Ehefrau ALS-krank: "Wer sich ekelt, muss sich woandershin setzen"
Autor: Jessica Becker, Alexander Milesevic, Agentur dpa
München, Freitag, 20. Februar 2026
Schauspieler Eric Dane litt unter ALS, bevor er mit 53 Jahren stirbt. Die Betroffenen der seltenen Krankheit kämpfen gegen irritierte Blicke und Stigmatisierung.
Mit dem Tod des "Grey's Anatomy"-Stars Eric Dane an Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) rückt die unheilbaren Krankheit wieder in den Fokus. Durch sie nahm die Karriere des US-Schauspielers, der auch in mehreren Filmen zu sehen war, ein abruptes Ende. Durch die Krankheit hatte er nach eigener Aussage vom Juni 2024 zufolge nur noch einen funktionsfähigen Arm gehabt, Monate später war er auf einen Rollstuhl angewiesen.
Amyotrophe Lateralsklerose betrifft in Deutschland mehr Menschen, als viele vermuten. So auch ALS-Patientin Claudia Albreit aus Nürnberg, über deren Schicksal inFranken.de bereits 2024 berichtete. Das Leben der damals 47-jährigen Mutter von zwei Kindern und ihrer Familie hat sich durch die Krankheit komplett verändert.
Lähmung und kurze Überlebensaussicht: So kann sich ALS äußern
Das Schicksal von Ehepaar Engel berührte ebenfalls viele Menschen. Thomas Engel griff 2024 zu einem ungewöhnlichen Hilfsmittel, um seine Ehefrau Gabriele ins Wasser des Riemer Sees zu bringen. Er setzte die 55-Jährige in eine faltbare Schubkarre. Mit Schwimmnudeln aus Schaumstoff und der Unterstützung ihres Mannes konnte sie an der Oberfläche des Sees treiben, der unweit ihrer damaligen Wohnung im Münchner Osten liegt. Denn Gabriele Engel konnte die meisten ihrer Muskeln nicht bewegen. Doch auch alltägliche Situationen können für unangenehme Momente sorgen, wenn andere Menschen wenig Verständnis zeigen, wofür Thomas Engel jedoch klare Worte fand.
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ALS hat die Nerven der Bayerin zerstört, die die Muskelbewegungen steuern. Auch ihre Zunge ist gelähmt. Ihre Tätigkeit als Beamtin im höheren Dienst musste sie bereits vor längerer Zeit aufgeben. Sie benutzt einen Computer, der Augenbewegungen in Sprache umwandelt, um ihre Erinnerung an den Badeausflug zu formulieren: "Wir genießen die schönsten Momente."
Der Medizinprofessor Paul Lingor vom Klinikum rechts der Isar der TU München kennt viele Patienten, bei denen die Krankheit ähnlich wie bei Gabriele Engel verläuft. Es gibt nahezu vollständig gelähmte ALS-Patienten, die mit Augensteuerung sogar noch eingeschränkt arbeitsfähig sind. "Wenn es um geistige Leistungen geht, ist vieles möglich", erklärt Lingor. Und er ist zuversichtlich, dass viele Patienten ihr Leben als lebenswert betrachten. Aber Lingor fügt auch hinzu: Kranke wie der weltbekannte Physiker Stephen Hawking, der rund ein halbes Jahrhundert mit der ALS-Diagnose lebte, bevor er im Alter von 76 Jahren starb, sind eine seltene Ausnahme.
Unschöne Erfahrungen in Restaurant - Ehemann findet deutliche Worte
"Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt drei bis fünf Jahre nach Symptombeginn", erklärt Lingor. Es gibt keine gut wirksamen Medikamente, die die Krankheit aufhalten oder heilen könnten. Nicht einmal die Ursachen von ALS sind in der Wissenschaft wirklich verstanden. Der Forscher und Arzt ist überzeugt: "Man könnte die Lebensqualität von ALS-Patienten deutlich verbessern, wenn man mehr Ressourcen in die Forschung und auch in die Versorgung stecken würde." Und Lingor betont: ALS ist selten, aber nicht so selten, wie viele Menschen denken. Über die Lebenszeit hinweg erkrankt laut Lingor in Deutschland einer von 400 Einwohnern an der tödlichen Lähmung.
Vor zehn Jahren gab es für einige Wochen zwar eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit für die Krankheit, erinnert sich Lingor. Damals ging von den USA aus die sogenannte "Ice-Bucket-Challenge" um die Welt: Gesunde sollten sich einen Kübel Eiswasser über den Körper schütten und möglichst Aufnahmen davon im Internet verbreiten. Auch Geld sollte gespendet werden. Doch nach dieser Aktion flaute die Aufmerksamkeit für ALS wieder ab und nach Lingors Einschätzung auch das Spendenaufkommen etwa für Selbsthilfegruppen.