Vom Apotheker zum Anführer der türkischen Opposition
Autor: Mirjam Schmitt, dpa
, Dienstag, 21. Juli 2026
Er wurde als Chef der größten Oppositionspartei CHP abgesetzt, viele Weggefährten sind in Haft. Nun gründet Özgür Özel eine neue Partei. Kann er damit Erfolg haben?
Oppositionspolitiker Özgür Özel klettert auf einen Wasserwerfer und reckt die Faust in die Höhe: Die Szene aus der türkischen Hauptstadt Ankara im Mai ist inzwischen ikonisch geworden und Symbol für den Widerstand gegen die Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan.
Kurz zuvor hatte die Polizei die Zentrale der größten Oppositionspartei CHP mit Tränengas gestürmt, wo sich Özel verbarrikadierte. Er protestierte damit gegen seine gerichtliche Absetzung als CHP-Chef. Anschließend lief er im strömenden Regen durch Ankara – Tausende folgten ihm. Der Sturm auf die Zentrale der CHP – Gründungspartei des Landes – hatte viele wütend gemacht. «Wir finden einen Weg oder wir schaffen einen», versprach Özel seinen Anhängern.
Nun, rund zwei Monate später, schlägt er diesen neuen Weg ein und kündigt vor jubelnden Anhängern bei einer Fraktionsrede in Ankara die Gründung einer neuen Partei an. Ein Großteil der CHP-Abgeordneten würde übertreten, sobald die technischen Details abgeschlossen seien, sagt er.
Beobachter gehen davon aus, dass rund 80 der 135 CHP-Abgeordneten zu Özels neuer Partei überlaufen könnten – das würde sie mit einem Schlag zur größten Oppositionspartei im türkischen Parlament machen. Özels umstrittener Vorgänger Kemal Kilicdaroglu, der als Interimschef der CHP eingesetzt wurde, bliebe mit einer Minderheit zurück.
Özel sieht Weg innerhalb der CHP blockiert
Özel begründete seine Entscheidung damit, dass er wochenlang um den Verbleib innerhalb der CHP gekämpft und Einspruch beim Berufungsgericht eingelegt hat. Doch das Gericht ging in die Sommerpause, ohne den Einspruch auf die Tagesordnung zu nehmen.
Mit der «Wehmut eines Abschieds» sei er an das Rednerpult getreten, sagte Özel. Die CHP sei unter Besatzung – man werde das Erbe des Staatsgründers Atatürk auf den Schultern tragen, erklärte er unter tosendem Applaus.
Der 51-Jährige hat nun die Möglichkeit, die politische Landschaft der Türkei mit seiner neuen Partei nachhaltig zu verändern – oder er versinkt, wie andere Hoffnungsträger vor ihm, in der Bedeutungslosigkeit.