Gewinnen könnten hingegen gesündere Warenkategorien wie Obst, Gemüse oder auch proteinreiche Lebensmittel. Laut YouGov steigerten etwa italienische Kurzzeitnutzer der Medikamente ihre Ausgaben für Obst und Gemüse nach Beginn der Behandlung deutlich. In den USA, dem derzeit am weitesten entwickelten GLP-1-Markt, gaben Nutzer laut BCG rund 15 Prozent mehr Geld für Obst und Gemüse aus und 11 Prozent mehr für proteinreiche Lebensmittel.
«Mit der zunehmenden Verbreitung von GLP-1 in Deutschland erwarten wir, dass sich ähnliche Verschiebungen auch hierzulande zeigen werden», sagt von Funck. In Deutschland berichtet das Molkereiunternehmen Arla derzeit von einer stark anziehenden Nachfrage nach proteinreichen Milchprodukten. Der Hüttenkäse-Umsatz etwa sei im ersten Halbjahr überproportional stark um mehr als 40 Prozent gewachsen, bei Skyr verzeichnete das Unternehmen ein Plus von 62 Prozent.
Geben die Nutzer von Abnehmspritzen weniger Geld aus?
Nicht unbedingt. Anders als YouGov kommt die BCG in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass GLP-1-Nutzer zwar weniger äßen, ihre Lebensmittelausgaben aber nicht reduzierten. Während die Ausgaben für klassische Genusswaren und Snacks zurückgegangen seien, habe ihre Nachfrage nach gesünderen, funktionalen und teilweise eben auch höherwertigen Produkten angezogen.
Die veränderten Konsumgewohnheiten hätten das Potenzial, Sortimentsstrukturen langfristig zu verändern, so von Funck. Mit steigender GLP-1-Nutzung dürfte sich der deutsche Lebensmittelhandel strukturell verändern. Für Händler und Hersteller sei es entscheidend, Sortimente und Packungsgrößen frühzeitig an die veränderte Nachfrage anzupassen.
Wie reagieren die Hersteller?
Potenziell besonders betroffene Hersteller von Snacks, Süßigkeiten oder Softdrinks wie Ferrero, Cola, Pepsi oder Mondelez antworteten nicht auf die Frage, ob sie auf veränderte Konsumgewohnheiten mit neuen Produkten reagieren würden oder planten, ihre Portionsgrößen entsprechend anzupassen.
Die Antwort vieler anderer Hersteller scheint zu lauten: Protein, Protein, Protein. Intersnack - der Hersteller hinter Marken wie funny frisch, Ültje oder Pom-Bär - reagiert beispielsweise mit Linsen-Chips, Ofen-Chips oder Protein-Chips, die zu mehr als 20 Prozent aus Proteinen bestehen sollen. Zudem solle künftig der Proteingehalt weiterer Produkte im Marketing stärker betont werden. Auch die Marke Dr. Oetker setzt nach eigenen Angaben künftig noch stärker auf Produkte mit einem hohen Protein- und Ballaststoffgehalt.
Das Molkereiunternehmen Arla betont allerdings, dass Nutzer von GLP-1-Medikamenten sich zwar Orientierung bei der Produktauswahl wünschten, aber nicht als spezielle Zielgruppe der GLP-1-Anwender herausgestellt werden wollen. «Nutzer möchten keine Sonderrolle einnehmen, sondern Teil der Gemeinschaft sein, die proteinreiche Ernährung bevorzugt», so Arla.
Viele Unternehmen gehen davon aus, dass eine breite gesellschaftliche Nutzung von GLP-1-Medikamenten nicht zwangsläufig völlig neue Bedürfnisse schafft, sondern eher bestehende Trends beschleunigt.