Der Krieg sollte Irans Führung schwächen. Doch mehr als einen Monat nach Beginn der Angriffe wirkt die Macht in Teheran erstaunlich stabil. Warum der Konflikt das System eher festigt als erschüttert.
Es ist der 28. Februar. Israel und die USA greifen den Iran an. In Teheran herrscht Schock und für einen Moment etwas, das für viele Iranerinnen und Iraner wie Hoffnung klingt. Nach Einbruch der Dunkelheit ertönen Hupkonzerte in der Millionenmetropole. Menschen jubeln auf den Straßen. Eine Nachricht macht die Runde, erst als Gerücht, dann als Gewissheit: Ajatollah Ali Chamenei, der das Land über Jahrzehnte mit harter Hand geführt hat, ist tot.
Einen Monat später ist von dieser spontanen Euphorie kaum etwas geblieben. Trotz schwerer Luftangriffe, trotz der Tötung hochrangiger Generäle und Politiker erscheint die iranische Führung erstaunlich stabil. Im Staatsfernsehen wirkt es fast so, als würde der Iran den Krieg gewinnen. Der Machtapparat funktioniert weiter und setzt die Vergeltungsschläge fort. Er agiert dabei mit neuer Radikalität. Was wie ein möglicher Wendepunkt aussah, hat das System nicht ins Wanken gebracht.
Einen Hinweis darauf, wie gut die Führung vorbereitet war, lieferte der Außenminister. «Bombardierungen in unserer Hauptstadt haben keinerlei Auswirkungen auf unsere Fähigkeit, Krieg zu führen», schrieb Abbas Araghtschi einen Tag nach Kriegsbeginn auf X. «Die dezentrale Mosaik-Verteidigung ermöglicht es uns, zu entscheiden, wann – und wie – der Krieg enden wird.»
Gründungsmythos der «Heiligen Verteidigung»
Hinter der Mosaik-Verteidigung steht ein Konzept, das über Jahrzehnte entwickelt wurde. Seine Ursprünge liegen im Iran-Irak-Krieg (1980–1988), als Saddam Hussein iranische Städte mit Raketen beschoss. Die traumatische Erfahrung gehört bis heute zum Gründungsmythos der Islamischen Republik und wird von Anhängern des Systems als «Heilige Verteidigung» bezeichnet. Auch Amerikas Kriege in der Region, im Irak und in Afghanistan, haben das Denken der iranischen Militärführung geprägt.
Im Jahr 2005 verkündeten die Revolutionsgarden das Konzept der Mosaik-Verteidigung, wie es in einer Analyse der Denkfabrik «The Soufan Center» heißt. Im Kern zielt es darauf ab, die Kampffähigkeit auch dann aufrechtzuerhalten, wenn zentrale Kommandeure getötet und Hauptquartiere in Teheran zerstört werden. Dafür wurden 31 separate Kommandoeinheiten in den Provinzen geschaffen, die unabhängig Entscheidungen treffen können. In der Praxis können regionale Einheiten so monatelang eigenständig weiterkämpfen.
Unbekannter General im Ruhestand rückt auf mächtigen Posten auf
Israel hat bei seinen Angriffen auch Pragmatiker im iranischen Machtgefüge getötet. Ali Laridschani, Generalsekretär des Nationalen Sicherheitsrats, war keine moderate Stimme, aber gut vernetzt und in verschiedenen politischen Lagern präsent. Als eine Woche nach seinem Tod ein Nachfolger benannt wird, sind viele Beobachter überrascht. Auch im Iran selbst hatten Insider eher mit einem konservativen Politiker gerechnet. Stattdessen rückt ein weitgehend unbekannter, pensionierter General der Revolutionsgarden auf den Posten.
Im Krieg gewinnen militärische Akteure an Gewicht, sagt der Politikwissenschaftler Tareq Sydiq von der Universität Marburg. «Der Krieg verschiebt die Machtbalance zugunsten der Revolutionsgarden. Das ist keine neue Dynamik. Man konnte sie bereits in den vergangenen 15 Jahren beobachten, auch als Strategie unter Chamenei.» Das erkläre auch, warum zivile Funktionsträger durch militärische Führer ersetzt werden.