Verständigung zulasten der Ukraine: Trump geht auf Moskau zu
Autor: Franziska Spiecker und Friedemann Kohler, dpa
, Sonntag, 18. Oktober 2026
Trump ist Selenskyj schon oft in den Rücken gefallen, in seinem aktuellen Kurs sehen einige Experten eine neue Qualität. Gibt der US-Präsident die Ukraine wegen der Folgen des Iran-Kriegs völlig auf?
US-Präsident Donald Trump verstand sich nie als Unterstützer der von Russland angegriffenen Ukraine. Er versprach, den Krieg zu beenden – als Vermittler. Doch dazu kam es bislang nicht.
Nun hat Trump Vereinbarungen mit Kremlchef Wladimir Putin getroffen und nähert sich ihm scheinbar an. Die Ukraine, die vor einem schweren Kriegswinter steht, wird allein gelassen. Ist das der «dunkelste Moment für die Ukrainer in diesem Krieg bisher», wie der Außenpolitik-Experte Klemens Fischer sagt? Fragen und Antworten zu einer geopolitischen Kräfteverschiebung:
Wie und warum setzt Trump die Ukraine unter Druck?
Die schlechten Nachrichten für die Ukraine aus den USA folgten in den vergangenen Wochen Schlag auf Schlag: Erst verkündete der US-Präsident nach einem Telefonat mit Putin überraschend einen Diesel-Deal: Russland werde hunderttausende Tonnen Diesel für die USA und den Weltmarkt zur Verfügung stellen. Die USA hoben dafür Sanktionen gegen russischen Diesel vorübergehend auf. Eine Woche später setzte Trump auch geplante neue Sanktionen gegen Russland kurz vor ihrem Inkrafttreten aus. Diese zielten darauf ab, die russischen Öl- und Gas-Exporte stärker einzudämmen, mit denen Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine finanziert.
Statt den Druck auf Putin zu erhöhen, machte Trump also das Gegenteil. Während er die Aussetzung der Sanktionen mit einem nicht näher ausgeführten «nationalen Interesse» der USA begründete, verkaufte er die Diesel-Vereinbarung als Maßnahme, die die Spritpreise schnell senken würde. Experten äußerten Zweifel an nennenswerten Auswirkungen. Trump erlaubte der Schritt dennoch, um sich innenpolitisch als Präsident zu inszenieren, der die Sorgen seiner Landsleute vor gestiegenen Spritpreisen ernst nimmt.
Wenige Wochen vor den wichtigen Kongresswahlen setzen diese ihn stark unter Druck. Auch Republikaner machten den Iran-Krieg zuletzt ungewöhnlich deutlich für die gestiegenen Preise verantwortlich. Trump wiederum ist bemüht, von den Folgen seines Kriegs abzulenken. Mehrfach machte er den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj für eine weltweite Dieselknappheit verantwortlich und rief ihn auf, Angriffe auf russische Raffinerien einzustellen.
Seit mehreren Tagen klagt das ukrainische Militär zudem über eine Drosselung des militärisch wichtigen Satelliteninternets Starlink. Dieses gehört zum Firmenreich von US-Tech-Milliardär Elon Musk, die militärisch genutzte Sonderfunktion Starshield wird dessen Angaben nach aber vom Pentagon kontrolliert. Trump streitet ab, für die Drosselung verantwortlich zu sein.
Könnte sich der Kurs nach den Midterms wieder ändern?
Das ist unklar. Aktuell im Wahlkampf ist der Druck hoch, und Trump muss den US-Bürgern signalisieren, dass er etwas gegen die gestiegenen Spritpreise unternimmt. Theoretisch kann er die ausgesetzten Sanktionen gegen Russland zu einem späteren Zeitpunkt in Kraft setzen. Die temporäre Erlaubnis für den Verkauf, die Lieferung, das Entladen und den Import von Diesel aus Russland hat das US-Finanzministerium bis zum 7. April 2027 ausgestellt – also bis gut fünf Monate nach den Zwischenwahlen Anfang November.