Wie kam es zur Ceuta-Krise?
Autor: Emilio Rappold und Johannes Sadek, dpa
, Samstag, 01. August 2026
Die Ereignisse in Ceuta werfen viele Fragen auf: Duldeten marokkanische Sicherheitskräfte den Ansturm? Welche Motive könnte es gegeben haben? Und wer profitierte von den chaotischen Szenen?
Binnen Stunden strömen Zehntausende Menschen in die spanische Nordafrika-Exklave. Bewohner verbarrikadieren sich in ihren Häusern. Andere bedrohen und attackieren die oft sehr jungen Ankömmlinge. Diese irren zunächst ziellos und halb nackt durch die Straßen - und kehren wenig später nach Marokko zurück.
Inzwischen hat sich die Lage in der Exklave deutlich entspannt. Doch die Chaos-Bilder dürften den politischen Streit über Migration in Europa noch lange bestimmen. Wie konnte es dazu kommen? Eine eindeutige Antwort gibt es bisher nicht - aber eine Menge Theorien.
Über einen Punkt herrscht in Spanien ungewöhnliche Einigkeit: Der beispiellose Ansturm wäre nach Ansicht nahezu aller Beobachter ohne das zumindest zeitweilige Wegschauen der marokkanischen Behörden kaum möglich gewesen. Die normalerweise streng bewachte Grenze gilt als so sensibel und kontrollierbar, dass Zehntausende Menschen sie nach Einschätzung der Zeitung «El País» nicht ohne «Billigung oder Mitwirkung» der Verantwortlichen in Rabat hätten überwinden können. Die in zahlreichen Videos dokumentierte Untätigkeit marokkanischer Sicherheitskräfte lasse «keinen Zweifel» daran.
Die Spur führt nach Rabat
Auch in Marokko merken einige Beobachter an, dass ein Vorfall wie der in Ceuta nur möglich sei, wenn die Behörden dort sie duldeten. Denn König Mohammed VI. regiert das Land autoritär und hat den Sicherheitsapparat und die digitale Überwachung mit Überwachungskameras massiv ausbauen lassen. Mehrere Migranten schildern spanischen Medien unabhängig voneinander, dass sie nicht gestoppt, sondern zum Grenzübertritt ermuntert worden seien.
Doch welches Interesse könnte Rabat an den chaotischen Szenen gehabt haben? Klar ist, dass Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez trotz enger wirtschaftlicher Verflechtungen der Länder für Rabat zum Ärgernis geworden ist. Der hatte die Beziehungen zu Algerien - Marokkos Nachbar und größter Feind in der Region - vergangene Woche bei einem Besuch gestärkt. Neben dem Streit der beiden afrikanischen Nachbarn über die frühere spanische Kolonie Westsahara betrachtet Marokko zudem die beiden spanischen Exklaven als «besetzte marokkanische Städte».
Unmut könnte in Rabat auch die jüngste Zustimmung des Justizausschusses des spanischen Parlaments zu einem Gesetzentwurf ausgelöst haben. Er soll vielen Sahrauis – den indigenen Bewohnern der Westsahara – und ihren Nachkommen den Erwerb der spanischen Staatsbürgerschaft erleichtern. In spanischen Medien wird spekuliert, dass Marokko darin auch deshalb eine Provokation sieht, weil Angehörige der von Algerien unterstützten Unabhängigkeitsbewegung Polisario mit einem EU-Pass schwerer verfolgt oder strafrechtlich belangt werden könnten. Die Bewegung Polisario besteht weitgehend aus Sahrauis.
Es ist möglich, dass Rabat Madrid mit einer Lockerung der Grenzkontrollen ein Signal senden wollte. Belege dafür gibt es zwar nicht. Der Verdacht kommt jedoch nicht von ungefähr: 2021 warf Spanien Marokko zuletzt vor, im Streit um die Westsahara Migration und Menschen als Druckmittel eingesetzt zu haben. Damals hatte Madrid den Chef der von Algerien unterstützten Polisario in einem Krankenhaus aufgenommen. Kurz darauf gelangten mehr als 8.000 Menschen nach Ceuta. Madrid sprach von «Erpressung», Rabat entgegnete: «Handlungen haben Konsequenzen.»