Maria und Oswald Gehring wirken ungeachtet der Erschwernisse des Alters wie frisch verliebt.
Er nennt sie liebevoll seine "Mary Lou" und sie strahlt dabei vor Glück. Das Ehepaar Maria und Oswald Gehring ist seit 65 Jahren verheiratet und erneuerte vor Gott und der Welt den einstigen Liebesschwur. Und so fasste die 87 Jahre alte Frau ihre tiefe Zuneigung zu ihrem Mann in einem Satz zusammen: "Es gibt an gutn Gott und dich."
Die beiden leben seit über einem Jahr im Pflegeheim des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) in Marktrodach. Der 90-Jährige ist mit seiner Maria dahin gezogen, weil sie an Demenz leidet. "Hier kann ich sie viel besser versorgen, kann für sie da sein. Sie ruft ja alle paar Minuten nach mir und will sich vergewissern, dass ich in ihrer Nähe bin." Und wie auf Kommando der Satz aus Richtung des Ehebettes: "Oswald? Bist du da?" "Ja, mein Schatz. Ich bin da. Du kannst in Ruhe schlafen." Sie sinkt in ihre Kissen zurück und seine Augen füllen sich mit Tränen. Es ist noch früh am Abend, noch nicht einmal 19 Uhr, aber sie lächelt selig und schläft wieder ein.
Kinderlos geblieben
"Mei Fraa is a alte Schloufratz," scherzt er. Dann redet er über die vergangenen 65 Ehejahre, über harte Schicksalsschläge und über glückliche Zeiten. Das Ehepaar ist tief gläubig, aber auch sie wurden "immer wieder von Gott geprüft", wie er es ausdrückt. "Das Leben hat uns zwar keine Kinder beschert, aber wir hatten ja immer uns und viele gute Freunde. Auch unser Neffe kümmert sich rührend."
Dabei sei er noch fit, habe alles noch fest in der Hand. "Und Auto fahre ich auch noch wie der Teufl." Oswald Gehring bedauert es keine Sekunde, alles für seine Frau aufgegeben zu haben. "Wir mussten das Haus verkaufen, das Seniorenheim muss ja finanziert werden. Unsere Möbel haben wir gleich mit verkauft und unser Zimmer hier haben wir neu eingerichtet. Es gibt es alles, was wir brauchen. Und wir haben uns. Außerdem ist das Personal ein wahrer Segen, wir fühlen uns total gut betreut. Sie haben uns unter anderem eine schöne Feier in der Klosterkirche ermöglicht. Es waren viele Heimbewohner da und der Gottesdienst war einfach nur erhebend."
Inzwischen ist Maria Gehring aufgewacht und wird von einer Pflegerin ins Bad geführt. Es dauert nicht lange und ein lustiges Liedchen erklingt durch die geschlossene Tür. "Meine Frau singt für ihr Leben gerne," strahlt er. Und dann erinnert er sich daran, wie es war, als beide sich kennengelernt haben. Als sie mit dem Fahrrad von Wilhelmsthal nach Kronach zur Arbeit gefahren sind. "Bei Schnee, Sonne, Wind und Regen." Oswald Gehring hat lange bei Loewe im Vertrieb gearbeitet und sie war über 40 Jahre Einkäuferin beim Bekleidungsfachgeschäft König in der Oberen Stadt. "Sie war schön, schick und ich hätte mir nie eine andere Frau an meiner Seite vorstellen können."
Immer wieder fließen ins Gespräch solch emotionalen Geständnisse, werden liebevolle Blicke gewechselt. Die beiden wirken eher wie frisch verliebt und auch der Pflegerin fehlen beinahe die Worte: "So etwas habe ich in all den Jahren noch niemals erlebt. Ich wusste nicht, dass es das gibt."
Gerne denkt er auch noch an die gemeinsamen Reisen zurück. "Wir waren auf Bali und in Kenia. Südtirol war unsere zweite Heimat, da waren wir fast vierzig Mal. Solche Reisen wird es in Zukunft wohl nicht mehr geben, aber Oswald Gehring ist dennoch zufrieden. "Ich finde immer eine Beschäftigung. Außerdem engagiere ich mich caritativ und spende an die, denen es nicht so gut geht. Und mich um meine Frau zu kümmern, das ist ein Full-Time-Job. Aber genauso habe ich es einst gelobt: In guten, wie in schlechten Zeiten. Daran wird sich niemals etwas ändern. Sie hätte das Gleiche für mich getan." ml