Was Kanzler Merz in Indien vorhat
Autor: Michael Fischer, Dirk Godder und Andreas Hoenig, dpa
, Sonntag, 11. Januar 2026
Der deutsche Kanzler geht bei der Asien-Diplomatie neue Wege. Das Ziel seiner ersten größeren Reise auf den größten Kontinent der Welt ist eine Überraschung.
China? Nein. Japan? Auch nicht. Als Ziel seiner ersten größeren Asienreise hat sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) anders als seine Vorgänger Indien ausgesucht. Am frühen Nachmittag ist er von München aus zu einem zweitägigen Besuch in dem mit mehr als 1,4 Milliarden Einwohnern bevölkerungsreichsten Land der Welt aufgebrochen.
Der indische Ministerpräsident Narendra Modi bedankt sich für die ungewöhnliche Vorzugsbehandlung mit einer besonderen und sehr seltenen Geste der Wertschätzung: Er empfängt Merz am Montag in Ahmedabad in seiner Heimatregion Gujarat, zeigt ihm dort eine ehemalige Wirkungsstätte des Nationalhelden Mahatma Gandhi und das traditionelle Drachen-Festival am Sabarmati-Fluss. Die üblichen politischen Gespräche dürfen natürlich auch nicht fehlen.
Am Dienstag geht es weiter nach Bengaluru, früher Bangalore, das Zentrum der indischen Hightech-Industrie. Dort steht die wirtschaftliche Zusammenarbeit der beiden Länder im Mittelpunkt. Merz wird erstmals von einer großen Wirtschaftsdelegation begleitet, der mehr als 23 Manager von großen und mittelständischen deutschen Unternehmen angehören, darunter Siemens, Airbus Defence and Space und Thyssenkrupp Marine Systems.
Die indische Hauptstadt Neu-Delhi lässt Merz links liegen - ungewöhnlich für einen Antrittsbesuch.
Merz weitet seinen außenpolitischen Blick
Der Kanzler hat in den ersten acht Monaten seiner Amtszeit vor allem die Bündnispartner in Europa und Nordamerika besucht. Jetzt will er sich verstärkt anderen Weltregionen widmen. Im November war er beim G20- und EU-Afrika-Gipfel in Südafrika und Angola und davor beim Weltklimagipfel in Brasilien.
Jetzt geht es nach Asien. Auf dem größten Kontinent der Welt war Merz bisher nur kurz bei seinem Türkei-Besuch im vergangenen Jahr: Die Hauptstadt Ankara liegt im asiatischen Teil des Landes, das ein Brückenstaat zwischen Asien und Europa ist.
Es ist bemerkenswert, dass Merz Indien noch vor China als wichtigstem Absatzmarkt der deutschen Wirtschaft in Asien und vor Japan als einzigem asiatischen Partner in der G7-Gruppe demokratischer Wirtschaftsmächte besucht. Seine Vorgänger haben das bei ihren ersten Asien-Reisen anders gemacht. Olaf Scholz (SPD) war zuerst in Japan, dann in China und erst ein Jahr nach seinem Amtsantritt in Indien. Angela Merkel (CDU) und Gerhard Schröder (SPD) begannen ihre Asien-Diplomatie mit Doppelbesuchen in Japan und China: Schröder war erst in Tokio und flog von dort aus nach China. Merkel machte es umgekehrt. Indien war bei beiden die Nummer drei.