Ungwöhnliche Tradition in der Oberpfalz: Was steckt hinter dem Chinesenfasching?

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Beim Fasching im Altmühltal erleben Besucher eine einzigartige Tradition: Dietfurt lädt zum "Chinesenfasching" am unsinnigen Donnerstag ein.

  • So feiert Dietfurt Fasching
  • Warum nennt man die Diet­furter "Chinesen"?
  • Chinesenfasching: Klischees oder Kulturaustausch?

Am unsinnigen Donnerstag (2026 am 12. Februar) erlebt ihr in Dietfurt an der Altmühl (Kreis Neumarkt in der Oberpfalz) ein traditionsreiches Spektakel: Der Dietfurter Chinesenfasching ist weit über die Region hinaus bekannt und gehört seit 2025 zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe Bayerns. Höhepunkt ist jedes Jahr der vom "Kaiserpaar" angeführte große Umzug durch "Bayrisch China". Der ungewöhnliche Brauch, der auf den Spitznamen der Dietfurter "Chinesen" zurückgeht, hat auch zu einem regen Kulturaustausch mit China geführt.

So feiert Dietfurt Fasching

Jährlich am unsinnigen Donnerstag wird Dietfurt zu "Bayrisch China". Bereits ab zwei Uhr morgens ziehen maskierte Gestalten mit dem "Weckruf" durch die Straßen. Mittags beginnt dann auf der großen Bühne in der Altstadt das Einstimmen auf den Chinesenfasching mit viel Musik. 

Um 13.61 Uhr startet der prächtige Faschingsumzug, der jährlich etwa 20.000 Besucher anlockt. Angeführt vom Wagen mit dem winkenden Kaiserpaar und begleitet von bunten Drachen, Rikschas und Lampions ziehen etwa 50 Wagengespanne, Musikkapellen und Fußvolk in fantasievollen Kostümen durch die Stadt. Dabei ertönt immer wieder der traditionelle regionale Faschingsruf "Kille wau!". Nach dem Umzug werden die Dietfurter in einem Zeremoniell vor dem Rathaus von ihrem Kaiser empfangen.

Bis in die frühen Morgenstunden des nächsten Tages wird in den Gaststätten des Ortes weitergefeiert. Die Dietfurter Gästeführer bieten auch Stadtführungen durch "Bayrisch China" an. Eine Ausstellung im Rathaus zeigt außerdem Kostüme und Geschichte des Chinesenfaschings. Beim Kehraus am Faschingsdienstag wird schließlich eine lebensgroße Faschingspuppe am Chinesenbrunnen verbrannt. Damit wird der Fasching beerdigt und die Dietfurter Chinesenhymne zum letzten Mal gesungen. 

Warum nennt man die Diet­furter "Chinesen"?

Wie die Dietfurter zu ihrem Spitznamen "Chinesen" kamen, darüber gibt es verschiedene Erzählungen. Die verbreitetste Anekdote erzählt, dass der Fürstbischof von Eichstätt seinen Kämmerer einmal nach Dietfurt sandte, um Abgaben einzutreiben. Die Dietfurter erfuhren vorab davon, verschlossen ihre Stadttore und ließen den Steuereintreiber nicht herein.

Wütend soll der seinem Bischof gesagt haben, die Dietfurter verschanzten sich "wie die Chinesen" hinter dicken Mauern. Wie lange die Dietfurter ihren Spitznamen schon haben, ist nicht genau bekannt. Der Dietfurter Fasching wurde jedenfalls erstmals im Jahr 1928 "chinesisch" gefeiert. 

Nach dem Krieg erinnerte man sich ab 1950 wieder an die Dietfurter Faschingstradition: Der damalige Bürgermeister und der Stadtkämmerer saßen in "chinesischer" Tracht gekleidet auf ihrem Fahrzeug und waren angeblich so gut geschminkt, dass niemand sie erkannte. Fortan gab es wieder jedes Jahr "chinesische" Gruppen im Festzug. 1954 wurde beim "Chinesenfasching" der erste "bayrisch-chinesische" Kaiser gewählt. 

Chinesenfasching: Klischees oder Kulturaustausch?

Der "Chinesenfasching" in Dietfurt gehört heute zu den bekanntesten Faschingsveranstaltungen Bayerns. In den vergangenen Jahren gab es aber auch Diskussionen, ob die Veranstaltung noch zeitgemäß sei. Kritiker äußerten, dass hier kulturelle Stereotype zur Schau gestellt würden und das Faschingstreiben rassistisch sei. Aufgrund der Kritik hat man in Dietfurt einige Änderungen vorgenommen. Gelb geschminkte Gesichter beispielsweise sind nicht mehr erwünscht.

Die Faschingstradition im Altmühltal hat auch zur Beschäftigung mit der chinesischen Kultur geführt. Mit der chinesischen Partnerstadt Nanjing steht Dietfurt in regem Kulturaustausch. Chinesische Kulturvereine, der Generalkonsul und chinesische Journalisten nehmen regelmäßig am Faschingstreiben teil. Und seit 2010 gibt es in Dietfurt den "Bayrisch-Chinesischen Sommer" mit kulturellem Programm sowie organisierte China-Reisen für Jugendliche.

In der Begründung zur Aufnahme in die UNESCO-Liste für immaterielles Kulturerbe heißt es dazu: "... setzen sich die Akteure vor Ort sehr transparent mit der Geschichte des Brauches und mit an sie gerichteten Vorwürfen auseinander. Sie ... diskutieren mit dem Brauch konnotierte Themen wie kulturelle Aneignung, Klischees oder rassistische Darstellungen."

Vorschaubild: © © Kneidinger Beilngries