Warum Kiew Russlands Online-Händler Wildberries attackiert
Autor: André Ballin, dpa
, Donnerstag, 30. Juli 2026
Nach den Angriffen auf Raffinerien hat sich die Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen die russische Invasion nun auf den Online-Händler Wildberries eingeschossen. Dafür gibt es mehrere Gründe.
In der Nacht hat die Ukraine gleich zwei riesige Lagerhäuser des russischen Online-Händlers Wildberries mit Drohnen attackiert. In der Großstadt Pensa ist ein Depot mit geschätzt 180.000 Quadratmeter Fläche in Brand geraten. Augenzeugen filmten kilometerhohe Rauchwolken. In Sarapul, einer Großstadt in der russischen Teilrepublik Udmurtien, traf es eine 50.000 Quadratmeter große Anlage. Sie brennt nach Medienberichten auf ganzer Fläche.
Nur einen Tag zuvor hatten Drohnen ein Lagerhaus in Rjasan getroffen und es ebenfalls in Flammen gesetzt. Damit haben die ukrainischen Truppen in weniger als zwei Wochen 13 Logistikzentren von Wildberries angegriffen. Mindestens zehn davon sind mindestens teilweise ausgebrannt. Nach den Angriffen auf Raffinerien stellt Kiew damit nun erneut die Hilflosigkeit der russischen Flugabwehr zur Schau.
Milliardenverluste nach Treffern in Großlagern
Der Schaden ist gewaltig. Weil die Ukraine vor allem die Großlager traf, sind inzwischen mehr als eine Million Quadratmeter ausgebrannt – etwa 20 Prozent der Gesamtlagerfläche des Unternehmens. Nach Berechnung des unabhängigen Wirtschaftsportals «The Bell» vernichteten die Flammen – noch vor den Attacken auf Rjasan, Pensa und Sarapul – allein Lagerräume im Wert von umgerechnet 400 Millionen Euro. Die dort gelagerten und zerstörten Waren hatten demnach noch einmal einen Wert von knapp 1,7 Milliarden Euro.
Für das als russisches Pendant zu Amazon geltende Wildberries sind die Angriffe eine existenzielle Bedrohung. Das Unternehmen versuchte zuletzt, mit Hilfe von Krediten massiv zu wachsen, baute die Lagerflächen im Eiltempo aus, gründete eine Online-Bank und ein Reisebüro. Diese Strategie könnte nun zum Bumerang werden.
Kiew wirft Wildberries Handel mit Rüstungsgütern vor
Doch warum hat die Ukraine Wildberries ins Visier genommen? Dafür gibt es mehrere Erklärungsansätze. Das ukrainische Militär selbst begründete die Attacken damit, dass auf der Online-Plattform Rüstungsgüter gehandelt würden wie FPV-Drohnen, Glasfaserkabel für deren Steuerung, Panzerplatten und Schutzwesten.
Die Version ziehen aber selbst der Ukraine wohlgesonnene Beobachter in Zweifel. Wildberries sei kein militärisches Ziel, sagte der Journalist Wladislaw Gorin in seinem Podcast beim russischen Exil-Medium «Meduza». Die Argumentation sei mit der Moskaus vergleichbar, als das russische Militär im Winter Kraftwerke in der Ukraine bombardierte, weil die angeblich auch Wärme und Strom für ukrainische Soldaten produzierten, sagte Gorin.
Große Schäden mit geringem Einsatz
Tatsächlich ist der Anteil der bei Wildberries gehandelten militärischen Güter gering. Wichtiger scheint die wirtschaftliche Komponente. Immerhin ist Wildberries Russlands größter Online-Händler und erwirtschaftete 2025 einen Umsatz von umgerechnet etwa 67 Milliarden Euro. Der Gewinn lag bei etwas unter zwei Milliarden Euro – ein Plus von 68 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zum Vergleich: Der größte Konkurrent in Russland, Ozon, kam auf gut 50 Milliarden Euro Umsatz und 100 Millionen Euro Gewinn.