prangerte die zuständige Vizepräsidentin der EU-Kommission, Henna Virkkunen, an. Sie zeige nicht «das tatsächliche Ausmaß des potenziellen Schadens», den über Temu verkaufte illegale Produkte verursachen. Temu habe mittlerweile 130 Millionen Kunden in Europa, so dass illegale Produkte viele EU-Bürger erreichten, sagte Virkkunen.
Temu kritisierte die Strafe in einem Statement als unproportional. Zudem beziehe sich die Entscheidung auf die Risikoabwägung von 2024 und spiegele nicht den aktuellen Stand der Systeme wider. Das Unternehmen werde weiter konstruktiv mit der EU-Kommission zusammenarbeiten. Temu gebe europäischen Verbrauchern «Zugang zu einer breiten Palette erschwinglicher Produkte» und helfe auch europäischen Unternehmen, mehr Kunden zu erreichen. Die EU-Kommission hatte bei der Beurteilung nach eigenen Angaben sowohl Temus Risikobewertung von 2024 als auch jüngere Antworten auf Auskunftsersuche der Prüfer einbezogen.
Gefährliches Babyspielzeug und Ladegeräte
Die Behörde verwies unter anderem auf Testkäufe im vergangenen Jahr, bei denen viele Produkte durchgefallen seien. Ein «sehr hoher Prozentsatz der ausgewählten Ladegeräte» habe dabei «grundlegende Sicherheitstests nicht bestanden». Ein «hoher Prozentsatz der getesteten Babyspielzeuge» habe die Chemikalien-Grenzwerte überschritten oder es habe Erstickungsgefahr wegen abnehmbarer Teile bestanden.
Temu ist ein Online-Marktplatz, auf dem zahlreiche Unternehmen verschiedene Waren verkaufen. Das chinesische Unternehmen ist seit Frühjahr 2023 in Deutschland aktiv und sorgt immer wieder mit Minipreisen und hohen Rabatten für Aufsehen. Produkte werden häufig direkt vom Hersteller zum Kunden geliefert. Der Anbieter ist umstritten. Politiker, Handelsvertreter und Verbraucherschützer monieren unter anderem Produktqualität, mangelnde Kontrollen und unfaire Wettbewerbsbedingungen.
Der Handelsverband Deutschland (HDE) lobte das Vorgehen der EU-Kommission. «Die heute verkündeten 200 Millionen Euro Bußgeld sind ein wichtiges Signal. Verstöße müssen Konsequenzen haben, ansonsten profitieren die Anbieter aus Fernost von einem unfairen Wettbewerb», sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Stephan Tromp. Es sei höchste Zeit, dass die EU-Kommission spürbare Strafen für Regelverstöße durchsetze.
EU: Influencer könnten Risiko verstärken
Die EU-Kommission bemängelte nun, dass Temus Risikobewertung anders als gesetzlich gefordert auf allgemeinen Informationen über Risiken im gesamten E-Commerce-Sektor beruhe anstatt auf «konkreten Belegen zum eigenen Dienst», einschließlich öffentlicher Berichte und Tests. Sie habe zudem nicht angemessen bewertet, inwieweit Temus Gestaltung das Risiko, illegale Produkte zu verbreiten, verstärken könnte. Als Beispiele nannte die EU-Kommission Produktwerbung durch Influencer sowie Empfehlungssysteme.