Ukraine-Besuch: Wadephul wagt sich in die Nähe der Front
Autor: Michael Fischer, dpa
, Sonntag, 23. August 2026
Erst politische Gespräche in Kiew, dann geht es in Richtung Front. Bei seinem vierten Ukraine-Besuch wagt sich der Außenminister erstmals bis tief in den Osten des Landes.
Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) hat bei seiner Ukraine-Reise die Millionenstadt Charkiw nur etwa 30 Kilometer vor der Frontlinie mit den russischen Angreifern besucht. Dort sprach er an der Universität mit Studentinnen und Studenten, sah sich ein mehrfach mit russischen Raketen attackiertes Kraftwerk an und besichtigte ein bereits 2022 stark zerstörtes U-Bahn-Depot. Am «Tag der Staatsflagge» nahm er zudem an einer Zeremonie an einem der höchsten Fahnenmaste Europas teil, an dem die blau-gelbe Fahne in 101 Metern Höhe weht.
Charkiw wird regelmäßig mit russischen Raketen und Drohnen angegriffen. Auch während Wadephuls Besuch gab es mehrfach Luftalarm. Die Bevölkerungszahl von etwa 1,4 Millionen Einwohner hat sich trotzdem seit der russischen Invasion 2022 kaum verändert. Trotz der ständigen Gefahr ist die Industriestadt der erste Anlaufpunkt für viele Binnenflüchtlinge.
Wadephul würdigt Widerstandswillen
Wadephul würdigte bei seinem Besuch den «unheimlichen Widerstandswillen» der Bewohner der ostukrainischen Metropole. Es gebe einen Geist, der russischen Gewalt zu widerstehen, das Leben aufrechtzuerhalten. «Von dieser Einstellung können wir uns auch eine Scheibe vielleicht abschneiden für Deutschland und das auch mitnehmen.»
Bei seiner vierten Ukraine-Reise war es für Wadephul der erste Besuch in Frontnähe. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte ihm bei einem Treffen in Kiew am Samstag ausdrücklich «für seine bevorstehende Reise in Regionen der Ukraine, in denen die Situation wegen russischen Beschusses schwierig ist», gedankt. Die ukrainische Führung sieht das als besonders starkes Zeichen, dass Deutschland im Abwehrkampf gegen Russland an ihrer Seite steht.
Besuche von ausländischen Spitzenpolitikern in Frontnähe sind zwar selten. Wadephul war aber nicht der Erste, der das Wagnis einging. Seine Vorgängerin Annalena Baerbock war bereits 2023 in Charkiw. Im Folgejahr musste sie einen weiteren Besuch in Frontnähe abbrechen, weil sie von einer Drohne verfolgt wurde.
Checkpoints, Panzersperren, aber auch Zuversicht
Einen solchen Zwischenfall gab es diesmal nicht. Das genaue Ziel Wadephuls im Osten der Ukraine wurde aus Sicherheitsgründen geheim gehalten, bis er wieder auf dem Rückweg nach Kiew war. Aufgebrochen war der Minister bereits am Samstagnachmittag nach seinen politischen Gesprächen in der Hauptstadt und hatte auf dem Weg in der Stadt Poltawa übernachtet.
Insgesamt sind es etwa sechs Autostunden nach Charkiw. Auf den letzten 50 Kilometern kam die Kolonne des Ministers mit etwa 15 Fahrzeugen an zahlreichen zerstörten Tankstellen vorbei. Bei der Einfahrt nach Charkiw gibt es Checkpoints des Militärs, hier und da sieht man Panzersperren.