50-mal stärker als Heroin und "überproportional" tödlich: Droht eine Fentanyl-Krise in Deutschland?
Autor: Agentur dpa
Deutschland, Donnerstag, 22. August 2024
In den USA sind bereits mehrere Zehntausend Menschen an dem Opioid Fentanyl gestorben. Nun fasst die Droge auch in Deutschland Fuß. Experten sind besorgt.
Grund zur Besorgnis? In der offenen Drogenszene ist Heroin seit Jahrzehnten ein verbreitetes Rauschmittel. Die meisten Drogentoten in Deutschland gehen noch immer darauf zurück. Doch neue, potenziell tödlichere Mittel drängen auf den Markt - Fentanyl zum Beispiel.
Die Substanz mache nicht nur extrem süchtig, erklärt der Psychiater Norbert Scherbaum, es wirke auch etwa 50-mal stärker als Heroin. "Deswegen sterben auch überproportional viele Menschen daran." Bereits zwei Milligramm gelten als potenziell tödliche Dosis. 2.227 Menschen starben hierzulande im vergangenen Jahr am Konsum illegaler Substanzen, bei 712 Todesfällen war Heroin im Spiel, dicht gefolgt von Kokain (610) und Crack (507). Oft wurde ein Mischkonsum festgestellt.
Zehntausende Tote in den USA - so gefährlich ist Fentanyl
In den USA hat Fentanyl bereits zu einem enormen Drogenproblem mit zehntausenden Toten geführt. Nach Angaben des nationalen US-Instituts, das Drogenmissbrauch erforscht, starben durch eine Überdosis synthetischer Opioide - vor allem Fentanyl - allein im Jahr 2021 mehr als 70.000 Menschen.
Fentanyl gehört zu einer Gruppe recht neuer Drogen: synthetische Opioide wie auch Tilidin, Tramadol und Oxycodon, die als zugelassene Medikamente eigentlich zur Behandlung von starken Schmerzen eingesetzt werden. Fentanyl wirkt ähnlich wie Morphin, wird aber komplett synthetisch hergestellt. In der Medizin wird es etwa bei Tumorerkrankungen verwendet.
Fentanyl kann geschluckt, gespritzt, geschnupft, geraucht oder als Pflaster angewandt werden. In Deutschland scheine die Droge bislang bei weitem nicht die Rolle wie in den USA zu spielen, sagt Scherbaum, der Vorsitzender der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) ist. Die Opioidkrise in den USA sei vor allem durch eine sehr großzügige und sorglose Verschreibung von starken Schmerzmitteln entstanden.
Billig und leicht zu konsumieren - bisher nur wenige Abhängige in Deutschland
Auch in Deutschland würden solche Medikamente durchaus in einem hohen Maße und vor allem häufiger als noch vor 10 oder 20 Jahren verschrieben. "Aber das hat nicht das Niveau der USA." Auch jahrelang wiederholte Erhebungen bei Opiatabhängigen auf Entzugsstationen in Nordrhein-Westfalen hätten gezeigt, dass Fentanyl hierzulande bislang nur eine geringe Rolle spiele, so Scherbaum.
Laut Rüdiger Schmolke vom Notdienst für Suchtmittelgefährdete und -abhängige Berlin spielt Fentanyl in der offenen Drogenszene der Hauptstadt noch keine große Rolle. "Wir wissen, dass es in Tests schon gefunden wurde. Es ist aber nicht das Mittel oder der Stoff, den unsere Klientinnen haben wollen."